Aber was

Aber was willst du denn mal machen, fragte auch Ioanna, oftmals, als hätte ich ihr keine antwort gegeben (hatte ich auch nicht), ich meine, du willst doch nicht ewig in diesem Hotel bleiben. Sie sprach „Hotel“ aus, als hätte „Abort“ gesagt. An ihrem Akzent lag es nicht.
Ja, was wollte ich „mal machen“, wie es immer hieß? Abgesehen von der Formulierung, die mir schon bald auf den Geist gehen sollte – in diesem Abort wollte ich wirklich nicht bleiben. „Irgend was mit Sprachen“, war meine Standardantwort, und bald sollte sie mir ebenso vague verhaßt werden wie die Frage, auf die sie Antwort gab, ohne zu antworten. Obwohl es ja stimmte. Etwas mit Sprachen: aber was? Und wirklich? Was war mit der Chemie? Mit der strengen Schönheit der Naturwissenschaft? Mit der Mathematik, die ich noch kaum kennengelernt hatte? Aber ich brauchte nur wieder zu den agglutinierenden Mäandern meiner Sprache zurückzukehren, um zu wissen, was ich wollte – oder es zu ahnen, denn ich wußte nicht, wo ich finden würde, was ich suchte – eine Wissenschaft nämlich, die mir den eben entdeckten, ungeordneten Reichtum an Struktur auffädeln, die Dinge in Beziehung zueinander setzen, in einer verallgemeinerten Weise gliedern und mir dann seine Grenzen aufzeigen würde.

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Jetzt gehe ich los, sagte er, und spannte den Körper. Die kann man schon fast zerknüllen und in die Tasche stecken, diese nicht einmal drei Stunden, sagte er. Dann lachte er ein wenig. Er legte die Hände auf den Tisch, beugte sich vor und erhob sich, ein gewaltiges Bündel von Schultern, Armen und Kopf, warf einige Geldstücke auf den Tisch und setzte die Mütze auf. Dann nickte er, wie um zu sagen, na, weißt schon … weißt schon. Der Stuhl rückte. Glas blitzte im Drehen auf, ein Quietschen von zitternden Spiegelungen, die sich über den Schultern schlossen, ein Schlag von Metall, er war draußen.
Draußen, wo wieder die Jahrmarktorgel zu spielen begonnen hatte.
Ein Kellner näherte sich lautlos und nahm die Münzen fort.

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Was wollten wir?
Frei sein, uns anpassen, Erfolg haben, Geld haben, eigene Wege gehen, unabhängig sein, stolz sein, es recht machen, davonkommen, ein Leben haben. Was sonst. Blöde Frage. Was sonst, war es je anders? Waren wir etwas besonderes, nur weil wir die ersten waren, die das Netz kennen sollten und die Zeit nach dem Netz ebenso wie die Zeit davor erfahren hätten? Daß wir fortan, heimgekehrt in die Alltäglichkeit und unsere alten Leben, mobil würden telephonieren können, ja müssen? Daß es fortan in dem Land, das wir verlassen hatten, verlassen zu haben glaubten, vielmehr, ein Unwort wie Handy gab? War es das, was uns ausmachte? Daß wir Händie sagten? Daß wir zurückkehrten in eine Welt der Achselrasur und der sogenannten Globalisierung, die man uns vormachte wie so vieles? Daß es nun „EU“ und nicht mehr, wie in der Welt, die wir verlassen hatten, aus der wir kurzzeitig ausgetretene waren, „EG“? Daß wir in vielerlei Hinsicht die letzten Unschuldigen waren? Daß wir die ersten (und letzten) waren, die profitierten von dem, was unsere Eltern in Kommunen, Straßenschlachten, Universitätsaulen, in fremden Betten, mit dem Mund zwischen fremden Beinen, Kundgebungen, hinter Flüstertüten und Barrikaden, in Stundenhotels und auf Open-Air-Festivals erkämpft, erstritten, erredet, erdiskutiert, und schließlich auch erfickt hatten (und die dann doch heirateten, Kinder bekamen – uns – und sich eine Reihenhaushälfte zulegten)? Daß wir die Früchte davontrugen als erste und letzte, die wirklich einmal frei gewesen waren, ebenso schwanger wie kinderlos bleiben durften, abtreiben, austragen, nach Schweiß riechen oder Deo benutzen, Beruf, Hausfrau, bärtiger Töpfergesell, Banker, alles drin, die letzten, die sich noch entscheiden durften zwischen BH oder Schwabbeln, zwischen Achselbusch und antiseptischer Glätte, zwischen Holzhütte und danish design, die letzten, die noch eine Wahl hatten, ehe wieder ein neues Diktat sich klammheimlich durch die Hintertür einschlich – das Diktat der sogenannten Freiheit, die längst keine mehr war (wen wundert’s?)? Und das ganze mühelos, ohne Kampf, den ja unsere Eltern ausgefochten hatten … Aber:
Machte uns das aus? War das unsere Generation? Das schon? Waren das wir?
Jetzt, wo ich das schreibe, im Später, an das ich mich in DER STADT fortwährend erinnerte, sind wir schon Historie, haben schon die Jüngeren wie die Älteren den Stab über uns gebrochen, sind wir schon eine Generation, eine Kategorie, beurteilbar und beurteilt, erwägbar und erwogen, kritisiert, verfehmt oder gelobt, jedenfalls seziert, auseinandergenommen, analysiert, bis nichts mehr von uns übrig war, bis nichts mehr blieb als Feuilletonartikel über die „heute 30jährigen“. Geschrieben von Alterslosen, die über jeden Verdacht, sie könnten (auch sie!) einer Generation angehören oder angehört haben, dem Verdacht, auch sie könnten bedingt und Kinder ihrer Zeit sein, wundersam erhaben waren.
Die „heute 30jährigen“ – die plötzlich, ohne, daß uns jemand um unsere hilflose Meinung gefragt hätte, wir waren. Mein Gott, das waren wir selbst! Und wir konnten es nicht einmal leugnen, wir waren ja um die 30. Kein Ausweg. Man brauchte uns nur nach dem Paß zu fragen. Wie auch immer wir uns verhielten, wir steckten in einer verdammten Schublade fest. Nicht auszudenken, was für eine Maske wir plötzlich trugen, eine Maske, die andere heimlich und in aller Stille für uns angefertigt hatten, um sie uns jetzt, wo wir uns nicht mehr wehren konnten (hatte uns jemand gewarnt?), umzuhängen. Und dann mit dem Finger auf uns zu zeigen.

Manchmal war alles wild, und man hätte glauben können, der Aufbruch finde schon morgen statt. Die Zeitungen schrieen den Passanten Schlagzeilen ins Gesicht, die Hochglanzmagazine spuckten Buntheiten in die Menge, und das Scharren und Schlurfen und Stöckeln und Stampfen unzähliger Füße schwoll und fiel, brauste und wallte und füllte machtvoll die Straßen.
Aber die blieben ja da. Die schlurften und würden weiter schlurfen in alle wirbelnde Zeit, und die Zeit, ja: Die würde sie packen und fortwirbeln, daß nichts von ihnen bliebe. Die wußten nicht einmal von der Existenz der Stadt, deren Straßen sie in Unkenntnis auslatschten. Blieben da, taub für jeden Ruf, innerlich blind für die Küsten und Gestade, verhaftet wie sie waren einer Stadt, die sie nur duldete, in der sie nicht zu Hause waren. Oder allzusehr heimisch.
So saßen wir an jenen wilden Tagen in der Mensa und peitschten Worte über unsere Köpfe, verliebt in uns selbst, gefesselt ein jeder vom Sog seiner Worte, ein jeder allein mit seiner kleinen Sehnsucht, seiner sehnsuchtsvollen Winzigkeit. Ein Zagen war in uns immer. Aber in den wilden Augenblicken verlangte dieses Zagsein nach einem Gegenbeweis. Sofort und ein für allemal. Wir redeten uns um Kopf und Kragen. Sprachen vom Bleiben und meinten den Aufbruch. Sprachen von Literatur, von Geldverdienen, von Karriere, von wirtschaftlichen Erwägungen, vom Weiterkommen, der Börse, den Aussichten, sprachen von Tabellen, leierten Statistiken herunter, lobten Aussichten, bezweifelten Prognosen.
Sprachen und sprachen und sprachen. Und meinten: Das Leben.

ankunft

ich kam an,

während der mond aus dem wasser stieg wie ein alter freund. er flimmerte, als sei auch er älter geworden, als hätten ihn die jahre wackelig werden lassen, aber vielleicht fröstelte er auch nur ein wenig, denn die nächtliche brise, die von see kam, roch schon nach herbst. oder fürchtete auch er sich vor dem neuen? ich sah ihm lange in die augen, aber er antwortete nicht. als

das schiff kam,

duckte er sich und verschwand, schüchtern wie er nun einmal ist, in einem zerfledderten

strahlenkranz,

als schäme er sich ein bißchen, daß er sich so lange mit mir beschäftigt hatte. ich nahm es ihm nicht übel. er kommt ja wieder, dachte ich und warf mir die jacke über die dunklen schultern.

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Die Stadt (1)

im spiegel betrachten sich
geduldig wie schwäne
die wachsfigurenlippen
ewig lächelnd, zwei etruskische götter
einander unerkannt
gewogen im gläsernen grab

kein gott aber haust
zwischen den schenkeln
jenseits der versiegelten scham
weder stempel noch staubblatt
schließen die schweißnaht

jugendfrei preßt
sich rechts an links
kein spielraum für
erektile plastikträume
am boden unter
geschwollener hüfte
vergessen die schlüpfer
schamlos das licht auszumachen
und dazwischen
ein finger, ein arm
über geschloßnen lippen, schweig
und sie schweigen

alsobbrüste verspiegelt
ein museumsstück

es fliedert, fliedert
im wartesaal
riefen nahebei

die handtäschchen, gekleidet
in plastisches rosa
und mit den fäustchen
hielten umklammert sie
schlanke hoffnungen

und auch
wieder haltestellenweise
hingekippt schlotternde milch
der schoß so hart
daß die hose zum knie
marsupialisch durchhängen
muß

da sieht man sich selbst
wie den schatten des
etruskischen gotts
das lächeln geklemmt
unter den arm
überblendet von rasendem lärm

drüben, über der ampel, wo indes
wie die schablone
eines nebentraums
die brüste abermals gerannen
zu kunstharz und vinyl

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tapp, tapp hinter mir her. jeder schritt, jede wendung, jedes stolpern, tapp, tapp. jedes zögern, jedes weiter, tapp? tapp!, jedes schreiten, jedes schlendern: tapp … tränen stehen wartend hinter wällen aus schalentieren. tapp … musik bricht nachmittageweis aus den gefäßen, ein klingender mehltau, abgeschwitzt aus der trägheit der stundenweiser und in die mittagshitze verzittert, die draußen vor dem fenster hockt und grinst, so geht es nicht weiter.

ich könnte so viele konjunktive. doch geschichten sind schwerer zu erzählen, als einem die bücher weismachen wollen.

ich könnte beobachten, und ich tus auch. ich könnte schreiben und ich tus auch. ich könnte mich untätig ins gras setzen und der sonne beim rollen zusehen. ich tus. beobachtetes beobachten. als könnte jemand seinen eigenen schatten einfangen und unter glas setzen. in meiner kindheit sagte man neber mir. ich horche. die entschlüsse brodeln. ehe sie sich milde in schlaf auflösen, dann ist wieder ruhe und die kurven sind still. so geht es nicht weiter.

jedes glück ein pakt. jedes aufatmen und aufbrechen eine übergangsregelung. jede sonne im gesicht aufschub. hinhalt. noch einmal und noch einmal und noch einmal pause. so oft sich sammeln und haltmachen, daß das sammeln und haltmachen zum lebensinhalt wird. wenn es nicht das eine ist, ist es das andere, manchmal rauschesgrelle am morgen, dann wieder tropft spermatöses erwachen von den wänden. tapp, tapp. folgt es mir, oder folge ich? je schneller ich renne, desto ruhiger wird alles. bleibe ich stehen, bricht der lärm aus gesichtslosen mündern. so geht es nicht weiter. so. nicht.

tapp, tapp, wohin des weges. kein weg mehr führt ins wasser, oder in den rausch blinder helligkeit, die das samenkorn in sich barg. nein, wir sind ja schon weiter, höchstens noch, daß die tage bäume schütteln. kenn ich schon kenn ich schon. von hier aus geht’s nach da und dann nach dort. träume schäumeln unentwegt. da sitzt etwa die alte auf der schwelle unterm feigenbaum, kinder spielen ausgelassen in geweißelten gäßchen, sonnenuntergang verheddert sich in piniennadelgrün, auf dem marmor klirrt eis und anis. wär das was?

tapp, tapp.

oder die uferpromenade, die man mit dem kinderwagen abfährt, während onkeltanten, gattin oder dergleichen am arm hängen, wär das was? sonntagnachmittage mit sahnetorte, die im magen schaukelt, schläfrigem bauchansatz und kindergeplapper und in gedanken weilt man schon beim braten, beim üblen projekt des montags, wär das was?

oder einfach weitermachen? aber das tut man ja sowieso, wenn man gar nichts tut. und das tut man meistens.

oder das haus am meer. da sieht man den eigenen riesen vor seinem schatten am schreibtisch sitzen, bücher neigen sich halbschattig aus dem regal, draußen kocht die see. wär das was. dazu müßte man jeglichen traum von sich getan haben: der da sitzt, ist ein riese ohne traum. oder er ist sein eigener traum, was auf dasselbe hinausläuft.

tapp, tapp, tagaustagein, bahnsteigauf bahnsteigab, von stadt zu stadt von haus zu haus. tapp tapp. wie licht über die stirn geworfen.

am heck stehen und dorthin sehen, wo längst keine küste mehr ist. tapp tapp, ist da wer. der versuch einer rettung scheitert täglich. mit jedem scheitern aber wachsen die heimstätten des riesen, die süßen höhlen, die stille ruh. die traumlose ruh.

(tapp tapp)

kein zuhause haust mehr, und die frage ist, ob es jemals anders war.

so geht es nicht weiter.

weiter geht’s.