
(Vollmond vom 26.2.2021, 19:55, 51° 11′ N, 7° 12′ O.)

(Vollmond vom 26.2.2021, 19:55, 51° 11′ N, 7° 12′ O.)
Streb nicht gemäß dem Vermögen, vermöge gemäß deinem Streben:
An des Unmöglichen Dienst wächst das Erreichbare auch.
Soja-Hack von R*genwalde. Angeblich täuschend echt und von echtem Hack aus Thier nicht zu unterscheiden. Lecker? Sagen wir so: Die Fasern kleben nicht so sehr zwischen den Zähnen wie bei echtem Fleisch.
(Im Ernst, wer sich davon täuschen läßt, der hat ein gestörtes Verhältnis zum Rind.)
Ja, was haben wir eigentlich geglaubt, damals, als das Internet jung war? An die reine Menschenfreundlichkeit? An den Spieltrieb des Menschen? An seine reine Freude daran, etwas zu schaffen? An die Möglichkeit, daß es ein kreatives Tun jenseits der Systeme von Leistung und Entgelt geben könnte? An die Möglichkeit, endlich ein Publikum zu finden, unabhängig von Papier, Verlag und Vertrieb? Haben wir wirklich geglaubt, all diese schönen Angebote, von Zeitungen über Kartenservices und Suchmaschinen bis zu Blogs und Videokanälen seien umsonst, weil sie nichts kosteten?
Ja, das glaubten wir wirklich. Wie konnten wir so naiv sein? Wie konnten wir unser Erstaunen darüber, daß all diese bunten Dinge einfach so zu haben waren, als wären sie vom Himmel gefallen, wie konnten wir dieses Erstaunen nur so gekonnt beiseiteschieben? Wie konnten wir den Fehler machen, unser eigenes Engagement, unsere eigene reine Schaffensfreude, unsere eigene Bereitschaft, von den Fesseln und Rahmenbedingungen des real life befreit, etwas Schönes um seiner selbst Willen ins Werk zu setzen, auch bei den Machern von Google oder WordPress zu vermuten? Jetzt wundern wir uns und reiben uns die Augen, und das schon seit einer ganzen Weile. Das letzte Wunder kann man jetzt vielleicht auf WP erleben: Die Plattform plant die Einführung sogenannter sponsored articles, das ist eine originelle Bezeichnung für parasitäre Texte, die ohne Kontroll- oder Einspruchmöglichkeit des Bloginhabers, ja ohne sein Wissen von der Plattform zwischen die Originalbeiträge gestreut werden und nichts anderes sind als Werbung im Gewand eines Blogeintrags. Man könnte auch sagen, im Pelz eines Blogartikels. Das ist ungefähr so, als gehörte zu meinem Mietvertrag, daß ich zweimal die Woche mein Wohnzimmer als Verkaufsfläche für Modeschmuck oder Händies freimachen müßte. Nur, und das ist der Punkt, daß es die Wohnung nicht umsonst gibt. (Worüber man durchaus reden könnte; schließlich sind Straßen, der Dienst von Lichtsignalanlagen, Brücken, Unterführungen, Straßenlaternen, Schulen und Universitäten, Parks und Parkbänke und vieles andere auch umsonst, bzw. durch Steuern finanziert.)
Ich habe von Anfang an nicht begriffen, wie es sein kann, daß ein bloßes Rahmenwerk wie eine Blogplattform etwas kosten solle. Schließlich tritt auch der Papierwert eines Buches gegenüber seinem kreativen Inhalt vernachlässigbar zurück. Papier und Druckmaschinen, das waren die Erfordernisse des real life, die wir, als wir anfingen, das Medium auszutesten, für überwunden glaubten. Daß Inhalte wie etwa Zeitungstexte kostenpflichtig sind, das leuchtete mir ein (umso weniger verstand ich, warum man sie – damals – umsonst bekam); was mir nicht einleuchtete, war, daß ich als Autor in der gleichen Weise der Abnehmer einer Dienstleistung sein sollte wie als Leser.
Ich möchte mich und zahllose Mitstreiter auf dieser und anderen Plattformen durchaus als Kulturschaffende, wenn nicht gar als Künstler, mithin das, was wir hier tun, als Kunst- und Kulturleistung auffassen. Was wir hier einstellen, haben wir mit Sorgfalt und einigem Schweiß gestaltet; es macht vielen Lesern Freude und ist, unabhängig davon, ob es uns selbst Spaß gemacht hat oder nicht, Arbeit*; kostet demzufolge Mühe, Konzentration, Zeit und, jawohl, Hingabe. Verlangen wir etwas dafür? Ich jedenfalls nicht. Ich schreibe gerne, und ich stelle es hier gerne unentgeltlich zum Lesen ein. Aber ich will dafür, daß ich etwas kostenlos anbiete, nicht auch noch zur Kasse gebeten werden.
Ok, wenn WP das ernst meint damit, dann war’s das wohl. Aber Klabautermann-Beiträge über Staubsauger oder Inkontinenzunterwäsche in meinem Blog, die ich weder entfernen noch editieren kann, dulde ich nicht. Dann geh ich und schließe das hier mit einem letzten Eintrag der Kategorie o tempora o mores.
Schade.
Es wäre zu schön gewesen, wie wir damals, in den Nuller Jahren, glaubten. Als wir tatsächlich dachten, das Netz mache ein kostenloses Mittagessen für alle möglich.*
Die Wikipedia (jahrelang glaubte ich, der Name habe irgendwas mit Wikingern zu tun, vielleicht als Ausdruck von Freiheit und Subversivität) wird 20 Jahre alt. Was war den Nachrichten im WDR wert, darüber zu sagen? Das Datum des Onlinestellens; der Name des Gründers, der Ort der Gründung; und: was Kritiker ihr vorwerfen. — Nicht daß man sich nicht bemühen würde; aber gibt es das überhaupt, etwas von Menschen Ausgedachtes und Gemachtes, an das keine Kritik mehr heranreicht? Und könnte man nicht zumindest den Vorschlag machen, angesichts eines Jubiläums und eines beispiellosen Erfolgs ein einziges Mal zu würdigen ohne zu kritisieren? Man hat das Macht’s doch besser schon auf der Zunge. Es ist eine Entgegnung, von der es zu unrecht heißt, sie sei billig oder kindisch. Wer kritisiert, muß sich die Frage nach dem Gegenentwurf gefallen lassen. Das gilt insbesondere und überhaupt für ein Projekt wie die Wikipedia, das ausschließlich davon lebt, daß Kritik nicht nur geäußert, sondern gelebt wird, und zwar von jedem, der sich berufen fühlt. Dir gefällt ein Artikel nicht? Anmelden, besser schreiben. Du hast einen Fehler entdeckt? Anmelden, korrigieren. Dir fehlt ein Artikel zu einem wichtigen Stichwort? Anmelden, Artikel eintragen. Du findest Wikipedia nicht „transparent genug“? Dann melde dich an und mach sie transparenter, Herrgott! Du bist eine Frau und findest die Männer-Frauen-Ratio unter den Mitwirkenden der Wikipedia erbärmlich? Kommste selbst drauf, gell? Wer bei einem Mitmachprojekt nicht bereit ist, mitzumachen, kann sich jede Kritik daran sparen.
Das Jahr ist angesprungen, der Motor dröhnt, die Kolben stampfen. Los geht’s, mit Volldampf in die Zukunft, die man lieber erst gar nicht kennenlernen mag. Gestern im Büro den Kalender weggeworfen. Das Blatt zeigte den 12.3.2020, ein Donnerstag. Letzter regulärer Arbeitstag. Damals war die Vokabel in Präsenz noch unbekannt, und daß ich weder am folgenden Montag, noch Dienstag, noch Mittwoch, daß ich die ganze Woche nicht und auch den ganzen Monat nicht mehr ins Büro gehen würde; daß ich erst am Ostersonntag eine kurze Stippvisite machen würde, bei der ich den Kalender (aus Trotz? Aus Sturheit? Jedenfalls aus dem zähneknirschenden Vorsatz heraus, es erst zu tun, wenn ich wieder einen normalen Bürotag hätte, der Frage ausweichend, wen ich denn bitte mit dieser Aktion zu strafen gedächte) auch nicht aufs aktuelle Datum brachte — das war an diesem Donnerstag (jedenfalls für mich Vogel Strauß aus der subterranen Perspektive) nicht abzusehen, nicht einmal denkbar. Daß ich gar nicht mehr dazu kommen würde, weil die Zeit diesen Kalender verschlingen würde, und immer noch nichts ausgestanden wäre, das wäre allenfalls Stoff für Albträume gewesen. Und da sind wir nun. War es eine Vorahnung, die mich bei der Kalenderbestellung für 2021 den kleinen Wandkalender vergessen ließ? Was da jetzt über meinem Schreibtisch hängt, ist eine Jahresübersicht 2021, lauter unangebrochene Tage; aber kein Marker fürs aktuelle Datum, dessen Aktualisierung ich, als wollte ich die losstampfende Zeit auf Pause stellen, noch halsstarrig verweigern könnte.
Die Nachbarin Lakritze hat’s vorgemacht, ich mach es eiskalt nach. Zweimal ein Bild von Schnee:
Vielleicht fällt es uns auch deshalb so schwer, mit dem Virus umzugehen, weil es unsere liebsten Erzählungen durchstreicht. Der Feuerwehrmann, der in ein brennendes Haus steigt, um Eingeschlossene zu retten; Sicherheitskräfte, die eine zu schützenden Person mit dem eigenen Körper decken; der mutige Ersthelfer, der ohne zu zögern ins eisige Wasser springt, um ein ertrinkendes Kind herauszuziehen; oder auch die Wildsau, die ihre Jungen tapfer vor dem Löwen, die Löwin, die die ihren vor den Jägern verteidigt — das Motiv ist so alt wie die westliche Literatur, und nie sind diese Helden, in menschlicher oder tierischer Gestalt, bescheuerte Spinner, in diesen Erzählungen ist der Einsatz des eigenen Lebens zur Rettung anderer immer positiv bewertet — selbst da noch, wo der Retter scheitert. Ein solches Heldentum ist individuell, es hat einen Namen und ein Gesicht in den Zeitungen.
Was war Heldenmut in Zeiten der Pestilenz? Er bestand in der aufopferungsvollen Pflege der Kranken und war, aus heutiger epidemiologischer Sicht und in Anbetracht der damaligen Unkenntnis des Ansteckungsweges, grundverkehrt. Die Pfleger pflegten und steckten sich pflegend selbst an — um der Seuche daraufhin bei der Ausbreitung behilflich zu sein. Der pseudoheilige Rochus — die Geschichte schweigt davon, wie viele weitere Menschen er mit seiner Pestbeule angesteckt haben mag.
Das Virus zwingt zur Feigheit. Wer feige ist, ist gut; wer sich selbst schützt, schützt andere. Feigheit ist die neue Leittugend, das neue Heldentum. Aber was für alberne Helden bringt es hervor? Todesverachtung heißt unter den Regeln, die das Virus aufstellt, Menschenverachtung, und wer mutig ist, rettet nicht, sondern gefährdet andere. Wir würden uns gerne mutig als Teil der Lösung verstehen, dabei müssen wir lernen, uns als Teil des Problems zu sehen. Das läuft konträr zu all unseren Lieblingserzählungen, ist langweilig und empörend, verspottet die Intuition und kehrt alle Werte, die wir rund um Gefahr und Gefährlichkeit errichtet haben, um. Wir sind keine Helden, wir sind selbst die Gefahr. Wir selbst sind das Böse, seine Träger, seine Knechte.
Unser gewöhnliches Vokabular in Antwort auf Gefahr ist: trotzen, bekämpfen, Widerstand leisten. Gerade hinstehen. Schultern breit. Dem Gegner ins Gesicht lachen. Zwar wird jedem Ersthelfer im Kurs der Leitsatz eingebleut, ein toter Helfer ist ein schlechter Helfer; aber die guten Geschichten gehen anders, da finden wir Absperren und Warndreiecke eher langweilig. In den Geschichten rennen wir einfach, unserem besten inneren Befehl folgend, ins brennende Haus, verachten wir den Tod und bleiben trotzdem am Leben. Das Virus aber verbietet uns nicht nur unsere besten Instinkte (bei Bedrohung zusammenzurücken und Trost in der Nähe zu suchen); es hat auch leider keine guten Geschichten für uns, keine Erzählungen, deren Helden wir gern selber wären.
Dieser Tage gehört:
„Wir werden das Virus nicht besiegen, wir werden mit dem Virus leben müssen.“
(Reni K., 35, Lektorin)
„Daß tausende Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, das ist ja wohl schlimmer, als wenn ein paar Rentner, die sowieso bald gestorben wären, jetzt eben ein paar Monate eher abtreten.“
(Marcel W., 25, Landschaftsgärtner)
„CoViD-19 ist gut für die Rentenkasse.“
(anonym)
„Ich laß mir doch vom Staat nicht vorschreiben, mit wie vielen Leuten ich mich treffe!“
(Marcel W.)
Steine schluckten den Wind. Zum Grund zieht der Bachlauf die Wolken.
Nacht strömt ein, im Gezweig retten sich Vögel an Land.
Letzte Schritte im Laub. Das Lauschen der Spinnen im Holzstoß.
Aufgehängte Luft, Pein, die ein Glockenschlag löst.
Schwingen, beherztere Namen der Stille, sie ließen die Stunde
wie sie am Boden vergeht, Lidschlag um Lidschlag zurück.
Wie mir bestimmte Schlagwörter (Neoliberalismus, Globalisierung, Digitalisierung, Konsumgesellschaft, Patriarchat, Klimawandel, Konzern, Gewinnmaximierung etc.) jeden Sachtext von vornherein verleiden. Sobald eins davon aufscheint, klingt es immer so, als würde jemand eine auswendig gelernte Lektion herunterbeten, nachdem alle anderen Schüler sie auch schon heruntergebetet haben. Wirklich Originelles, darf man vermuten, ist nicht mehr darunter. Wir haben schon alles durch. Es bleibt, zu handeln.
Zum Beispiel in dem Nerd-Buch von Sibylle Berg. Da steht meistensteils auch nur das, was alle anderen auch schon gesagt haben. Und bei Sätzen wie diesen etwa: „Die heutige Weltordnung stößt an ihre Grenzen. Wir überbeanspruchen die Ressourcen der Welt. Das führt zu Engpässen, Konflikten, Kriegen, Massenmigration usw. … Um [das Problem] zu lösen, bräuchten wir einen Umbau unserer Wirtschaft und Gesellschaft — und zwar weltweit“ oder diesen „Wir müssen aus unserer Konsum-Lethargie ausbrechen …“ (Dirk Helbing, ETH Zürich, TU Delft) denkt man ja nur noch, ach ja. Verblüfffende Lösungen jeneits von schmerzlichen Rückschnitten sind da nicht zu holen — die aber, die Schnitte nämlich, werden uns ja schon andernorts und ubiquitär um die Ohren gehauen. Nicht, daß es nützen würde. Abgesehen davon, kann man es nicht mehr hören. Man tut ja schon fast alles. Man fährt kein Auto, hat noch nie eines besessen, man fliegt nicht, man fährt Rad mit Muskelkraft, der letzte Urlaub war in Darmstadt an der Bergstraße, man besitzt kein Mobiltelephon, man trägt die Klamotten, bis sie auseinanderfallen und kauft ansonsten Kleider im Gebrauchtwarenkaufhaus, man ißt wenig Fleisch und nur saisonales Obst und Gemüse, man heizt erst ab unter 16° Raumtemperatur, man duscht ausschließlich kalt, sommers wie winters. — Und? Nix is. Es ist grad egal. Aber das nächste Buch mit dem Untertitel Wie wir den Klimawandel in den Griff kriegen erscheint sicher dieser Tage.
„Sankt Kathrein stellt den Tanz ein“. Auf dem Gartenkalender (eine Fundgrube für hergebrachtes Kalender-, Bauern- und Jahreszeitenwissen) lese ich, daß traditionell am 25. November die Vorweihnachtszeit begann. Vorweihnachtszeit war Buß- und Fastenzeit, gesellige Veranstaltungen hatten ab dem 25. November aufzuhören. Legt die aktuelle Weltlage nicht nahe, statt in Glühwein, Geklingel, Lebkuchen, Lichterketten zu schwelgen, solches Brauchtum wieder aufleben zu lassen und die Vorweihnachtszeit ihrer ursprünglichen Funktion der Erwartung, Reinigung und stillen Einkehr zuzuführen?
4 (1) Interea irruentibus intra Gallias barbaris Iulianus Caesar coacto in unum exercitu apud Vangionum civitatem donativum coepit erogare militibus, et, ut est consuetudinis, singuli citabantur, donec ad Martinum ventum est. (2) tum vero oportunum tempus existimans, quo peteret missionem – neque enim integrum sibi fore arbitrabatur, si donativum non militaturus acciperet -, hactenus, inquit ad Caesarem, militavi tibi: (3) patere ut nunc militem Deo: donativum tuum pugnaturus accipiat, Christi ego miles sum: pugnare mihi non licet. (4) tum vero adversus hanc vocem tyrannus infremuit dicens, eum metu pugnae, quas postero die erat futura, non religionis gratia detractare militiam. (5) at Martinus intrepidus, immo illato sibi terrore constantior, si hoc, inquit, ignaviae adscribitur, non fidei, crastina die ante aciem inermis adstabo et in nomine Domini Iesu, signo crucis, non clipeo protectus aut galea, hostium cuneos penetrabo securus. (6) retrudi ergo in custodiam iubetur, facturus fidem dictis, ut inermis barbaris obiceretur. (7) postero die hostes legatos de pace miserunt, sua omnia seque dedentes. unde quis dubitet hanc vere beati viri fuisse victoriam, cui praestitum sit, ne inermis ad proelium mitteretur. (8) et quamvis pius Dominus servare militem suum licet inter hostium gladios et tela potuisset, tamen ne vel aliorum mortibus sancti violarentur obtutus, exemit pugnae necessitatem. (9) neque enim aliam pro milite suo Christus debuit praestare victoriam, quam ut subactis sine sanguine hostibus nemo moreretur.
Inzwischen waren Barbaren nach Gallien eingefallen, und nachdem Kaiser Julian das Heer an einem einzigen Ort bei den Vangionen zusammengezogen hatte, befahl er, einen Extrasold für die Soldaten auszuzahlen. Wie es üblich war, wurde jeder einzeln aufgerufen, und so kam die Reihe auch an Martin. Da dachte dieser, daß nun die Gelegenheit gekommen sei, um seine Entlassung zu erbitten, denn er hielt es nicht für anständig, den Extrasold ohne die Absicht anzunehmen, weiterhin als Soldat zu dienen; und so sagte er zum Kaiser: „Bis heute habe ich dir als Soldat gedient; erlaube mir nun, als Soldat Gott zu dienen. Dein Geschenk mag annehmen, wer für dich kämpft, ich aber bin ein Soldat Christi, ich darf nicht mehr kämpfen.“ Da wurde aber der Kaiser zornig über diese Worte und entgegnete, daß jener nicht aus Gründen des Glaubens, sondern nur aus Furcht vor der Schlacht, die am folgenden Tage stattfinden sollte, aus dem Wehrdienst ausscheiden wolle. Doch Martin blieb angesichts der Drohung nur umso standhafter und entgegnete unerschrocken: „Wenn du meine Entscheidung der Feigheit, nicht dem Glauben zuschreibst, so will ich morgen ohne Waffen mich vor das Heer stellen, und im Namen des Herrn Jesus werde ich, ohne Schild oder Helm, nur mit dem Schutz des Kreuzzeichens, unbeschadet durch die Reihen der Feinde schreiten.“ Der Kaiser ließ ihn in Ketten legen, damit er zu seinem Wort stehe und sich unbewaffnet dem Feind entgegenwerfe. Am nächsten Tag aber schickten die Feinde Unterhändler, die um Frieden baten, und ergaben sich und all ihren Besitz. Wer könnte nun anzweifeln, daß dieser Sieg wahrlich der eines glücklichen Mannes war und ein schönerer Ausgang, als wenn er unbewaffnet wäre in die Schlacht geschickt worden. Natürlich hätte der fromme Herr auch dann seinen Soldaten vor den Schwertern und Lanzen der Feinde bewahren können. Aber damit die Augen des heiligen Mannes nicht durch den Tod anderer verletzt würden, nahm er die Notwendigkeit der Schlacht hinweg. Denn zu keinem geringeren Sieg mußte Christus seinem Soldaten verhelfen, als zu einem, bei dem die Feinde ohne Blutvergießen bezwungen würden und niemand sterben müßte.
(Sulpicius Severus, Vita Sancti Martini, 4)
Die Zeit: Gestern im Hauptgebäude wegen der Grippeimpfung. Dozentenzimmer, ein heller, unbestuhlter Raum mit Parkett, gegenüber der Aula 2. War es hier, dachte ich, als ich darauf wartete, eingelassen zu werden und durch die halboffene Tür schaute, hier muß das doch gewesen sein, jener Abend der Verabschiedung Professor Stephanys. Oder nicht? In diesem Moment kam es mir wieder so vor, als vergingen die Orte ebenso wie die Zeit, mit ihr, in ihr. Es gibt ein Damals des Dozentenzimmers (wenn es dieser Raum war, aber was heißt dann noch dieser Raum? Es heißt so viel oder so wenig wie ein wiederkehrendes Datum, also etwa der 22. Juli, jedes Jahr ein anderer Tag und auf eine recht sublime Weise nur „derselbe“), ein Damals dieses Raumes, so wie es ein Jetzt dieses Raumes gibt, seine Fortsetzung ins Heute. Aber in welchem Sinne ist es derselbe Raum? Ich versuche mir vorzustellen, wie das damals war, Sommerabend, der Raum mit Tischen und Stühlen versehen, die zu vorgerückter Stunde zusammengeschoben wurden, um eine vertrautere Runde zu bilden. Ich weiß kaum noch etwas über den Abend, außer, daß ich damals auf dem Weg zum Institut einem Trupp von dort begegnete, der bereits auf dem Weg zur Festlokalität war, was Erheiterung auslöste und mir die Hektik des Erklärenmüssens einflößte; daß Stephany statt Blumen und Geschenken um Spenden für irgendein Kinderhilfswerk bat; daß ihre Ziehtochter anwesend war, und von diesem Menschen her ein schmaler Streif Lichts in das Privatleben der strengen Wissenschaftsgouvernante fiel, das fällt mir jetzt erst wieder ein; und daß Frau Ohlshausen, von der ich doch glatt den Vornahmen vergessen habe, zu diesem Zeitpunkt selbst schon in Rente, mit Frau Stephany zum Du übergegangen war.
Wenn man sich nach einer bestimmten Zeit im eigenen Leben zurücksehnt, was ersehnt man dann eigentlich? Doch wohl nicht, diese Zeit, exakt wie sie war, noch einmal zu erleben. Worauf richtet sich dann die Nostalgie? Könnte es sein, ausgehend von der ersehnten Zeit, mehr davon zu haben? Daß sie dauere? Oder daß man mehr alternative Zukünfte in ihr, aus ihr heraus, in ihrem Geiste erleben dürfe?
Auch die Erinnerungen, die Wärme, die mir von bestimmten vergangenen Zeiten (in denen ich glücklich war, ohne es zu wissen, was ich erst heute weiß) entgegenwallt, das Glücksgefühl, gepaart mit Melancholie, vollzieht sich im Jetzt. Es ist das Glücksgefühl jetzt, der Erinnerung an ein Damals, das von mir vermutlich als ähnlich gemischt und ambivalent empfunden worden ist, solange es ein Jetzt war. Hebe ich dann nicht jetzt erst den Schatz, den ich damals, ohne zu wissen, daß es ein Schatz war, zusammenraffte? Fühle ich jetzt das Glück, das ich damals nicht empfand? Wie einen gelagerten, gereiften Wein? Und doch ist es das ja nicht. Ich bin nicht glücklich, wenn ich mich an dieses unerkannte Glück des Ehemals erinnere. Ich sehne mich nach etwas, das ich nicht verloren haben kann, weil ich es nie besaß.
(Im Ohr: Mozart, Quintett für Klavier und Bläser)
Pappiges Rascheln, Dukelheit, Regen, rauschende Straßen noch vor dem Wachwerden. Und Blink- und Piepsfahrzeuge sind auch schon unterwegs. Hier ist praktisch täglich irgendeine Abfallspezies zur Abfuhr dran. Es lebe das Wachstum, der Fortschritt und die Mülltrennung.
Langes Haar, Laufhose und Fleecepulli. Wie das sofort Assoziationen an erste Freundinnen aufruft, an bequeme, bald abgelegte Kleidung, die man gegen Decken eintauschte, während draußen die Kastanienalleen verdämmerten. Lust und Liebe, die bei mir so oft mit dem Herbst sich verbanden, mit den frühen Abenden. Wie wir zu Bett gingen am Tage und im Dunkeln desselben Tages uns höchstens noch zum Abendessen erhoben. Wie die geliebten, angestaunten Gesichtszüge in die Dunkelheit eintauchten, nur noch für Küsse erreichbar, und wie man einander am Geruch wahrnahm, am Kitzeln von Haar und den Strahlungen von Haut, den Strömen von Feuchtigkeit unterm Haar. Und draußen der Herbst, wie ein wohlwollenden Tuch über Haus, Zimmer, Bett geworfen. Die Wege, die alle blieben, als stumme, wissende, verschwiegene Wächter, die uns besser kannten als wir uns selbst.