morgens

die zeit der dunkelläufe geht zu ende. die vögel kündigen hellere frühstunden an, schon liegen dämmerungen voll rotkehlcheneinsamkeiten über schimmerndem stahl. am morgen, zwischen trübmond im westen und oxydblau im osten der erste der zaunkönige, und später, leuchtend aus dem dunklen gewirr von brombeeren, ahorn und kiefer, die unsichtbare amsel.
die beine haben das laufen nicht verlernt, doch sind sie schwer, winterschwer, träge von ruhetagen, fiebertagen. aber die lust ist wieder da, zum erstenmal nach wochen, die lust am entzücken, am atmen, am fluß der bewegung, die lust an erschöpftsein.
jeder morgen ein stückchen heller, eine vogelstimme mehr. bald kann die stirnlampe zu hause bleiben.

waldlauf

wieder morgens laufen: man gewöhnt sich daran, umschattet von wald, begleitet von gewölbten tiefen zu laufen, unter einem schieferfarbenen himmel, der sich nur mühsam von den Kronen der Bäume rechts und links des weges ablöst, durch dickicht, das geradewegs in die nacht, ins wasser, in nester führt, in lichtungen auskommt, wo hexenhäuser wachsen. beim ersten, beim zweiten mal war es noch so unheimlich, daß man den atem anhalten wollte. das knacken überall, das prasseln von eicheln, die immer nur in unmittelbarer nähe fallen, als lenke sie ein widerstrebender baumwille, das gefühl von schritten im rücken, kein eigentliches geräusch, eine sinnesunbegründete gewißheit: das ist wer! so daß man sich zwingen muß, nicht ständig erschrocken den kopf zu wenden. überhaupt das erschrecken. dieses zusammenschrumpfen aller sinne, der zeit selbst, des blutes: einmal, als ich es noch nicht kannte, das kalte glimmen zweier punkte vor mir über den weg, ein reflektorstreifen! huschte laulos zum wegrain, wo es, was immer es war, stehenblieb, und meine phantasie schlug purzelbäume, was macht ein walker mit reflektorstreifen am walkingsstock morgens um sechs am wegrain? warum bleibt der stehen? wartet er auf mich, um mir im passenden moment mit seinem reflektorwalkingstock eins überzuziehen? modernes raubrittertum? ausgebrochener anstaltsinsasse?
monate später erkannte ich, daß es eine katze gewesen war.

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Steinerberghaus

Hier das zelt aufbauen? Am rand der kuppe, unter die birken geschmiegt? Mein blick geht schüchtern vor lauschender einsamkeit wieder zurück zum höchsten punkt, dem ebenen stück erde bei der panoramatafel. noch ein paar schritte unter die wipfel.
Plötzlich ein laut: Geheul wie menschliches gebrüll bricht aus den schatten, ohne ankündigung von schritten oder geraschel, in den abend eingekerbt, es klingt wie hej, houuuu, wie jemand, der nach der ferne ruft, dann wie einer, der einen hund nachahmt, und schließlich wirklich wie ein hund. ein hund? ich bin seit über einer stunde keiner menschenseele begegnet. alle wege waren leer, die feiermusik in Altenahr längst von der krümmung des berges verschattet, die fliegen das lauteste geräusch. einmal ein fuchs, rotes geflitz zwischen den buchen. Wie machen füchse? Sind es schreie wie diese? Die den abend kurz erzittern lassen, ehe sie ganz plötzlich wieder verstummen, von schweigen abgeklemmt, und eine sanft erschrockene, starre stille zurücklassen, in der nicht einmal ein zweigeknacken, ein blätterrascheln übrigbleibt –
Die blicke fliegen. Sanft krümmt sich der hügel aus dem waldkranz. Wächsern und windlos ragen die blätter ins abendlicht. Schatten spreizen hangab ihre hände um stamm und gezweig, die sonne stirbt einen rosahauch auf den weg, am fuß kitzelt das gras. Kühl will es heute nacht nicht werden. Nahebei ragt stumm das dach des Steinergerghauses zwischen zwei fichten auf. Nein, hier nicht, denke ich, nicht mit dem wilden saum blicklosen buschwerks in der nähe, im nacken. den schrei noch im leib wackele ich klopfenden herzens zurück zur ursprünglichen stelle, wo ich zwar weithin sichtbar bin, aber einen ebenso guten rundumblick habe. Savannentier, denke ich, augentier, tagaktiv. Später, im zelt, zucke ich die achseln, werde ich ohnedies nichts mehr merken von dem bunten treiben, das vielleicht, vielleicht nicht, auf der kuppe einzug hält.
Später: Die flasche leert sich mit bedächtigem schaukeln, während der himmel sich anheitert, und der mond die verschatteten dinge berührt, ansaugt, in sich aufnimmt und in gefiederte weichheiten verwandelt zurückgibt. Die lichter sind fern und nah zugleich. Kein geheul mehr. Die kuppe ist völlig ruhig, der himmel rieselt darauf nieder. Mit freudigem schauern bemerke ich den kühlen flug eines leuchtkäfers. Sehr weit weg, schon in einer anderen welt, klettern die signallichter auf der hohen acht am mast auf und nieder. Gegenüber die ortschaft Lind: das licht eines fahrzeugs, das langsam zum ort auffährt. Ich stelle mir den fahrer vor, eingeschlossen in heimatliches blech und gebrumm, der gang wechselt, der motor heult, und die nacht, die stimmen um ihn wie ein meer. links fallen die felder ins dunkel fort.
Da ist mir für kostbare augenblicke alles neu, und das alte, die müden, staubigen tage, liegen abgestreift wie der enggewordene panzer eines kerbtiers unten am wegesrand, an der kreuzung, im fingerhut, in staub und sonne, von wo sich schritte und auge und atmen schon lange weggehoben haben.

(30. Juni 2006)