Belsazar

Zurückziehen ins Kleine. Im Großen kann man nicht mehr leben.

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Im Kleinen auch nicht. Die Zwetschgen am Baum, die Bienenschwärme, die die Jungfernrebe abernten, die Blütenpracht in K.s Garten, der rotschwarze Schmetterling an der Buddleya — alles eine papierene Hülle. Eine falsche Idylle. Der letzte Atemzug einer sterbenden Welt. Im Großen wie im Kleinen, im Außen wie in meinem kleinen privaten Leben — was wir kannten, was ich kannte, geht zu Ende, und es ist gar nicht fraglich, ob das, was kommt, besser ist. Es wird erheblich schlechter sein. Es wird schlimm werden. Sehr schimm.

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Was selbst der bescheidenste, genügsamste Mensch noch als gutes Leben bezeichnen würde, wird immer auf einem massiven Eingriff in natürliche Kreisläufe und Regelsysteme der Natur fußen, auf Verbiegungen dieser Regelsysteme zu seinen, des Menschen, Vorteil. Auf diese Manipulation verzichten zu wollen, würde wieder hohe Säuglingssterblichkeit, Tod nach Ablauf der Auslegungslebensdauer (30–40 Jahre), unvorhersehbare Schwankungen im Nahrungsangebot und in der Folge regelmäßige Hungersnöte bedeuten. Vom Fehlen „höherer“ Güter wie elektrischer Strom, fließend Wasser, Schmerzmittel, Fernsehen oder Internet mal ganz zu schweigen. Natürlich ist nichts an unserem Leben, nichts.

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„Ich war schon an meinem Hause“, sagte Thomas, „und erst als ich sah, daß die Fenster noch alle hell waren und die Wagen unten hielten, bin ich umgekehrt.“
„Ja, sie leben wie Belsazar und seine Knechte … immer war das so in solchen Zeiten … man soll nicht schelten, man soll nur immer da sein, immer da sein …“ Er legte den Kopf an die Lehne seines Stuhles und schloß die Augen. Jedes Linie des Gesichtes erstarb in erschreckender Müdigkeit.
(Ernst Wiechert, Das einfache Leben, S. 27)