Im Bus

Der junge Mann, Schüler noch, sicher unter achtzehn, der seiner gleichaltrigen Freundin im Bus die Schuhe bindet, ihre Beine über seine gelegt, hingebungsvoll, achtsam, sorgfältig, gründlich, mit geübter Hand wie ein Schuhverkäufer, als wäre er genau dafür in die Lehre gegangen. Ein Experte. Wie er die Riemen erst lockert, bis zu den Zehen hinunter, um dann die Schnürung von Grund auf neu zu straffen, hat sein planvolles Vorgehen absolut nichts Anzügliches. Die keusche Zärtlichkeit, die dabei mitschwingt, liegt nicht im Vollzug selbst; sie wird spürbar (ich kann die Augen nicht lassen von den beiden) in der Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn bittet, mit der er sich ans Werk macht. Es ist klar, er tut das öfter, sie haben darin ein Ritual. Ihr die Schuhe zu schnüren, gehört zu seinen Aufgaben, einfach, weil er es am besten kann. (Er hat eine besondere Technik, die Schleife zu knüpfen, indem er nämlich aus jedem Ende ein Auge abgreift und in diese Schlaufen einen Knoten legt. Am Ende ist der auf Slip gelegte Kreuzknoten perfekt, so wie er richtig geht.) Es ist einer der Wege dieses ganz ganz jungen Paares, einander nahe zu sein und zu beschenken: Sie ihn, indem sie ihn um den Dienst bittet; er ihr, indem er ihrer Aufforderung mit souveräner und beiläufiger Professionalität nachkommt, umso liebevoller, je selbstverständlicher.

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