Asymmetrien, Zirkelschlüsse und der Bechdel-Test

Vor einigen Jahren war ich mal in eine unschöne Diskussion verstrickt. Es ging dabei um die Frage, ob die Aussagen:

„Hinter jedem mächtigen Mann steht eine noch mächtigere Frau“

und

„Hinter jeder mächtigen Frau steht ein noch mächtigerer Mann“

nach Aussage und Bewertung symmetrisch seien oder nicht. Meine Ansicht war, natürlich sind sie symmetrisch. Die Ansicht des Diskussionsgegners: Beide Aussagen sind frauenfeindlich!

Es verhält sich mit dieser Behauptung ebenso wie mit zahllosen anderen Fällen, wo einer Handlung, einem Gegenstand, einer Aussage Frauenfeindlichkeit unterstellt wird. Da räkelt sich ein sechsjähriges Mädchen auf einem Werbeplakat für (Kinder-)Herbstmode: Das ist natürlich Sexistisch und obendrein auch noch Kinderpornographie. Da macht jemand einen Witz, in dem eine Fellatio erwähnt wird: Frauenfeindlich! Jemand spricht nur von Professoren, nicht aber von Professorinnen: Diskriminierend! Allen diesen und ähnlichen Fällen ist gemeinsam, daß sie durch Verweis auf eventuell bestehende Symmetrien oder Balancen nicht widerlegt werden können. Räkelt sich auf einem anderen Plakat anstelle des Mädchens ein Junge, ist es erstens immer noch Kinderpornographie (wahrscheinlich muß man Erwachsene in Kinderklamotten stecken, wenn man Werbung für Kindermode machen will), zweitens aber bleibt der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit bei der Abbildung des Mädchens bestehen. Warum? Weil Frauen nunmal diskriminiert werden, Männer nicht. Der Hinweis, es gebe auch Witze über den Cunnilingus verfängt ebensowenig. Beides, Witze über Fellatio wie solche über Cunnilingus, sind, man ahnt es, frauendfeindlich. Warum? Weil Frauen diskriminiert werden, Männer nicht. Und schließlich ist der Einspruch, man müßte, wenn man schon Gleichberechtigung wolle, dann ja außer den Professorinnen und Richterinnen und Politikerinnen auch immer Pennerinnen, Mörderinnen und Alkoholikerinnen explizit nennen, nicht gerechtfertigt, weil, wir wissen es schon, Frauen benachteiligt werden. Zu dem Einwand, es heiße ja auch invariabel die Kraft, etwa in Führungskraft, Fachkraft, Spitzenkraft, ganz zu schweigen von der Person, die immer weiblich sei, kommen wir schon gar nicht mehr. Nein: Es ist ausgemacht: Frauen werden benachteiligt, Männer nicht. Und deswegen ist der vorliegende Fall, äußerliche Symmetrie hin oder her, doch wieder eine Instanz der Diskriminierung, Benachteiligung, Falschdarstellung etc von Frauen. Dann nützt auch der Hinweis nichts mehr, es gebe ja nicht nur Blondinenwitze, sondern auch Mantafahrerwitze. Es ist zu vermuten, daß selbst Fußballerwitze frauenfeindlich sind.

Das Problem ist: All die oben angeführten Fälle können nicht mehr zum Nachweis der Benachteiligung dienen – und damit auch nicht zu dessen Widerlegung. Aus dem allgemeinen Diktum der Benachteiligung kann auf jeden beliebigen Spezialfall geschlossen werden. Da die Benachteiligung, Diskriminierung, Verachtung etc von Frauen schon immer besteht, läßt sich jeder Einzelfall, und sei er auch symmetrisch zu Lasten von Männern ausbalanciert, als Bestätigung dieses Diktums auffassen. Am Ende wird man noch die Lohnangleichung für weibliche Mitarbeiter als herablassende Geste des Patriarchats diskreditieren.
Damit wird aber die „Frauenunterdrückung“, die „feindliche Haltung gegenüber Frauen“ von konkreten Beispielen und Instanzen abgelöst und bekommt eine diffuse, nicht mehr wirklich greifbare Wolkigkeit. Es ist dann nicht mehr die konkrete Ungerechtigkeit bei den Löhnen oder Versicherungen, nicht mehr die vorzeigbare Begünstigung von Männern bei Einstellungen, sondern es ist nur noch die Diskriminierung der Frauen, auf die, wenn man sie mal in dieser diffusen Weise etabliert hat, interpretierend rekurriert werden kann: Da ja Frauen allenthalben und überhaupt unterdrückt werden, ist dieses und jenes nach Inhalt und Struktur symmetrische Verhältnis in Wahrheit (in der Wahrheit der Feministinnen wenigstens) asymmetrisch zuungunsten der Frauen. Das Kind auf dem Plakat, der Fellatio-Witz, sie sind Instanzen der Frauenfeindlichkeit nicht deshalb, weil in ihnen eine tatsächliche Darstellung von Macht- und Unterdrückungsverhältnissen aufschiene und ein fragwürdiges Machtgefälle damit semantisch einzementiert und bestätigt würde. Nein: für sich selbst neutral und symmetrisch, beziehen diese Fälle ihre vermeintlich diskriminierende Kraft lediglich aus dem Hintergrund einer Folie, wo schon die allgegenwärtige Frauenfeindlichkeit der Gesellschaft behauptet wird.
Also kann die Frage, warum oder worin die eingangs angeführten Aussagen nicht symmetrisch, mithin beide frauenfeinlich sind, nur unter Rekurs auf eben die Frauenfeindlichkeit selbst beantwortet werden, und damit wird die Aussage zirkulär.
Das wirklich perfide an dieser Zirkularität ist daher ihre Immunität: Gilt erst einmal das Diktum von der Frauenfeindlichkeit, kann es mit Beispielen, die eine Gleichheit oder eine Symmetrie aufzeigen, nicht mehr widerlegt werden: Denn jede vermeintliche Symmetrie entpuppt sich hopplahopp doch nur wieder als Bestätigung der zugrundeliegenden, durch die allenthalbe Unterdrückung zustande gekommenen Asymmetrie. Das erinnert an jene scherzhaften Bürogesetze, die oft die Schreibstuben mancher Verwaltungskraft zieren: § 1: Der Chef hat immer Recht. § 2: Sollte der Chef einmal nicht recht haben, tritt automatisch § 1 in Kraft.

Ich habe mich in diesem Zusammenhang vor kurzem einmal mit einer Frau über die (vermeintlich oder echt) einseitige Darstellung von Frauen in Filmen gestritten. Es ging dabei im Zusammenhang mit dem sogenannten Bechdel-Test um die Frage, ob Frauen in Filmen überwiegend männerbezogen dargestellt würden oder nicht. Darüber gibt der Bechdel-Test vermeintlich Auskunft. Die Testkriterien sind: 1. Es müssen zwei Frauen, die einen Namen tragen, mitspielen. 2. Diese Frauen müssen miteinander reden und zwar 3. über etwas anderes als Männer. Die Frage, die sich sofort stellt, zielt wieder auf die Symmetrie ab: Warum werden Frauen, die sich im Film über Männer unterhalten, männerbezogen dargestellt („über Männer definiert“), während Männer, die sich im Film über Frauen unterhalten, keinesfalls über Frauen definiert werden? Und weiter: Warum werden Frauen, die sich über die Beschleunigungswerte der Formel-1-Rennwagen unterhalten, nicht über Autos definiert, während sie, unterhalten sie sich über Männer, über Männer definiert werden? Antwort der Diskussionsgegnerin: Weil es furchtbar viele Filme gibt, in denen Frauen über Männer definiert werden und furchtbar wenige, in denen sie über ihre Hobbys definiert werden. Die Ergebnisse des Bechdel-Tests sind, wie alle anderen absurden Nachweise der Geschlechterasymmetrie zuungunsten der Frauen, unwiderlegbar. Frauen werden über Männr definiert, weil Frauen über Männer definiert werden. X ist frauenfeindlich, weil die Gesellschaft frauenfeindlich ist, Punkt. Dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit läßt sich dort mit keinem Verweis auf eine Symmetrie mehr begegnen, wo Symmetrie a priori für ungültig erklärt wird.

Eine Freude allerdings bleibt: Selbst in einem Film über, sagen wir, die Suffragetten oder über Ethel Smythe, und sei der Streifen noch so ausgewogen und unbiased, müßten die Protagonistinnen, und seien sie auch in der Wolle gefärbte Feministinnen, über Männer sprechen.

Martial, 5,58

Morgen, sagst du, Postumus, immer, werdest du leben:
sage mir, Postumus, wann ist dieses Morgen denn da?
Ach, wie fern ist dies Morgen! Wo ist es? Wo soll man es suchen?
Ob bei den Parthern es sich oder Armeniern versteckt?
Dieses Morgen hat schon das Alter von Priam’ und Nestor.
Sag’ mir, für welchen Betrag steht dieses Morgen zum Kauf?
Morgen erst? Schon ist’s zu spät, mein Postumus, heute zu leben:
Weise, Postumus ist, welcher schon gestern gelebt.

Martial, 5,58

Cras te victurum, cras dicis, Postume, semper:
dic mihi, cras istud, Postume, quando venit?
Quam longe cras istud! ubi est? aut unde petendum?
Numquid apud Parthos Armeniosque latet?
Iam cras istud habet Priami vel Nestoris annos.
Cras istud quanti, dic mihi, possit emi?
Cras vives? Hodie iam vivere, Postume, serum est:
ille sapit quisquis, Postume, vixit heri.