Ach Claudia, es ist zum Verrücktwerden. Du bist so schön, daß es absurd ist, aberwitzig schön.
Schlagwort: Venus
9. Claudia (Augenpaar)
Nach zwei Wochen, während derer ich unter dem Brand und der Spannung eines Augenpaares gelebt und gedacht habe, drifte ich wieder hinab in die Nachlässigkeit und Selbstindulgenz des Nach-Innen, der Selbstbefriedigung, der Schlaffheit.
Letzten X-tag einige hastige, sich selbst kaum glauben wollende Worte, etwas wie ein Gespräch, ein nur flüchtiges Betasten und doch der Anfang der Wahrnehmung der Wahrnehmung des Anderen, und der Anfang des Wieder-Sprechens. Ich glühte vor Aufregung, wie in früheren Jahren, und nichts wollte hinterher Bestand haben, was nicht ihr Wort war.
Und wie schon so oft, so sammle ich jetzt wieder die Stücke dieses kurzen Wortwechsels auf, finde sie wie verstreute Scherben eines kostbaren, doch rätselhaften Mosaiks, die ich zusammensetze, um dann grübelnd seinen Sinn zu entdecken zu versuchen.
8. Claudia (Nympha)
Nach den Gefühlsstürmen gestern heute nur noch eine böse Niedergeschlagenheit. Eine atemlose Nähe mit hastig zuckenden Blicken und sogar zwei Worte, die ich heimlich auf mich beziehe. Sie ist die Nymphe. Die Halbgöttin mit den klugen Augen, dem Mutterkinn, den schönen Händen; die Nymphe mit der schönen, selten zu hörenden Stimme, die in all ihrer Jugend, ihrem Frischsein und Jungsein doch so viel älter ist als ich: ich bin ihrer überhaupt nicht würdig, sie aber einem Gotte. Kaum kam ich nach zwei Stunden wieder zu mir. Ich wollte. Ich mußte. Ich verlangte nach. Ich entbehrte. Stunden blieben ungelebt liegen. Herzschläge vergeudeten sich an ein leeres Zimmer. Vor mir Bett, stiller Raum, Fenster mit blühenden Sträuchern, und überall herrscht Frühlingsauswegslosigkeit. Ich entbehre, und alles, was von irgendeinem Wert wäre, spielt sich fern von mir ab.
6. Aphroditeopfer
„Aphrodite ein Opfer darbringen“ – auf einem hohen silbernen Altare
inmitten des schwärzlichen Staubs der Straßen, zitternd wogend wabernd von
nichtsahnendem Lärm
ein Opfer, sei sie gnädig, nach deren Frucht und Gabe wir dursten alle Tage, und lange schon
brennt uns das Haupt, die Glieder sind stumm, der Atem geht uns müde aus dem Körper
kein Himmel mag sich mehr
in unseren Augen spiegeln.
Ach! Kämest du, kämst du herab, oder entstiegest du doch noch einmal
noch einmal!
der See, und rührtest uns
unseren traurigen, dem Vergessen anheimgefallenen
Scheitel!
Aber wo willst du uns finden, wenn die Opfer stumpf werden unter den
harten Felsen so großer Schönheit – nennen wir’s so –
unter den Schreien des Entzückens, unter dem Stöhnen der
jubelnden Verzweiflung, der Verzweiflung die
aus den leeren Händen der Tänzer bricht, der Verzweiflung der
Ruhlosverzückten der Suchendbegeisterten, unter dem Angstblick der Verzweiflung
des Morgens und der vollen Aktenkoffer und
sanktionierten Träume – gehet hin in Frieden, ich laß euch diesen
Traum und diesen noch, wenn ihr brav seid –
Und wo willst du uns begegnen, wenn unser Blick vor Pflasterscheinen blind ist
und wie Spiegel das Licht unserer Augen, denen wir
begegnen und sonst niemandem?
Wo?
Könnten wir dich bemerken, wenn du unser Opfer erhörtest?
Sähen wir dich denn?
Wollen wir’s, oder haben
wir genug damit, daß wir die See bändigten, deren Gefahren uns
nicht mehr am Leben erhalten, lange nicht mehr,
genug auch damit, daß wir den Mondschein aus unseren Fenstern verbannt haben
daß er uns nicht länger beirre, anrenne, verfluche, beschwöre, uns
riefe, hinaus hinaus hinaus zu ihm
uns in lebendige, wirkliche, zerstörerische, gleißende, Jubelnde
Verwirrung zu stürzen, zu senken, zu taufen? Zufrieden?
Ja wir sinds, wir Zufriedenen, Glücklosglücklichen
Heiligen ohne Seele, Seeligen ohne Heil, Traurigen ohne Schmerz
Singenden ohne Musik Stimme Klang, wir sind – ein Schatten, den einst
wir uns erdachten, pflegeleicht.
Ja, wo erscheinest du? Nicht in der See, von der uns abwendeten
(denn sie vermag uns nicht mehr zu töten),
Nicht in der mondübergossenen Heide, unter dem betörenden Wacholder nicht,
und nicht unter der Last des Mittags, nicht würdest du
mehr angelockt vom Hauch der Sonne auf unserer Haut
geruchlos sind wir und sauber, kein Odem mehr stiege von unseren
begehrenden Körpern auf zum Himmel, da die Götter wohnen und du
unter ihnen
und nicht störtest du unseren Schlaf,
den wir ohne Träume schlafen, sicher und
verschlossen hinter den Fensterläden.
Nein wir
können dir noch manches Opfer bringen, und die Altäre
mögen silberner noch werden
und der Himmel nicht hoch genug ihrem Glanz
Du erhörst uns nicht mehr
nicht
hier und nicht
in den Tagen des Übermüdetseins
nicht in den Tagen
des verbotenen Irrseins
nicht in den Tagen
des angepflanzten Schmerzes, der in erträglichen Dosen
verabreicht wird, nicht in den Tagen
der Erforschung unserer Herzen
nicht heute
nein
heute nicht.