?

Der Nachteil von spontanem Handeln ist: Man fragt sich hinterher stundenlang, ob es nun richtig war.

Der Nachteil von nicht-spontanem Handeln: Man fragt sich vorher und hinterher stundenlang, ob es nun richtig war.

Den reisenden Eltern

Nun wart ihr dort. Und unter wärmern Sonnen
seid ihr gewandelt, in den Händen Licht,
und trugt des Hundssterns Glanz im Angesicht.
Nun müßt ihr heim: Da sind der Tage Wonnen,

ach!, über Nacht euch wieder öd geworden
und der Platanen drange Sonne stumpf
und voll von Weh. Der Nymhe Marmorrumpf
friert unterm Brunnen, und der Wind heißt Norden.

Der Wein schmeckt schal und schon nach nächstem Morgen.
Ihr wollt noch wachsein, und die Wochen neuern:
Und wollt vom Jetzt euch noch ein Fristchen borgen.

Doch weil der Ferne Reiz sich in euch stemmt,
müßt ihr zurück zu heimatlichen Feuern:
Denn Fremdes ist nur süß, solang es fremd.

Listen

  • Lassen sich in Minutenschnelle erstellen
  • Führen die abstrusesten Gemeinsamkeiten der gegensätzlichsten Dinge vor Augen
  • Lassen sich über alles führen
  • Sind ein probates Mittel der Selbstdarstellung
  • Schaffen Klarheit
  • Können Verwirrung stiften und sind ungenau
  • Können widersprüchlich sein
  • Können selbstbezüglich sein
  • Schaffen Kontraste
  • Orientieren
  • Können formalen Ordnungsprinzipien gehorchen
  • Können inhaltlichen Ordnungsprinzipien gehorchen
  • Können undurchschaubaren Ordnungsprinzipien gehorchen
  • Können Ränge und Abfolgen abbilden
  • Können als Steigerung oder als Bogen formuliert sein
  • Sind manchmal offen und regen zum Weiterführen an (unvollständige Liste)
  • Lassen manchmal kein weiteres Element zu und zählen die Gegenstände einer Domäne vollständig auf (vollständige Liste)
  • Sind geordnete Mengen
  • Können Pro und Kontra vor Augen führen
  • Können verschweigen
  • Können mit scheinbar Unpassendem überraschen
  • Sind blau. Manchmal auch grün.
  • Lassen sich iterativ auf sich selbst anwenden (1Listen von (2Listen von (3Listen … (nListen)n…)1 von Elementen
  • Sind modern
  • Sind beliebt
  • Wollen auch bei mir manchmal vorkommen

Dinge, die gut riechen

  • frischgeschnittenes Holz
  • Harz
  • die Küche meiner Großeltern
  • frisch gerösteter Kaffee
  • alte Bibliotheken
  • ein Pinienhain
  • Liebe
  • Föhrenborke
  • der Schoß einer Frau
  • Magie Noir von Lancôme
  • Nebel
  • verschwitztes Leder
  • Teeläden
  • Habit Rouge von Guerlain
  • Zikadengezirp
  • getragene Unterwäsche
  • Curry
  • Sonne
  • Kußspeichel
  • eingetrockneter Samen
  • mediterrane Häfen
  • das Meer
  • ein Sonnenblumenfeld um 3 Uhr morgens

Gar nicht so schlecht (und besser als ihr Ruf) sind:

  • reifer Camembert
  • Fischmärkte
  • Pferdemist
  • Ställe
  • Chanel No 5
  • Monatsblut
  • Zigarrenrauch
  • gebrauchte Bettwäsche
  • Schwimmbäder
  • Weihrauch
  • grüne Heringe
  • Fuchsurin
  • Schafe
  • das innere mancher Kraftfahrzeuge
  • nasse Wolle
  • Bahnhofshallen

Lieber nicht

  • frische Farbe
  • Dachböden
  • Klassenzimmer nach zwei Stunden Latein
  • Turnhallen
  • Umkleidekabinen
  • U-Bahnstationen
  • U-Bahnzüge
  • manche U-Bahn-Passagiere
  • neue Klamotten
  • Weichspüler
  • braungewordener Apfel
  • Davidoff Cool Water
  • Telephonzellen
  • Ginkofrüchte
  • Haarspray
  • künstliches Fruchtaroma
  • Kondome
  • Großküchen
  • eine Wohnung post festum
  • Brauereiabgase
  • Zahnarztpraxen
  • die Hausdruckerei der Universität zu Köln
  • ein Schankraum um 8 Uhr morgens

Den reisenden Eltern

Auf Wege, die in fremde Sonnen führten,
begabt ihr euch, noch eh es wollte tagen,
und ließt euch dorthin, wo noch Traum ist, tragen,
auf Straßen, die schon viele Füße spürten.

Jetzt seht ihr Myrten stilles Licht umträumen,
und schmeichelt sicher euch der Pinien Duft.
Der Mittag sengt, es zirpt die enge Luft,
um Stämme, die ins weite Blau sich bäumen.

Das Ferne hoher Städte, sanfte Mauern
denk ich mir für Euch aus, eh es will tagen,
und steh am Tore unter Sternenschauern.

An Wegen, die in fremde Sonnen führen,
richt ich an euer Fernsein meine Fragen:
und träume dann, mein Bündel selbst zu schnüren.

Den reisenden Eltern

Das Stiegenhaus ist still von eurem Tritte
die Spiegel leer von eurem Angesicht
die Ladenritze träumt ein Fädchen Licht
ins Dunkel und der Kies hört fremde Schritte

Verstellt ist jeder Raum von eurem Fortsein
der Flur ertastet dämmervolles Fehlen
indes die Tore ruhn wie blinde Seelen
die zwischen Hiersein stehn und zwischen Dortsein

Wie eine Frage steht das Haus die weiten
Gemächer offen Räume hingeschmiegt
an lang verhallte Schritte auf den Wegen

So horcht das Haus euch nach. Die Klinken streiten
der fremden Hand der Brunnen ist versiegt
die Post lauscht eurem Schlüssellaut entgegen

Sonett an Chronos

Verklungner Orgelton noch wächst im Hellsein,
in das er fiel. Im Schweigen werden reif
die Worte schönen Lieds. Ein Lippenstreif
will lang auf unsrer Haut noch grell sein.

Nach unsrem raschen Abschied mag das Schnellsein
des Händedrucks uns lange noch verwirrn.
Das Lächeln brennt noch hinter unsrer Stirn,
und könnte unsrer neuen Liebe Quell sein.

Was nicht ist, will uns oft noch größer werden.
Was stumm ward, klingt uns lauter in den Ohren.
Und Fehlen kann sich heftiger gebärden,

als frisches Dasein. Und dies ist das schlimme,
daß wir das fehlend Mächtige verloren,
wenn schales Dasein schließlich hebt die Stimme.