Artgerecht

Neulich abends sagt K. zu mir, wenn sie mal von der Rente leben müsse, werde sie sich so ein Häuslein nicht mehr leisten können; dann müsse sie in eine kleine Wohnung umziehen, Zweizimmer- oder so. Wir haben daraufhin ein bißchen über Lebensverhälnisse und Wohlstand nachgedacht und über die Grenze zwischen unverzichtbaren Gütern und Luxus. Es ist ja nicht so, daß genug Nahrung, Zugang zu sauberem Wasser, ein Dach überm Kopf und das Angebot medizinischer Versorgung schon Wohlstand wären. Überleben ist nicht dasselben wie leben. Man muß sich also Gedanken darüber machen, worin Wohlstand besteht, und wieviel davon abzugeben ist, abgegeben werden kann, wenn man unverschuldet alt wird oder nicht mehr arbeiten kann: Manche jungen Beitragszahler scheinen ja der Ansicht zu sein, daß Rentner sich ihr Alter freiwillig ausgesucht haben, aber egal. Auch ist in einer Welt dekadentester Überproduktion nicht klar, was gemeint ist, wenn es mal wieder heißt, man (wer immer das ist, oft heißt es auch wir, was die Sache nicht besser macht, denn wer so spricht, delegiert die Verantwortung von sich auf ein diffuses Gesellschaftsganzes, in dem dann vermeintlich alle nix zu beißen haben), man oder wir also könne oder könnten sich dies oder das nicht oder nicht mehr leisten; aber auch egal. Jedenfalls kam mir in dem Gespräch der Gedanke, daß das würdige Menschenleben im Unterschied zum bloßen Am-Leben-Bleiben an einem Bündel von Voraussetzungen hängt, die ich als artgerechte Menschenhaltung bezeichnen möchte. Mancher gibt sich viele Müh mit dem lieben Federvieh, heißt es in einem bekannten Gedicht, und nichts in diesen und den folgenden Versen läßt erkennen, daß Hühnerhaltung zur Zeit seiner Abfassung ein Luxus gewesen sei. Zu einer Arbeiterwohnung gehörte unbedingt auch ein Gärtlein hinter dem Haus. Nun ist heute für die Versorgung mit Eiern, Obst und Gemüse niemand mehr darauf angewiesen, Hühner zu halten oder einen Garten zu bestellen. Die Evolution hat uns aber so geschaffen, daß wir dasjenige wertschätzen, daß uns dasjenige glücklich macht, was notwendig ist. Wir haben eine Vorliebe für Zucker, Protein und Fett, weil genau diese Stoffe in der Natur knapp und fürs Leben unverzichtbar sind, und weil deshalb viele andere Lebewesen darum konkurrieren. Weil wir diese Stoffe brauchen, schmeckt uns Zucker, Fett und Eiweiß. Wir sind Nachkommen von Wesen, denen sie auch schon geschmeckt haben, die deshalb keine Mühe gescheut haben, sie zu bekommen — und sich deshalb bis hinunter zu uns, denen sie diese Vorliebe vererbt haben, erfolgreich fortpflanzen konnten. Wir lieben offene Landschaften und erhöhte Standpunkte, weil uns der Überblick ein Gefühl von Sicherheit vor Freßfeinden vermittelt. Tiere ziehen uns an, wir sind biophile Wesen. Zahlreiche Hundehalter, Kleintier- und Taubenzüchter bestätigen das. Ein Smartphone dagegen, ein Rechner, ein Bügeleisen oder die doppelte Buchführung sind reines Menschenwerk, darauf hat die Natur nie abgezielt, als sie unsere Instinkte und mit den Instinkten unsere Vorlieben formte und uns das suchen ließ, was uns glücklich macht. Was macht uns glücklich? Ein Lagerfeuer, Geschichten. Sich in Gruppen einbringen, die etwa 60 bis 100 Individuen umfassen. Zu Fuß gehen. Musik machen, malen, tanzen. Mit den Händen arbeiten. Früchte sammeln, jagen. Anerkennung in der Gruppe finden. In einem Umfeld leben, das wir unmittelbar kontrollieren können, in dem wir Selbstwirksamkeit erfahren. Übersichtlichkeit der Gegenwart und eine Zukunft, die sich nicht groß von der Vergangenheit unterscheidet. Was heißt hier, sich artgerechte Menschenhaltung nicht mehr leisten können? Die Hühner wieder hergeben, den Garten, das eigene Häuschen aufgeben und sein Leben in Stallhaltung beenden zu müssen, ist Tierquälerei. Menschen brauchen nicht mehr Geld. Sie brauchen ein Leben, das zu ihren Instinkten paßt. Es ist immer so viel von artgerechter Tierhaltung die Rede. Dabei halten wir uns selbst nicht artgerecht. Einem Hamster hängt man wenigstens ein Laufrad in den Käfig. Wir geben uns mit einem Fernseher zufrieden.

Überholt

Was sind da für archaische Bilder am Werk, wenn ich mich für den Versuch schäme, auf der Wanderung L. zu einem Schäferstündchen zu überreden, was für uralte Kategorien männlichen Rumkriegenwollens und weiblicher Sprödigkeit? Haben wir das nicht alles überwunden geglaubt? In solchen Momenten zeigt sich, nichts ist überwunden, bei mir jedenfalls nicht. Ich schmolle und glaube im Ernst, L. fällt es leichter zu verzichten. Ein weites Bachtal, silbernes Plätschern in der Mitte, von allen Seiten ferne Böschungen, blanke, grüne Wiesen, die die Hochsitze am Waldrand festpinnen. Jeder Winkel einsehbar, zugegeben, und doch: Es verlockt, unter einer Weide oder einem Hasel eine kaum wirksame Deckung zu suchen und sich dort nackig zu machen, vor der Sonne, dem Bach, dem ganzen wannenweise niederstürzenden Tageslicht, meinetwegen auch den Menschen, wenn welche kommen und starren sollten, in diesen Augenblicken ist mir alles egal, ich will L.s Schoß, komme was oder wer da wolle und Augen im Kopf habe, am Ende ist da vielleicht sogar ein gewisser Reiz bei dem Gedanken, man könnte uns sehen, in flagranti actu. Es ist ein warmer Frühlingstag, der Lerchensporn blüht und die Buschwindröschen, wer will es zwei Menschenkindern übellaunig mißgönnen, daß sie sich dem Frühlingstreiben willig anschließen, und seien sie auch nicht mehr die jüngsten. In actu ist sowieso jeder hübsch, meine ich. Und wen es stört, der kann ja weggucken und weitergehen. Die Wahrscheinlichkeit, daß uns hier wer kennt und boshaft unseren Partnern verpetzt, ist auch verschwindend gering. Also? Nein, L. ziert sich. Und ich falle in alte Muster, schmolle, kriege schlechte Laune — und unterschätze L.s eigenes Begehren, L.s eigene Frühlingsgefühle, nicht minder zielstrebig als meine. Wie sich zeigt, als wir eine halbe Stunde später — L. stumm mich Schweigenden, Schmollenden, Übellaunigen ertragend — an einem Fleckchen vorbeikommen, der ihr mehr zusagt, der ihr sozusagen ins Auge springt und ihrerseits ihre Phantasie in Schwung bringt.
Ich möchte nicht, daß du dich gedrängt fühlst, entgegne ich, als sie mich fragt, da oben? Und da bin ich schon wieder in der hergebrachten Rolle, während L., Ich habe gerade einen Vorschlag gemacht. Klingt nicht so, als würde ich nur nachgeben, oder? während meine famose Liebhaberin also auf ihrem eigenen Begehren besteht, zu meinem Glück, ohne dieses ihr Begehren auch nur im Geringsten problematisch zu finden oder in Frage zu stellen. — Inzwischen, gefällt mir zu denken, sind es die Männer, die sich in ihren komischen Rollenbildern verheddern und Frauen nichts zutrauen wollen. Dabei gibt es da gar nicht so viel zu verstehen. Oder was soll man davon halten, daß L. sich von meinem Begehren ebenso geschmeichelt fühlt wie ich mich von dem ihren? Glücklicherweise sind wir alt genug, dieses Begehren voreinander zuzugeben. Darf man davon ausgehen, vom Begehren nämlich, und das dürfen wir ja, finden sich auch stets Ort und Zeit. Man, das heißt, ich, muß lernen, es nicht länger anzuzweifeln. Man muß lernen, das Begehren ernst zu nehmen, das eigene nicht weniger als das des andern.