Selbst wenn
ich den blick abwende
bleiben
die anderen augen
in meinem nacken
das springseil ist verhakt mit dornen
und die
schaukeln
schaukeln nicht mehr
gefesselt steht
die wippe starr und
starr die schönheit der
blumen alle.

Als könnte ich Herzschläge umblättern, mit Fingern, die wund sind von der Zartheit des Seidenpapiers: so ließe sich die Zukunft vielleicht auswendig lernen, wenn man nur schnell genug wäre und ihr zuvorkäme. Aber ich sehe mich schon wieder meinem Schatten hinterherlaufen, ihn einzuholen hoffnungsvoll bemüht. Ein leerer Raum spannt sich erstickend um mich, so leer, so sehr überhaupt Raum, das es mir eng wird um brust und Mund und Glieder. Wo bin ich selbst in all dem Gefäde und Gezerre von Dimensionen? Wo stehe ich, ist mein Platz, was habe ich in meinen Händen, das ich anbieten könnte? Ich weiß nicht, was verlangt wird. Ich weiß nur, daß etwas verlangt wird, weil ich selbst voller Verlangen bin. Doch stehe ich am Rand, in der Mitte, oder wo? Plötzlich verschiebt sich alles, und es steht zu erwarten, daß sich noch mehr noch ärger verschieben wird, ein Schock der Erkenntnis: Du bist gar nicht so, nicht der, für den du dich hieltest. Eingenistet in bequeme Annahmen habe ich mich.

Es bleibt nur, unstillbar, unergründlich, unauslotbar, der Wunsch: zu gefallen. Das Wasser reichen zu können. Als könnte man sich und andere an sich selbst und anderen messen. Alles ist erlaubt, nichts ist möglich.

Und ich muß mich seit neuestem fragen: Wie wäre es? Ja, wie wäre es überhaupt?

Über Kirchturm und rauchwürgende Kamine hin gellt der Dreiecksschrei der Gänse. Asphaltgeruch mit Nässe und Pferdemist klebt in der Nase, die Stirn schmerzt, die Autos rollen wie wild, als hätte Ziel und Fahrt und Weg irgendeine Bedeutung, die Züge quietschen und halten und halten. Bäume hängen am Himmel fest, und ich bin so müde bis ins Innerste hinein. Zermüdet, zermürbt, zerfühlt. Zerfasert und zerdünnt bis an die Grenze einer Leere, die so dichtgepackt ist, daß sie keinerlei Empfindung außer dem Wahrnehmen ihrer selbst mehr aufnehmen kann. Ich möchte mir eine Decke aus grauschweren Wolken über den Kopf ziehen und schlafen, schlafen, schlafen.

Gestern nacht plötzlich, in jenen gefährlichen Stunden, da die Erinnerungen an uns wallen wie traurige Vogelschwingen, wie Rauch, der endlos den Kaminen entquillt, vermisse ich meine ehemalige Mitbewohnerin, Carmen, die vor drei Monaten aus unserer WG ausgezogen ist. Wir haben kaum je ein intensives Gespräch geführt, ja, wir sind uns kaum je wirklich über den Weg gelaufen. Sie war tags über nicht da, ich nachts meistens nicht. Sie aß gerne auf ihrem Zimmer, fernsehenschauend, ich in der Küche. Ein Hallo hier oder da; ein bißchen Lästern über die Jungs, die im Hof ihre Mofas frisieren. Ein Lächeln hier, ein Grinsen da, da war alles. Und plötzlich vermisse ich sie wie verrückt. Ist es diese schlimme Stunde, vier Uhr morgens, wenn man glücklich von der Toilette zurück ist und die warme Bettwatte einen wieder umfängt, diese Stunde, da plötzlich Altes, Vergessenes, Verdrängtes, Übersehenes und Vergangenes wieder hochkommt wie zäher, unverdauter Brei? Ist es die plötzliche blitzwache ‚Erkenntnis, daß uns nichts, aber gar nichts bleibt auf unserem Weg, und wir alles verlieren werden, früher oder später? Ist es das Gefühl der Hilflosigkeit, und daß uns alles, was wir an Leben schaffen und uns als Gewinn anrechnen, unaufhaltsam, von Minute zu Minute entgleitet? Wie oft schon lag ich plötzlich wach, schlaflos vor plötzlichem Weh.

Carmen hatte zwei Mäuse, die nachts in ihrem Riesenterrarium herumfegten und nagten und wühlten. Wenn ich wandern war, brachte ich ihnen immer etwas zum Knabbern mit, Fichtenzapfen, ein Stück Borke, Hainbuchenzweige. Es dauerte nie länger als ein zwei Tage, bis alles zu Sägemehl verarbeitet war. Daran dachte ich jetzt, oder wie wir zu dritt kurz vor ihrem Auszug die Küche renoviert haben, Claas, sie und ich. Wenige Tage später sagte sie uns, sie wolle mit ihrem Freund zusammenziehen.

Oder mein Mitbewohner Jörn, mit dem ich über drei Jahre zusammenwohnte, in einer anderen Zeit, damals, in Plittersdorf. Jörn, dem ich mein Herz über eine gerade vollzogene Trennung ausschüttete, kaum daß wir einen Monat zusammenwohnten. Jörn, der mir alles über seine indonesische Freundin erzählte. Wir teilten das kleine Appartement vom Winter 93 bis zum Sommer 97. Eines Abends füllten wir billige Weingläser von IKEA mit Wasser und bauten eine kleine Glasorgel auf; dann probierten wir solange am Wasserstand herum, bis es uns gelang, die Titelmelodie von Once upon a time in the west zu intonieren. Wir saßen bis zwei Uhr morgens in der Küche, berauscht mehr von unserem Spiel als vom Chianti, glücklich wie kleine Jungs.

Was ist davon geblieben?

Nichts.

Solcherart sind die Dinge, die plötzlich da sind, um vier Uhr morgens, zwischen Schlaf und Schlaf, so nah, als wäre man noch mittendrin, und so schmerzvoll weit weg, daß es einem eng wird in der Brust. Wo soll man das alles nur hintun? So vieles geschieht, ist geschehen, wird geschehen. Zuviel, um alles in all seinen Tragweiten, Facetten Farben und Gerüchen je so durchdenken und erinnern zu können, daß man sagen kann, es ist gut. Dazu ist es zuviel, ist es zu groß. Wir schlucken es nicht. Wir lösen es nicht. Wir sind nie mehr frei. Wir schieben nur fort. Und unter dem Schleier hervor kriecht es dann nachts und macht uns weh vor Vergeblichkeit und Vorbei, vier Uhr morgens, zwischen Schlaf und Schlaf.

Sonntag

Kann man mehrere Ohrwürmer gleichzeitig haben? Man kann. In meinem Fall sind es ungefähr 12, die summen und spielen und zupfen und singen in meinem Kopf schon den ganzen Tag. Von neuen Leuten und Kamillen, von Krampenschlägen vor Tag und von dort, wo die Malven blühn; und von einem Pfefferminzmund und schweren Händen und kühler Haut, und von einem Glas Wein, das vielleicht das letzte Glas sein wird. Ich laufe durch den Wald und über die Felder, auf denen der untergegrabne Kohl faulig seinen Duft aussendet, und lausche und lausche, und über mir ziehen schon wieder die Gänse dahin, die den großen Himmel von sich geworfen und abgeschüttelt haben, und noch einmal schreien und schreien, ehe sie auf und davon sind für wieder einen Winter.

Vorlesen

Etwas, das mir geblieben ist aus Kindertagen. Das Entzücken, eine Geschichte zu hören, eine Geschichte vorgelesen zu bekommen. Dem Unmittelbaren des Stromes von Wörtern und Sätzen ausgesetzt zu sein, die eine echte Stimme formt … und keinerlei Kontrolle zu haben über Geschwindigkeit und Pausen, ganz der eigenen Aufmerksamkeit anheimgegeben und vertrauend: Wieviel echter war das, als es das Lesen heute ist. Wie groß dieser Bann doch war, kaum daß die magischen Eingangsworte aufklingend ihren Zauber zu verströmen begannen … Und wieviel kunstvoller, weil entfernter, weil entrückter, weil traumhafter, als es ein ähnlich uneingreifbares Medium, der Film, je sein könnte. Manchmal noch geht es mir heute noch so, daß ich einen Text erst dann richtig zu schätzen lerne, nachdem ich ihn gehört habe.

Ohrwurm

Geht mir jetzt schon den vierten Tag im Kopf herum. Wispert zwischen den Schläfen. Läßt sich nicht abschütteln, überdecken, tilgen, wegreden, ablenken. Ist da und summt.

θα κεράσεις απ’το μέλι των ματιών σου

In die Räume Risse Ruhelosigkeiten hinein bleibt nur: Antwortworte verketten und weben und mir erflüstern und vorsagen, und hoffen, daß die Tage anders werden.

Auf einem Friedhof entdeckt. Da stehen wir, lesen und staunen in die Sonne hinein. Das ist mal wieder tiefschön und wundertraurig. Jede Bemerkung wäre überflüssig gewesen. Leider war ich leichtfertig und ein Knittern kam durch den Augenblick. Trotzdem … trotzdem was?

Trost

Unsterblich duften die Linden –
was bangst du nur?
Du wirst vergehn, und deiner Füße Spur
wird bald kein Auge mehr im Staube finden.
Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn
und wird mit seinem süßen Atemwehn
gelind die arme Menschenbrust entbinden.
Wo kommst du her? Wie lang bist du noch hier?
Was liegt an dir?
Unsterblich duften die Linden. –

(Ina Seidel)

Nachmittag

Die Sonne schneit ein vorletztletztes Mal auf Gräber. Licht zerwühlt Gelblaub. Blätter schlürfen an den Schritten. Leere Gießkannen stehen in blauer Einsamkeit, starren ins nadelgeschmückte Wasser, woraus ihnen ihr Spiegelbild traurig entgegensteigt. Schwarzgekleidete Trauer wartet hinterm Tor: Doch Lachen fegt alle Stille hinweg, und das Licht darf jubeln und willkommen sein. Alles ist nah und betastbar. Alles ist Jetzt und will den Augenblick sprengen. Vorher ist Nachher ist wieder vorher, ehe sich alles in einem Wirbel verabschieden darf und als Erinnerung Schönheit wird. Die Gräber umkreisen sich. Die Blicke verstecken sich bald, bald springen sie umeinander wie junge Hunde. Und da ist plötzlich schon immer alles ganz einfach. Überall lächelt es. Und die letzten Fremdheiten trugen die Marienkäfer fort nach Nimmerland.

Ein Streif und eine Berührung unter Wolle hier und Wolle da. Schritte laufen aufeinanderzu nebeneinanderher. Nichts war vorher, und die Stunden haben den langsamen Schwung ihrer Herzen eben begonnen.

Schlampermäppchen

Gerade beim Stöbern in verschiedener Autoren Mottenkisten hier fündig geworden. Ich lese das Wort, stutze, und dann verstehe ich, und eine verschüttete Welt öffnet sich. Ein einzelnes Wort führt mich zurück in eine tintenbekleckste Holzbank. Ich habe Sand in den Sandalen und Filzstiftkleckse an den Fingern, und die Hefte und Stifte und Bücher duften fremd und aufregend und ein bißchen gefährlich. Frau Mayer-Ullmann dirigiert, und 30 Kinderkehlen plärren: „Auto fahren, Auto fahren, heute wolln wir Auto fahren“ Eine neue Seite vom „Fehlerteufel“. Eine neue Seite im Lesebuch, groß und bunt und zur Eroberung freigegeben, wie ein fremdes Land. Hefte, Ordner, rauschendes, glattes, sinnlichweißes Papier, Plastikumschläge, Schulranzen. Und: ein Mäppchen. Man kann es aufschlagen, und darin schimmern, wie Schmuckstücke auf Samt, Stifte, Füller, Radiergummi, sogar ein kurzes Lineal.

Eigentlich langweilig. Ich weiß nicht mehr, wo ich dann das andere zuerst sah, wer es hatte, wem es gehörte, wer es haben durfte, das verruchte Ding, die Verführung zur Sünde, der Feind jeder blitzenden Ordnung, herrlich und wild und viel schöner als der öde aufgereihte Schmuck der Stifte. Wie konnte ich das vergessen! Der Inbegriff aller Arten, seine Stifte zusammenzuhalten. Die ungestillte Sehnsucht meiner ersten Schuljahre und laut den Erwachsenen Anfang aller Verwahrlosung. Schlamperei eben. Was für ein schönes Wort: heute, wo ich eines habe, ohne verwahrlost zu sein, hätte ich gar keinen Namen mehr dafür gehabt. Jetzt weiß ich ihn wieder.

Das Schlampermäppchen!

Traum vom Weltuntergang

Es hatte sich angekündigt. Etwas war geschehen, auch wenn man noch nichts davon merkte, nicht sogleich, etwas Endgültiges, war geschehen oder geschah gerade irgendwo, oder würde zwangsläufig, unausweichlich, geschehen. Keine Massenpanik, keine Flüchtlingsströme, keine Plünderungen, keine Aufrufe zur Umkehr, zum Sündenbereuen. Alles geht seinen Gang. Gleichzeitig ist alles anders, verschoben, falsch, alsobnichtswäre. Eine Kulisse? Dumpfe Angst, eigentlich eher das Gefühl, jetzt alles aufgeben zu müssen. Nicht der Tod steht bevor, sondern eine gräßlich veränderte Welt.

Später ein glühender, hitzewabernder Ozean. Daraus steigen glutflüssige Stränge zitternd und langsam, wie Schlangen oder Schleimpilze aus Öl, empor. Tropfen lösen sich aus der leuchtenden Masse, ein gelbliches Magma. Der Ozean kocht. Über dem Gezitter der aufstrebenden Fäden flimmert Glutdunst. Dunkler Himmel, violett, fast schwarz. Es ist ganz still, eine schweigende Hölle.

Später im Wasser. Ich schwimme. Da sind noch andere Menschen mit mir. Rotbraune Flächen aus irgendeiner Säure schwappen träge auf der sanften Dünung. Jemand sagt, daß es Säure ist. Ich weiß nicht, ob ich es berührt habe. Ich spüre nichts.

Dann an Land. Ein felsiges, kahles Ufer. Ich klettere barfuß über Klippen. Andere Menschen sind auch da. Überlebende? Da liegt ein Stein mit so etwas wie einer Inschrift. Ich freue mich. Irgendeiner lacht aber wütend über mich, will den Stein, den Text darauf, weghaben. Für mich ist er ein Überbleibsel, eine Erinnerung, eine Hoffnung. Ein Bewahren. Der andere weist mich ruppig darauf hin, daß das ein christlicher Text sei, in einem Ton, der mir sagt, daß mir das doch klar sein müsse. Und wirklich, da ist ein Symbol, ein Fisch? Ein Kreuz?

Später wieder die Kulisse. Ein Reisebüro. Die Welt gleichzeitig vor und nach dem Weltuntergang. Oder der Weltuntergang des einen Traumes stiehlt sich heimlich in den nächsten Traum, und bildet einen düsteren Hintergrund. Ich will verreisen, gleichzeitig ist mir klar, daß es Wahnsinn ist, jetzt ans Reisen zu denken. Am selben Tag will ich fliegen, nach Griechenland. Aber es ist alles ausgebucht, kein Hotelbett mehr frei, den ganzen August. Aber ich will ja kein Hotelbett, ich will nur den Flug. Nein, sagt man mir und sieht nicht einmal zu mir hin dabei, auch Flüge gebe es keine mehr. Da beschließe ich mit schwacher Hoffnung, zum Flughafen zu gehen und es dort zu versuchen. Ich verlasse den Schalter des Büros und zwänge mich unter enormen Schwierigkeiten mit meinem Gepäck durch eine sperrige Glastür.

Morgengrauen

Der Tag will nicht. Das Licht klebt an der Nacht fest. Die Bäume schauern so leise, als wolle es gleich wieder dunkel werden. Ich bin nicht sicher, ob ich das schlimm fände. Im Zimmer ist es still, obwohl das Radio läuft. Der Gedanke streift mich, daß seit zwei Wochen die ersten Nachrichten des Tages stets das Wort „Anschläge“ enthalten. Bis auf diejenigen Nachrichten, die das Wort „Sozialreformen“ enthalten. Der Gedanke stört mich nicht. Er taucht wieder weg. Musik erklingt, die als Kammermusik von Max Reger angesagt wurde, aber so klingt, als sei sie von Schumann, vielleicht Mendelssohn. Ein weiterer Gedanke taucht auf: Was geht wohl hinter den Kulissen vor sich, wenn ein Musikstück falsch angesagt oder zur richtigen Ansage das falsche Stück aufgelegt wurde? Panik? Hektisches Herumsuchen in den CDs? Herzklopfen? Oder gelassene Heiterkeit? Und wie löst man das Problem der Verzögerung, wenn die Sendung doch bis auf Sekunden genau ausgetüftelt war? An dieser Stelle überkommt mich der Verdacht, daß meine Gedanken mir selbst zu schwierig sind. In den Scheiben ist wenig vom Hof zu sehen, nur mein Spiegelbild, wacher als ich selbst es bin, mir fremd, so fremd, als hätte dieses Gegenüber schon alles gelöst, alle Fragen beantwortet, die sich mir stellen, alle Wege schon klug beschritten, und warte jetzt auf mich, daß ich sie auch gehe. In den Scheiben sehen die Wände durchsichtig aus. Trotzdem scheint das gespiegelte Zimmer kleiner. Aber gemütlicher, überhaupt mehr wie ein Zimmer, wie etwas Wohlfühlbareres als das echte.

Als gebe es da draußen, in einem Raum, der nicht existiert, ein echteres Leben mit einem echteren Ich, das ein wahreres Leben führt als ich selbst.

Ein leiser Brandgeruch wie von Lagerfeuern läßt den Ort wiedererleben: ein kleiner Campingplatz in den Waliser Bergen, an einen Moränenwall mit tosendem Gletscherbach geschmiegt, im Schatten mächtiger Berge, unweit blauschillernden Eises. Gerüche hüllen mich ein, Fichtenzapfen, Harz, die Kühle, die vom Eis herabweht. Der Feuergeruch, so einer, wie damals aus den vielen Lagerfeuern des Platzes aufstieg und die abendkalte Luft würzte, wo immer ich ihn heute wahrnehme, reicht aus, mich zu entführen, und sogleich wandle ich wieder im lieblichen Ithilien, begleite edle Könige und tapfere Königstöchter in die Schlacht oder folge kleinen Helden über unwegsame Pfade, sehe den blütengekrönten Steinkopf des Königs vom letzten Sonnenstrahl getroffen werden; ich blicke auf zu den düster drohenden Gipfeln des Ephel Duath, zu den Wachfeuern entlang der Hänge der Ered Nimrais; höre den Anduin an den Stromschnellen brausen; blicke mit Gänsehaut von Osgiliath über den Strom in die Länder jenseits …; Namen und Orte tauchen auf und verzaubern mich aufs neue, dunkle und schöne Namen, Namen, die von Anmut und Herrlichkeit, solche, die von Verderben, Haß und Zerfall sprechen: Mindolluin, Minas Ithil, Ephel Duath, Cirith Ungol, Orodruin, Henneth Annûn …

Es ist nicht einfach mein Lieblingsbuch. Es ist ein Buch, dem ich viel verdanke. Nicht allein so ephemere Dinge (die damals gleichwohl bedeutend waren) wie meine Lateinnote, die sich nach den Sommerferien von einer äußerst knappen vier auf eine bequeme zwei besserte (es muß für meinen Lateinlehrer eine Wahnsinnsfreude gewesen sein; er gehörte zu denen, die die Hoffnung nicht aufgeben); nein, Wichtigeres stand auf dem Spiel: Hätte ich die in mir schlummernde Liebe zur Sprache je entdeckt? Hätte mir nicht ohne die frühe Entdeckung dieser Liebe ein eigenes Territorium, ein Rückzugsgebiet, ein Stolz gefehlt? Womit hätte ich ohne diese gegen alle Unbill schützende Begeisterung die schwierigen Jahre der Schulzeit, des Heranwachsens überstehen sollen, ohne Schaden zu nehmen? Auf welches Ureigene, mir nicht Absprechbare hätte ich mich berufen sollen, wenn ich meinen Sprachenfimmel nicht gehabt hätte? Auf welches Abgrenzungsmittel und Gegengewicht? Was hätte ich der Macht der Konformität (die nie meine Konformität war) entgegenzusetzen gehabt? Und hätte ich wohl ohne dieses Buch je das studiert, was ich dann später studiert habe? Wenn ich es nicht in einem Alter gelesen hätte, in dem sich viele Weichen stellen, ohne daß mans da schon ahnt: Ich wäre heute wohl nicht da, wo ich jetzt bin. Mein Leben wäre vermutlich völlig anders verlaufen.

Damals war es einfach nur ein spannendes Buch unter vielen spannenden Büchern, dessen wahre Bedeutung, dessen katalysatorhafte Wirkung auf mich mir nicht sogleich klar war, da es, abgesehen von der Lateinnote, erst später Früchte trug. Ich verschlang es, ohne viel darüber nachzudenken, wie ich so viele Bücher verschlang damals.

Heute treten mir sofort die Tränen in die Augen, wenn ich meine Lieblingsstellen wiederlese. Ich weine herzhaft, wenn Éomer seine bewußtlose Schwester auf den Pellenorfeldern findet. Ich heule wonnevoll, wenn die Wolken über dem belagerten Minas Tirith aufreißen und der Hahn den Morgen begrüßt. Ich vergieße wehmutsvolle Tränen, wenn es heißt, Abschied zu nehmen und das Schiff losmacht, hinausgleitet von den grauen Anfurten und langsam im Nebel verschwindet. Ich kann dieses Buch nicht mehr anders als mit tränenfeuchtem Auge zuklappen.

Es wird immer einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal haben.

And Éowyn looked at Faramir long and steadily; and Faramir said: “Do not scorn pity that is the gift of a gentle heart, Éowyn! But I do not offer you my pity. For you are a lady high and valiant and have yourself won renown that shall not be forgotten; and you are a lady beautiful, I deem, beyond even the words of the Elven-tongue to tell. And I love you. Once I pitied your sorrow. But now, were you sorrowless, without any fear or any lack, were you the blissful Queen of Gondor, still I would love you. Éowyn, do you not love me?”
Then the heart of Éowyn changed, or else at last she understood it. And suddenly her winter passed, and the sun shone on her. “I stand in Minas Anor, the Tower of the Sun,” she said; “and behold! the shadow has departed! I will be a shieldmaiden no longer, nor vie with the great Riders, nor take joy only in the songs of slaying. I will be a healer, and love all things that grow and are not barren.” And again she looked at Faramir. “No longer do I desire to be a queen,” she said.
Then Faramir laughed merrily. “That is well,” he said; “for I am not a king. Yet I will wed with the white Lady of Rohan, if it be her will. And if she will, then let us cross the River and in happier days let us dwell in fair Ithilien and there make a garden. All things will grow with joy there, if the White Lady comes.”
“Then must I leave my own people, man of Gondor?” she said. “And would you have your proud folk say of you: ‘There goes a lord who tamed a wild shieldmaiden of the North! Was there no woman of the race of Númenor to choose?’”
“I would,” said Faramir. And he took her in his arms and kissed her under the sunlit sky, and he cared not that they stood high upon the walls in the sight of many. And many indeed saw them and the light that shone about them as they came down from the walls and went hand in hand to the Houses of Healing.

Dies war …

Dies war wohl der letzte Sonnentag, ehe es nun Winter wird für lange. Schon sammeln sich Wolken, greifen Licht aus dem Himmel, verstecken die Farben, löschen den Glanz aus den Augen der Amsel; Schatten fallen übers verspätet nachträumende Grün der Bäume her wie gefräßige Geister, und die Zweige wellen sich silbrig in der Brise, schütteln das Licht aus dem Laub und warten auf Regen.

Herbst

Heute plötzlich das getragene, schwermütige Schreien der Vögel; ich sehe auf, und da sind sie, in langsam sich verschiebenden, pfeilförmigen Formationen flattern sie, immer und immer schreiend, über die Dächer, unter den grauhängenden Wolken, fort und dahin, mit unruhigem, müdem Schalg, als müßten sie das Fliegen nach langer Rast erst wieder lernen. Es ist merkwürdig still, hier unten, wo die Menschen dableiben und morgen wieder ihren rätselhaften und doch so langweiligen und albernen Beschäftigungen nachgehen. Über ihnen aber verhallt der Ruf der Vögel in der Ferne, und der Himmel sieht mit einemmal sehr leer aus, und weit, als könne er nichts mehr schützen, und als beherberge er erst recht keine Träume mehr.

Begegnung

Freitag letzte Woche nach Empfang einer gewissen E-Mail Heiterkeit in Bauch und Augen, die trieb mich hinaus, die ließ die Füße laufen; geschwind ging es über den Kreuzberg, zum Friedhof, am Grab Jennifer Helds vorbei, wo ich kurz stehenblieb, wie ich es immer tue (eine Schar Marienkäferchen aus Holz tummelte sich auf der schwarzen Erde zwischen den frischen Blumen), weiter dann hinunter zum Bach, und in verwildertem Gedankengestrüpp über den Steg und in den Wald hinauf.

Ich lasse die Hütte rechts liegen. Links dehnt sich hinter der Buchenallee die Wiese. Weit weg, träge über dem Gras dahintreibend, äsen Pferde, eingehüllt in Friedfertigkeit. Eicheln prasseln auf die Wege. Das Licht ist abendlich und feucht. Irgendwo im Laub schimmern die Dächer der Sportanlage. Amseln zetern ein unsichtbares Raubtier an. Plötzlich kommt mir jemand entgegen.

Kaum habe ich ihn wahrgenommen, das Rascheln seiner Schritte, die plötzliche Farbe seiner Regenjacke, wie sie aus der Wegbiegung herausflattert, da hat auch er mich schon gesehen. Im gleichen Augenblick ruft er mir zu. Ich sehe die Flasche in seiner Hand und denke, oh nein.

Eh, du, Schneemann … du bist ein Schneemann … Er winkt. Ich will rasch vorbei.

Er aber steuert geradewegs und unignorierbar auf mich zu. Er hat schwarzes Kraushaar, sehr dunkle Haut, afrikanische Züge. In der Linken hält er eine Rotweinflasche am Hals, in der nicht mehr allzu viel Inhalt herumschwappt. Wir umkreisen einander halb, wie zwei scheue Hunde, bleiben stehen. Es wäre unhöflich, einfach weiterzugehen.

Du bist ein Schneemann, stellt er fest. Aha, denke ich.

Ein Schneemann? frage ich zurück. Er zeigt auf mich, dann auf seine Brust.

Ich, ich bin wie du, wir sind Brüder, ich bin wie du.

Ja, erwidere ich kopfschüttelnd, aber du bist kein Schneemann.

Er stutzt, lacht dann. Du, du bist gut, sagt er und kommt näher. Der Wein plätschert in der Flasche. Unter der Regenjacke trägt er Anzug und Krawatte. Ich sehe eine Krawattennadel leise schimmern.

Schwarz und weiß, sagt er, ist das ein Unterschied? Hat das eine Bedeutung? Was ist schwarz und weiß?

Sein Akzent ist weich, ein wenig wie französisch, undefinierbar.

Ist schwarz oder weiß … ist das wichtig?

Das sind Farben, weiter nichts, entgegne ich beschwichtigend. Er nickt anerkennend. In meiner Heimat, sagt er, ist es kalt. Kälter als hier.

Kälter als in Deutschland? wundere ich mich, Wo kommst du her?

Aus Somalia.

Und da ist es kälter als hier?

Viel kälter!

Wie die meisten Menschen seiner Herkunft hat er wunderschöne Hände, die er in ausdrucksstarken, eleganten Gesten zu bewegen versteht. Da ist es so kalt, sagt er, daß die Schafe und Ziegen manchmal erfrieren.

Und dann kommt er wieder auf Schwarz und Weiß zurück und erklärt mir etwas wirr, wie Gott die Menschen geschaffen hat. Ich höre zu und wundere mich nur ein bißchen.

Ich bin normal, betont er schließlich feierlich. Normal, normal.

Mein lieber, denke ich, ich weiß nicht, was du alles bist, Prediger, Diplomat, Geschäftsmann, keine Ahnung, aber normal, na, ich weiß nicht.

Normal, normal, wiederholt er, als könne er meine Gedanken lesen, und unterstreicht die Bedeutung seiner Worte mit energischen Handbewegungen seiner schönen Hände. Ich soll verstehen.

Normal, normal.

Es ist sein Akzent.

Nomade, Nomade, sagt er, Ich nicke. Nomade, wiederhole ich.

Er nickt auch. Und Nomaden leben ewig, sind unsterblich, fügt er hinzu.

Dann ist unser Gespräch zu Ende. Bevor er sich abwendet, legt er die Hand auf die Brust und deutet anmutig eine Verbeugung an.

Ich winke ihm zu, wir gehen unserer Wege.

Noch Minuten später grinse ich. Ich denke, daß diese Begegnung eigentlich für sie bestimmt gewesen sein muß. Sie hätte auch viel besser darüber zu schreiben gewußt. Als hätte ich ihr eine Begegnung gemopst, so kommt es mir vor.

Ich schaue auf meine weißen Hände und frage mich, was von mir übrigbleiben wird: Eine Möhre, ein Besen, zwei Kohlenstücke, die naß und glanzlos in einer Pfütze liegen, wenns hoch kommt vielleicht noch ein Hut, und einen Augenblick lang wünschte ich, ich wäre auch ein Nomade mit schönen Händen.

2.10.2004

Ich will eigentlich nicht mehr tolerant sein. Wenn Toleranz heißt, sich nicht mehr gegen widerstrebende Dinge zur Wehr zu setzen, dann muß ich für mich sagen: fort damit! Ich glaube, ich setze mich viel zu selten zur Wehr. Ich glaube, ich akzeptiere viel zu viel freimütig, ohne zu überlegen, daß mein eigenes Territorium schwindet. Wenn es so ist, wie einmal ein Soziologe (dessen Namen ich vergessen habe) gesagt hat, daß wir zu viele sind, um uns jemals darüber einigen zu können, wie die Welt aussehen sollte: Dann bleibt nur der Kampf, das Ringen ums Eigene …

In Stunden schlechter Laune denke ich gar, daß Toleranz ein selbstwidersprüchlicher Begriff ist, etwas, das nicht gedacht werden kann, ohne sich sofort selbst zu negieren.

Zumindest aber läßt sich Toleranz nicht auf sich selbst anwenden.

2.10.2004

Manchmal denke ich, daß, hätte ich die Macht zu zwingen und zu verbieten, ich diese Macht manchmal gebrauchen würde. Und mir graut vor mir selbst. Manchmal ist es beruhigend, keine Macht zu haben.

Reizvoll ist der Gedanke trotzdem von Zeit zu Zeit.

2.10.2004

Manchmal denke ich, daß, hätte ich die Macht zu zwingen und zu verbieten, ich diese Macht manchmal gebrauchen würde. Und mir graut vor mir selbst. Manchmal ist es beruhigend, keine Macht zu haben.

Reizvoll ist der Gedanke trotzdem von Zeit zu Zeit.