Hirxberg am Ellerntubel

Ein einzelner Hausrotschwanz auf der Bühne des trüb verhangenen Morgens, als wäre er mir von zu Hause nach Hirxberg gefolgt. Im beginnenden Tagesschweiß den Kaffee schlürfen, während Tauben den Hausrotschwanz kommentieren, der nicht begreift, daß über ihn gesprochen wird. Grauer Himmel, wie ein Deckel über der Wärme. Seit die Fichte gefällt ist, sieht man vom Fenster in der Höhe über den Giebeln den Wald. Die Bäume streben den Hügel hinauf, als wollten sie Erfrischung in der Höhe finden.
Der Verlust der Fichte bekümmert mich. Tags hat sie dem Zimmer Schatten gespendet, Nachts das Mondlicht auf ihren weichen Nadeln gelegen. Eine Karte für Träume, so hat sich immer sich der Bau der Zweige ins Halblicht zwischen Fahrradschuppen und Straßenlaterne gezeichnet. Wenn Wind ging, wurde die Karte lebendig, entstiegen ihr Bewohner, rauschten, von den Hügeln herabgestiegen und bis in den Garten vorgedrungen, ganze Wälder auf. Wenn man jetzt den Grund vorm Haus betrachtet, scheinen die Spuren solchen Besuchs noch immer sichtbar. Wurzelwerk läuft auf den Stumpf zu, der Grund ist gebuckelt, ein Stein verrückt, die Grasnarbe bedeckt tiefer eingeprägte Zeichen.
Man sieht jetzt direkt in die Höfe und Garageneinfahrten gegenüber, man sieht die Häuserfronten, man sieht die Fenster, man sieht Zimmerpflanzen auf den Simsen, man sieht die Fußabtreter vor den Türen. Es hat etwas Schamloses, Zur-Schau-Gestelltes.
Ich denke an alle meine Lieblingsbäume. An die Schwarzkiefern auf dem Rasenstück vor dem Gebäude, in dem ich mein Geld verdiene. An die drei Kiefern in einem von mir seit je beschten Wald, die halb auf dem Weg wachsen, so daß der einen kleinen Schlenker darum herum machen muß. An die Kastanienallee in meiner Heimatstadt. Ich denke an die Bäume, die bereits gefällt sind, an die eine von zwei Linden vor dem Supermarktparkplatz, das einzige Grün in einer höllenhaft-steinernen Straße, die Tage der zweiten Linde sind sicher schon gezählt. Und zwanzig Meter weiter hat eine mächtige Kastanie einst Schatten gespendet; unter ihrem Laubdacht schien sogar der Autolärm sanfter zu klingen. Die zwei Pappeln am Bahnhof, in deren lebendigem Schatten im Sommer die Wartezeit erträglicher war. Mit Ingrimm freut mich, daß die Stümpfe auch nach Jahren noch ausschlagen.
Dr Wald ist wie ein unerschöpfliches Reservoir. Als brauchte man, wenn wieder mal irgendwo ein Baum fehlt, sich einfach nur einen neuen holen. Mich freut der Überfluß in Wäldern, und daß man ständig den Blick wechseln, einzelne Bäume herausgreifen, ja, ihnen Namen geben, oder aber das Ganze als ungeteilte Menge betrachten kann, in der Namen und Erinnerung sinnlos werden. Individuen treten heraus und sinken wieder zurück. Kronen zeigen ihre unwiederholbare Form wie Gesichter von Menschen, und in der Versammlung treten alle diese Stämme, Zweige, all das Laub zu einer großen Einheit zusammen, bilden eine Baumheit, in der der Baum verschwindet, so wie Menschen in der Menschheit verschwinden.
Um diese Zeit trifft man niemanden in dieser Gegend des Waldes. Anfang Juli, das Licht wie gebleichter Knochen, Wolken filtern den Himmel. Von den Vögeln bleibt nur der Zaunkönig und schwarzes Rascheln im Unterholz. Die Wege verschwinden morgens unter Sauerampfer und Brennesseln, tauchen abends im Tal wieder auf. Die Bäche sind verstummt, man blickt in die Täler wie ins Innere abgespannter Trommeln.
Später als gedacht schlägt die Turmuhr im Ort. Die Schläge folgen einander mühsam, jeder nächste leiser als der vorhergehende, scheinen abbrechen, aufgeben zu wollen, bevor die Stunden durchgezählt sind. Kapitulieren vor der Unzählbarkeit der Zeit.

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