Im Supermarkt

Der Blick ist der einer Kamera: automatisch, mechanisch, emotionslos, Einbahnstraße. Wie eine Kamera beobachtet er nur, was man ihm aufgetragen hat, zu beobachten. Rechts, links, Hände, eventuelle Taschen oder Tüten? Am Ende hoch in den absurden Spiegel über der Kassengasse. Aber es ist keine Kamera, es ist ein Mensch. Es ist eine Supermarktkassiererin, die sich jetzt gar noch leicht aus ihrem Drehstuhl erhebt, die Schultern seitwärts schwenkt, damit ihr ja nichts entgehe.
Wonach schielt sie so eifrig und zugleich flüchtig, wie man, weil man’s in der Fahrstunde nun einmal so gelernt hat, nach dem Blick in den Rückspiegel auch noch über die Schultern schaut?
Sie kontrolliert mich. Habe ich auch nichts in der mitgebrachten Tasche? Verberge ich auch nichts in den Händen? Steht da nicht noch ein Getränkekasten auf der Erde? Und der Blick in den eigens zu diesem Zweck über jedem Kassengang angebrachten, in seiner Wölbung Rundumkontrolle garantierenden Spiegel dient der leichteren, vom Sitz aus vorzunehmenden Überprüfung des Einkaufswagens.

Was daran so ärgerlich ist? Das Mißtrauen. Der Argwohn. Es ist zwar in diesem Moment nicht die Kassiererin als Person, die mich taxiert, nicht dieser Mensch, der – Arbeitnehmerin, vielleicht alleinerziehende Mutter, Wohngeldempfängerin – eine ungeliebte, unerfreuliche Arbeit aus Not verrichtet; es ist das forschende Auge einer anonymen Institution, der Menschen egal sind, der es nur darauf ankommt, daß die Kasse stimmt, und zu diesem Zweck dieselben Mitarbeiterinnen dazu anhält, die Milchkartons mit dem Aufdruck des Haltbarkeitsdatums zur Wand einzuräumen und die fast abgelaufene Ware nach vorne zu legen. Trotzdem schaut mich da ein Mensch an oder vielmehr an mir vorbei, und sei es auch ein vollständig funktionalisierter Mensch, schlimm genug. Dieses Kontrollritual ist ungefähr so charmant, wie jemandem die Hand zu geben und gleichzeitig auf die Uhr zu schauen. Der Blick meint mich – und meint mich gleichzeitig nicht. Er taxiert mich – und ignoriert mich zugleich. Ignoriert mich? Falsch: Ignoriert zu werden ginge ja noch an. Aber es ist schlimmer: Wer so sorgfältig an mir vorbeischaut, zur Decke, zum Spiegel, um da etwas Wichtigeres zu sehen als mich, raubt mir nichts weniger als meine Würde. Dieser Blick will mich nicht sehen, er will mich nicht zur Kenntnis nehmen, er will keine Kommunikation, keinen Kontakt herstellen. Er verwehrt mir, mich als Mensch und Seinesgleichen anzuerkennen: Er will nur etwas über mich herausfinden.
Da es an der Kasse schnell gehen muß, der Kontrollblick aber Vorschrift ist, fällt die Entscheidung der Kassenkraft zwischen einem lächelnden Gutentag und einem entwürdigend woandershin gerichteten Blick, leider stets zu Ungunsten des Lächelns aus. Vielleicht schämt man sich auch, mich nach dem Abmustern anzulächeln, als sei nix gewesen. Ich erwarte auch gar kein Lächeln von einer aus gutem Grund schlecht gelaunten Kassenkraft; aber ich erwarte, daß man mir wenigstens das Mindestmaß an Höflichkeit, das ein Mensch dem anderen noch im ärgsten Fall schenken muß, gewährt: Respekt. Dieses seitwärts Taxieren, der Blick nach oben in den Spiegel aber, respektiert mich nicht. Er prüft mich. Und schaut mir dabei nicht einmal ins Gesicht.

Entwürdigend ist das Ritual nicht allein deswegen, weil man mir den Respekt verweigert. Es ist noch schlimmer, denn jener einschätzende Blick sieht in mir nicht in erster Linie einen Kunden, sondern vielmehr einen potentiellen Dieb, einen Feind. Mit jedem dieser Blicke wird eine implizite Anklage geprüft. Jeder kann es sein, sagt der Blick, auch du. Warum sollte ich dir glauben schenken, dir vertrauen? Du bist wie jeder andere, und so lange ich nicht vom Gegenteil überzeugt bin, behalte ich mir vor, in dir einen Räuber zu sehen. Ich bin also nicht nur Nichts, ich bin noch weniger als das – bis auf Widerruf durch abschätzende Blicke gelte ich gar noch für einen Kriminellen.
Das mag von Seiten der Kaufhausleitung seine zynische Berechtigung haben; für mich als Kunden ist es vor allem eins: Eine auf dem ins Gegenteil verkehrten Grundsatz des in dubio pro reo – also in dubio in reum – basierende Beleidigung. Dieser Blick, oberflächlich und aufgezwungen wie er auch sei, ist ein Schlag ins Gesicht, nicht nur in meines, sondern in das einer jeden zivilen Gesellschaft. Ein solches Verhalten ist unzivilisiert. Es ist empörend.

Daß es auch anders geht, zeigen nicht nur andere Supermärkte, in denen andere Umgangsformen gepflegt werden, sondern auch, und zwar unter denselben Bedingungen des Funktionierenmüssens, im selben Supermarkt: die Altgedienten. Die grüßen und lächeln. Kein Blick in den Kontrollspiegel, ein Blick in die Augen. Mittlerweile suche ich mir die Kasse nicht nach Länge der Schlange sondern nach Alter der Kassiererin aus. Die Kontrolle üben immer nur die ganz Jungen, gerade Eingearbeiteten. Je jünger, desto eifriger. Eine verstieg sich kürzlich gar zu der Aufforderung, ich möge bitte meine Tasche vorzeigen. (Ich frage mich, was passieren würde, wenn man sich weigerte)
Das zeigt vor allem, und das gibt wieder zu Hoffen: Das Kontrollritual ist den Kontrollierenden selbst ein Greuel.

Morgen, vogellos

An diesem Tag würden wieder die Hubschrauber knattern, nebenan, zur Unzeit, rauschte schon die Klospülung des Nachbarn, aus den Augen rieselten Schäben, der Schlaf hatte wie Erde geschmeckt. Später die Beeren schon dunkel. Kein Regen, die Wiesen Gefäße voll Himmel. Die Wege hatten fleißig Schatten gesammelt, den spuckten sie jetzt wieder aus. Brennesseln fraßen sich über die Brachflächen. Unterm Stacheldraht Schnauzen, Hörner und Felle von Vieh. Grüfte schliefen ihren Rausch aus, verbissen nüchtern werdend. Weggedreht zuckten die Bäume die Achseln. Ein Später war über die Welt hereingebrochen, war heimlich eingetroffen, über Nacht, von keinem bemerkt außer den wachsamen Vögeln, die sich nicht hatten ergreifen lassen von der dunkleren Zukunft, die sie uns überließen.

Anwesenheiten

Die Wohnung vorzeitig verlassen, geflohen! einen Zug früher genommen, nur um nicht länger: Ich Er. Tra. Ge. dieses Geräusch nicht, ums verrecken nicht. Die Toilettenlüftung der Nachbarn. Da haben sie schon zwei Bäder, eines davon mit Fenster, aber nein, dieses müssen sie benutzen und mir mit der idiotischen Lüftung die Ohren vollheulen. Es gibt Geräusche, die sind einfach im schlimmsten Sinne des Wortes un-: Un. Er. Träg. Lich. Ich mache das Radio an, drehe am Lautstärkeregler herum, konzentriere mich auf die beruhigenden Stimmen. Zwecklos. Das Heulen ist überall, draußen, drinnen, unter dem Sofa, in allen Ecken, in den Ohren, im Schädel, im Knochenmark, eine unausweichliche, quälende Anwesenheit, daß die Nervenfasern nur so knistern. Also raus. Aus der eigenen Wohnung gejagt. Hatten wir das nicht schon einmal?
Auch verwirrend: Seit ein paar Tagen diese merkwürdigen Flecken, fettiges Dunkel mit einer weißen Stippe darin, man sieht das überall jetzt auf dem Boden, auf der Straße, auf dem Bürgersteig, was ist das? Fliegendreck? Vogelschiß? Runtergetropftes Vanilleeis? Und was hat das mit dem Toilettenlüfter …? Ist ja auch egal.
Im Zug jedenfalls wieder sehr voll, das heißt, gar nicht mal so, aber man bemißt solcherlei Ärgernisse ja immer am Erwarteten, und da jetzt Schulferien sind, mithin die Züge sich angenehmst leeren sollten, wie in vergangenen Jahren auch schon, um die sechs angenehmsten Wochen des Jahres einzuleiten – erwarte ich nunmal leere Räume, Stille, ungeatmete Luft. Vergiß es. Der beste Urlaub wäre dann, wenn vier fünftel der hiesigen Bevölkerung einfach im Urlaub verschwänden, verschollen gingen, ausstiegen, auswanderten, was weiß ich, um nie wieder hier unangenehmst, auch sie nämlich eine quälende, nervenmarternde Anwesenheit, aufzufallen.

Phonem, Phon, Allophon

Eine der griffigsten Definitionen von Phon und Phonem habe ich gleich zu Beginn des Studiums gehört, in meiner allerersten Veranstaltung überhaupt („Einführung in die synchrone Sprachwissenschaft anhand der deutschen Gegenwartssprache“). Sie lautet:

Ein Phonem ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit auf der Ebene der Langue (des Sprachsystems).

Ein Phon ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit auf der Ebene der Parole (der tatsächlich statthabenden Rede).

Alles andere, Allophon, Realisierung, Opposition und der ganze Rest, folgen logisch aus dieser Bestimmung. Das ganze Studium bin ich immer gut gefahren damit, und wahrscheinlich würde ich sie immer noch unterschreiben, wenn ich nicht eines Tages selbst mit der Aufgabe betraut worden wäre, ein Einführungsseminar zu unterrichten.

Da dämmerte mir: Irgend etwas konnte nicht richtig sein. Die Definition besagt, daß Phone echte Sprachlaute sind, wie sie in der Wirklichkeit begegnen, die gehört werden, gemessen und zerlegt werden können, und die, jeweils für sich, einen zugrundeliegenden Lautplan, eine Art Lautvorschrift befolgen oder realisieren, nämlich das der Regelebene angehörende Phonem. Das Phonem kann man weder hören noch messen noch zerlegen. Es existiert nur als (vom Linguisten erschließbare) Regel, deren Anwendungsergebnisse wiederum die Phone sind. So weit so klar.

Dann ist da aber noch die Sache mit der Allophonie. In allen Sprachen (in manchen öfter und komplizierter, in anderen weniger und einfacher) stößt man auf das Phänomen, daß manche Phoneme nicht ein, sondern gleich mehrere Phone festlegen, und zwar je nach dem, in welchem Kontext anderer Phoneme das fragliche Phonem realisiert werden soll: Sprachlaute beeinflussen einander, und zwar tun sie das in regelmäßiger Weise. Man versäumt eine wichtige Verallgemeinerung, wenn man zwei Laute, die auf regelmäßige Weise miteinander korrespondieren, als zwei unabhängige Laute auffaßt. Tatsächlich sind sie schicksalhaft so eng miteinander verknüpft, daß man sie besser als zwei Erscheinungsformen desselben zugrundeliegenden Dings ansieht. Drei Illustrationen dazu, zwei aus einem anderen Bereich als dem der Sprachwissenschaft, eines aus der deutschen Standardsprache:
Die Uniformen des Zugbegleitpersonals der Deutschen Bundesbahn hat zwei klar geschiedene Formen, eine die aus Blazer, Hose und einem schirmlosen Hütchen besteht, eine andere mit Jacket, Hose und einer Schirmmütze als Hauptzier. Es wäre nun ziemlich ungeschickt, davon zu sprechen, daß die DB einfach zwei verschiedene Uniformen hat; insbesondere könnte man mit einer solchen Beschreibung den Sinn von zwei Uniformen gegenüber einer einzigen Uniform nicht erfassen. Bei genauerem Hinsehen fällt aber eine bestimmte nichtzufällige Verteilung auf: Weibliche Angestellte tragen das Hütchen, männliche die Schirmmütze. Das heißt, welche der beiden Uniformen erscheint, hängt vom Geschlecht dessen ab, der sie trägt. (Natürlich könnte es auch andersherum sein und das Geschlecht von der verwendeten Uniform abhängen; in der Humanbiologie ist das der eher unwahrscheinliche Fall, der aber in der Linguistik sorgfältig geprüft werden muß.) Es ist nun zweckmäßig, nur von einer einzigen DB-Uniform zu sprechen, deren Erscheinungsbild in voraussagbarer Weise variiert: Das Mützchen kommt auf Frauen-, die Mütze auf Männerhäuptern vor; wo das eine vorkommt, kommt das andere nicht vor und umgekehrt. Eine solche Distribution (Verteilung) zweier Erscheinungsformen desselben „Urdingens“ nennt man komplementär.
Zweites Beispiel. Die Buchstaben des Lateinischen Standardalphabets erscheinen immer in einer von genau zwei Formen, die man Groß- bzw. Kleinbuchstaben nennt. Obwohl das so ist, spricht man immer nur von einem einzigen Buchstaben, sagt also etwa, das Alphabet habe 26 Buchstaben, nicht ihrer 52, undsoweiter. In phonologischen Termini würde man für jeden Buchstaben von einem einzigen Phonem reden, das zwei Realisierungen hat, einmal als Klein- ein andermal als Großbuchstabe. Wo welche Form des Buchstabens erscheint, ist eine Frage der jeweiligen Orthographie und (mehr oder weniger) genau geregelt. Es gibt eine Menge von Kontexten für Großbuchstaben (Anfang von Eigennamen, Satzanfang, nie außerhalb vom Wortanfang etc) und eine zweite Menge von Kontexten für Kleinbuchstaben, und wenn die DUDEN-Redaktion ordentlich gearbeitet hat, überschneiden sich die zwei Mengen nicht. Auch die Groß- und Kleinbuchstaben des Lateinischen Alphabets sind komplementär distribuiert. Wo ein Großbuchstabe steht, steht kein Kleinbuchstabe, und umgekehrt.
In natürlichen Sprachen ist es nun sehr häufig der Fall, daß bestimmte Laute sich verhalten wie DB-Uniformen und Buchstabenformen, nicht, daß sie Mützchen tragen, sondern daß sie komplementär distribuiert sind.
An dieser Stelle kommt in allen Einführungen zum Thema unweigerlich die Sprache auf den deutschen ch-Laut. Dieser Text ist keine Ausnahme.
Der Laut am Ende des deutschen Worts Bach und der Laut am Ende des deutschen Worts ich kommen jeweils in genau dem Kontext vor, in dem der andere nicht vorkommt. Der Bach-Laut kommt nur nach den Vokalen a, o und u vor; der ich-Laut in allen anderen Kontexten vor. Ebenso wie man von einer DB-Uniform und einem Buchstaben sprechen kann, kann man das ch in Bach und vom ch in ich als ein einziges Dingens auffassen, das noch kein Laut ist, das überhaupt nichts hör- oder meßbares ist, aber in Abhängigkeit von seiner Position durch die beiden Erscheinungsformen ch-in-Bach und ch-in-ich als konkreter Sprachlaut realisiert wird. Das fragliche Element ist nicht so sehr dadurch charakterisiert, was es ist oder wie es realisiert wird, sondern vor allem dadurch, was es nicht ist, und daß es sich von anderen Elementen und ihren jeweiligen Realisierungen unterscheidet. Man könnte dem Ding auch eine Nummer geben und es grün anmalen. Man könnte es natürlich auch rot anmalen. Wichtig ist nicht, welche Nummer, oder welche Farbe, sondern nur, daß es anders ist als die anderen, in linguistischer Sprechweise: Daß es zu anderen Elementen in Opposition steht.
Opposition ist das genaue Gegenteil der komplementären Verteilung. Zwei Elemente stehen in Opposition zueinander, wenn sie im selben Kontext vorkommen können und das Auftreten des einen und nicht des anderen, mit einem Wort, der Unterschied zwischen ihnen bedeutsam ist. So ist der Unterschied zwischen den im Deutschen Standardalphabet durch und repräsentierten /k/ und /t/ bedeutsam, da er Bedeutungen wie die von Kasse und Tasse unterscheidet. /k/ und /t/ kommen hier im selben Kontext /__ase/ vor. Natürlich heißt das nicht, daß sie im selben Kontext gleichzeitig vorkommen und sich auf die Füße treten, sondern daß sie dort ein Gegensatzpaar bilden: Kasse vs Tasse. Zwei Ketten von Elementen, die sich wie Kasse/Tasse nur in einer (unteilbaren) Stelle unterscheiden, nennt man übrigens ein Minimalpaar.
Elemente, die Bedeutungen unterscheiden (also im selben Kontext vorkommen, also in Opposition stehen), nennt man Phoneme. Wobei wir bei Teil eins der eingangs erwähnten Definition angekommen sind.
Wie verhält es sich nun mit dem Bach-Laut und dem ich-Laut? Sie kommen in getrennten Kontexten vor, stehen also nicht in Opposition. Ihr Auftreten ist vorhersagbar, weswegen sie nicht bedeutungsunterscheidend sein können. Mit anderen Worten, es gibt im Deutschen keine zwei Wörter unterschiedlicher Bedeutung, die sich nur durch die Differenz von ich-Laut einerseits und Bach-Laut andererseits unterschieden. Diese bilden kein Minimalpaar. Wohl aber bilden sie gemeinsam, bzw bildet das Phonem, das sie beide je nach Kontext realisieren, Minimalpaare mit anderen, quasi unbeteiligten Elementen: Nacht und nackt (Bach-Laut gegen /k/, die Schreibung ist irrelevant); nüchtern und Nüstern (ich-Laut gegen /s/). Diese Erscheinung nennt man Allophonie, die zwei (oder mehr) durch Kontext bedingten Realisierungen eines einzigen Phonems Allophone.
Und jetzt zum eigentlichen Problem. Phoneme sind abstrakte Einheiten, die nur über ihre Realisierungen in Erscheinung treten. Diese Realisierungen sind die Phone, bzw die Allophone. Wenn man diese nun als konkrete, beobachtbare, meßbare, durch Sprecher produzierte Lautereignisse auffaßt (also quasi im Sinne von Verwirklichungen platonischer Ideen), kommt man in gewisse Schwierigkeiten, die Allophonie betreffend. Denn: Keine zwei Realisierungen desselben Phonems sind jemals gleich. Nicht nur die Sprecher unterscheiden sich in winzigen anatomischen und artikulatorischen Details; auch keine zwei von einem einzigen Sprecher nacheinander produzierten Realisierten eines Phonems sind wirklich identisch. Das t in Tasse kann ein bißchen mehr oder weniger stimmhaft, ein bißchen mehr oder weniger aspiriert, ein bißchen länger odr kürzer, ein bißchen dentaler, ein bißchen alveolarer artikuliert sein. Stets gibt es winzige Abweichungen. Alle diese winzigen Unterschiede sind natürlich nicht signifikant, sie verändern nicht die Bedeutung. Aber sie ließen sich schön praktisch als Realisierungen eines einzigen Phonems /t/ zusammenfassen. Also sind es Allophone von /t/?
Dann hätte aber nicht nur /t/, sondern jedes Phonem unendlich viele Allophone; und eine regelmäßige Verteilung wie man sie beim ich-Laut und beim Bach-Laut beobachtet, ginge in einem Wust von unsystematischer, sprunghafter Varianz verloren. Das ist ein bißchen so, als müßte man jedes lose Fädchen, jeden Kekskrümel, jede Sitzfalte und jeden Dreckspritzer als eigene Ausgabe der DB-Uniform auffassen, gleichberechtigt mit den weiblichen und männlichen Formen. Oder als müßten wir jeden verrückten Einfall irgendeines Schriftgraphikers, hier ein bißchen mehr Strichstärke, hier größere Punzen, dort kleinere Serifen, neben Versalien und Kleinbuchstaben als je eigenständige Buchstabenformen ansprechen. Wir könnten dann die Generalisierung, daß es prinzipiell zwei Formen gibt, nicht mehr aufrechterhalten.
Daher können Allophone noch nicht die tatsächlichen Realisierungen ihres Phonems, noch keine wirklichen, meß- und hörbaren Schallereignisse sein. Eine zweite abstrakte Ebene muß her, zwischen Phonem und Laut, eine Ebene, auf der die systematischen Zuordnungen zwischen Allophonen und Phonemen vorgenommen werden. Die tatsächlichen Realisierungen lassen sich ja wieder den Vertretern der systematischen Varianz zuordnen, beide Uniformformen haben ihre je eigenen Realisierungen in Gestalt von individuell verschmutzten, abgetragenen oder sonstwie veränderten Kleidungsstücken, dennoch bleiben sie als männliche oder weibliche Form erkennbar; der Bach-Laut und der ich-Laut haben je für sich ihre eigenen Winzvarianzen, ohne deshalb aufzuhören, Bach- oder ich-Laut zu sein. Die Varianz der tatsächlichen Laute wimmelt um das Zentrum dessen herum, was die Allophone artikulatorisch vorgeben:
Das Phonem ist die kleinste bedetungsunterscheidende Einheit auf der Ebene des Sprachsystems. Es wird realisiert durch Allophone, in denen sich eine systematische Varianz manifestiert. Allophone schließlich werden durch Lautereignisse realisiert, die zufälligen winzigen Abweichungen unterworfen sind.

Von vorn

Man müßte alles noch einmal von vorne erzählen. Es fällt schwer zu glauben, daß es nur eine einzige Geschichte geben soll. Der Raum hinter dem Rücken ist dämmrig. Jemand spricht gegen den Hinterkopf, lächelt einen Energiestrahl hinüber, und das Gewebe von Schatten und Raum erfährt eine winzige Erschütterung, die sich auf die Nackenhaare überträgt und sie in feine Schwingung versetzt. Es ist Sommer, noch einmal wäre Sommer. Eine Taube stürzt sich von der Dachrinne ins Sonnennetz, wo sie flügelklatschend im Nachmittag verschwindet. Stop.
Hier anhalten, in diesem Moment.
Das Lächeln
Die Schatten
Die Taube
Und von hier aus. Die Taube ist verschwunden, das Licht hat sich hinter ihrem Flügelschlag wieder geschlossen. Von hier aus einen anderen Atem nehmen und das, was jetzt normalerweise folgen würde, links liegen lassen. Stimmt alles nicht, es war anders. Ich beweise es dir. Du lächelst. Die Taube, in Ordnung, das stimmte noch, aber dann? Ich habe ganz anders geatmet, die Luft, sie schmeckte ein bißchen anders, ein Herzschlag folgte eine Mikrosekunde später oder früher, ein Blick rutschte nicht weg, blieb haften, ein winziger Riß läuft durchs Licht, entlang einer Sollbruchstelle in der Textur der Zeit. Eine Mikrosekunde früher oder später, das ist der ganze Unterschied. Und jetzt, von hier aus …
Man wird das alles noch einmal erzählen müssen.