Der Sommer war sehr groß

Nur noch leere Hallräume sind die Wälder jetzt. Nicht einmal Zaunkönige lassen sich noch hören, nicht einmal Rotkehlchen. Und kaum ist die letzte Stimme verstummt, ziehen sie wieder ein, fallen sie wieder her über den Wald wie Heuschrecken über eine Pflanzung: die Motorsägenmänner. Und übergroße Hornissen umschwirren in der Tiefe der Wege ein Opfer. Die Luft wird sauer unter dem zornigen Geheul. Was kann dieser Morgen dafür, daß Bäume starben? Krank ist nicht der Wald, krank ist die Stille, der an allen Gliedern Beulen und Geschwüre wachsen. Die Wege streben alle zum Ort des Geschehens, sensationslüstern schlängeln sie sich, drängeln sie um bessere Sicht, wollen die ersten sein, und ich werde von ihnen fortgezogen, wo ich überhaupt nicht hin will. Ein Lieferwagen mit einer Aufschrift, die lustig sein soll, steht auf dem Waldweg an einer Lichtung. Ahrweiler Kennzeichen, ich bin versucht, mir die Nummer zu merken, doch was bringt’s? Alles, was hier passiert in diesem, nein, nicht Wald, in diesem Forst (wem das hier Wald genug ist, der hält IKEA für ein Möbelhaus), ist sicher durch irgendeine paragraphene Rechtmäßigkeit gedeckt. Ich passiere das Fahrzeug, kein Mensch weit und breit, nur das anhaltende Heulen der einander ins Wort fallenden Hornissen, zu dem alle Wege hinfließen. Und dann gibt es aber doch einen Pfad, der sich schämt, mich am Kragen zupft, mich wegbringt von da. Schon fast zu Hause erschrecke ich über den Schrei eines Spechts, der warnt, aber wen, mich vor den Hornissensägemännern oder seine Artgenossen vor harmlosem mir? Nicht einmal den August konnten sie abwarten, die Idioten.

Vom Wetter

Seit Tagen ist schon von ihr die Rede. Kommt sie? Kommt sie nicht? Wann kommt sie? Kommt sie später? Wie schlimm wird es, wenn sie kommt? Wie lange wird sie bleiben, wie viele Tote hinterlassen?

Jetzt ist sie da.

Die Hitzewelle nämlich.

Über das Wetter spricht der Mensch vermutlich, seit er sich auf die Hinterbeine gestellt hat und den Kopf in den Nacken legen kann, um den Himmel, und alles, was sich dort abspielt, zu betrachten. Und nicht nur spricht er darüber, er denkt auch darüber nach, verflucht das herrschende, hofft auf besseres, hält Regentänze ab und versucht sich in allerlei Vorhersagen und Regeln (Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, etc.).

Doch während das Nachdenken übers Wetter eher den Meteorologen und Landwirten eignete, beschränkte sich der Umgang der meisten anderen Leute darauf, eine Regenjacke mitzunehmen, Salz zu streuen oder Sonnencreme einzupacken und ansonsten das, was der Himmel bescherte, zu nehmen wie es halt kam.

Damit ist es seit ein paar Jahren vorbei.

Denn das Wetter ist nicht mehr einfach nur das Wetter. Das Wetter ist ein Zeichen. Es steht immer auch für für etwas anderes. Es ist ein Symptom. Und wir, mit Argusaugen, orakeln an Himmel, Wolken und Wind als dem Symptomträger herum. Ist er das? Ist er das schon? Ist das dieser Dings, von dem jetzt alle reden, dieser Klimawandel?

Dabei ist dann selbst normales Wetter nicht normal. Normales Wetter, das gibt es nicht mehr. Nach welchem Maßstab normal? Es gibt auch kein normales Symptom. Ein Zeichen ist ein Zeichen, es bedeutet etwas. Und so bedeutet jetzt selbst ein erwartbar naßgrauer Novembertag etwas oder ein heißer Augustabend mit der Neigung zu Gewitter. (Welches auf jeden Fall zu stark, zu schwach, zu spät, zu grollend, zu naß oder zu wenig naß sein wird.) Wir legen den Kopf in den Nacken und runzeln die Stirn. Was mag dieser naßkalte Novembertag oder die Augusthitze bedeuten? Sicher nichts Gutes. Wir zittern vor dem Wetter, wie man vor einem Orakelspruch zittert.

So ist das Wetter nichts mehr, das wie der Große Wagen oder der Andromedanebel unabhängig von uns existiert, nichts Gegebenes mehr, das auch ohne uns da wäre und zu dem wir uns einfach nur verhalten müßten. Das Wetter ist, ob wir wollen oder nicht, in eine spannungsvolle Beziehung zu uns eingetreten. Es fordert Rechenschaft von uns. Es war nicht vor uns da. Es erinnert uns mit jedem Regen, mit jedem Hagelschauer und jeder Hitzewelle an etwas, das wir lieber ausblenden würden.

Es ist unser Werk. Die Geister, die wir riefen.

Delta. Hürxberg

Die Vögel nehmen keinen Abschied. Sie verschwinden einfach. Eine Stimme nach der anderen verstummt. Als legten die Musiker in einem Orchester einer nach dem anderen ihr Instrument nieder und verließen die Bühne. Bis nur noch eine Handvoll Instrumentalisten ihren Part spielen, noch drei oder vier, eine Geige, zwei Violoncelli, eine Oboe, dann nur noch die einsame Oboe, dann niemand mehr. Wie abgestorbene Bäume stehen die Notenständer herum.

Und im Schweigen rollt unser Morgen heran. Er ist der erste einer unabsehbar langen Reihe. Es wird Tag werden auf Erden und Nacht und wieder Tag. Um die Steine kreisen die Schatten, die Flüsse entleeren sich ins Meer, der Horizont schluckt Wolken. In der allumfassenden Stille harrt die Partitur aus unter dem blinden Himmel.

Arithmetik

Alles, was man im Leben je tut, Großes wie Kleines, Bedeutsames wie Banales, läßt sich beziffern, hat am Ende eine genaue Zahl: die Zahl der Wohnungen, in denen ich gewohnt, die Zahl der Bücher, die ich gelesen sowie der, die ich geschrieben, die Zahl der Sprachen, die ich gelernt, die Zahl der Frauen, mit denen ich geschlafen haben werde, die Zahl meiner Orgasmen und die Zahl meiner Stuhlgänge, die Zahl der Kilometer, die ich mit eigenen Beinen zurückgelegt, die Zahl der Filme, die ich gesehen haben werde, die Zahl der Übernachtungen im Wald, die Zahl der Male, da ich im Meer schwimmen war, die Zahl der Flaschen Weins, die ich getrunken und die der Blogposts, die ich veröffentlicht haben werde. Auch wenn man nicht mitgezählt hat, wird es doch eine genaue ganze, eine endliche, eine gerade oder ungerade Zahl sein. Jorge Luis Borges hat einmal einen Gottesbeweis darauf aufgebaut, auf Zahlen, die niemand kennt, die aber endlich sein müssen, die der Vögel in einem Schwarm etwa. Jemand, so die Überlegung, muß sie gezählt haben, und dieser Jemand ist Gott. Und wenn alles, was man je tut, eine Zahl an Malen trägt, dann folgt unmittelbar daraus, daß es bei allem ein letztes Mal gibt. Nicht unbedingt ein erstes Mal, denn viele Dinge (etwa einen Fallschirmsprung, eine Mondlandung oder eine Weltumsegelung) tun die meisten von uns niemals, aber bei allem, das man mal angefangen hat, zwingend ein letztes. Das erste Mal kennt man notwendigerweise, aber das letzte Mal womöglich nicht, es sei denn, man entscheidet sich bewußt zum Aufhören. — Jugend ist, solange einen dieser Gedanke nicht einmal streift. Wenn man nicht bei allem, was man neu anfängt, denkt, daß man damit ja auch irgendwann wieder wird aufhören müssen.