Vom Quatschen
Die frohe Gesellschaft, und wie ich sie fliehe und ersehne. Kein Moment länger hätte mir dort noch mehr Vergnügen bereiten können, doch kaum bin ich weg, ist der Abend voller ungenutzter Möglichkeiten. Keins der Gespräche, die ich hätte führen wollen, habe ich geführt. Dafür solche, von denen ich nicht wußte, daß ich sie führen wollte. Wie immer ist alles zuviel auf einmal. Eine Runde zu viert ist schon fast mehr, als meine Aufmerksamkeit verarbeiten kann. Es ist zu laut, ich muß zu laut reden, um noch Freude am Sprechen haben zu können. Ich ermüde. Die Stimme wird brüchig und verwaschen, als wäre ich Stunden im Frost gewandert. Ich komme mir übertrieben vor, zu laut, zu hektisch lachend, ich bin angestrengt, ich arbeite, während ich rede und die anderen sich amüsieren. Ich beobachte mich selbst, schweife ab, höre nicht mehr zu. Der Raum dröhnt, Stimmen dringen von überall an mein Ohr, ein Kind schreit, gegenüber lacht jemand, mein Blick pendelt weg, unhöflich gegen den Gesprächspartner, den ich über alles schätze, nur zeigen kann ich es ihm nicht, weil ich zu beschäftigt damit bin, Herr der Situation zu bleiben, Herr meiner Sinne, zu ausgelastet damit, alles, was an Eindrücken auf mich einprasselt, zu sortieren und mit den Empfindungen, die aus mir selber stammen, abzustimmen. Es ist die einzige Gelegenheit im Jahr, bestimmte Menschen, die mir viel bedeuten, zu sehen, aber es sind zu viele auf einmal. Wie gern würde ich mich einen Nachmittag mit Anna W. unterhalten, in der Stille eines Wohnzimmers; wie gerne hätte ich endlich mehr über Jupp H. erfahren, nach all den Jahren weiß ich immer noch nicht, was für ein Mensch das eigentlich ist. Oder N., die, später eingetroffen, mir Sitzendem zur Begrüßung von hinten die Schultern drückt, als wären wir dicke Kumpels, daß mir ganz warm wird. Oder S., die mir blaß, und, obwohl sie doch so hübsch ist, häßlich erscheint, als hätte jemand ihr schönes Gesicht durch eine Karikatur ersetzt, seit wir uns das letzte Mal gesehen und ich ihre Schönheit bewundert habe; ich fürchte, es geht ihr nicht besonders, ich werde es nicht erfahren. Einen Moment, und es sind solche Betrachtungen, die mich immer wieder aus der Unterhaltung hinauskegeln, ich muß sehr unhöflich gewirkt haben, einen Moment denke ich, wie muß sich das anfühlen für einen wie A., einen Plauderer, der in jeder Runde drauflosquatscht, selbstsicher, schamlos und interessant, ohne die geringste Sorge zu haben, er könne jemanden ermüden, enttäuschen, oder jemandem dazu Veranlassung geben, sich für ihn zu schämen. A. schafft es sogar, in einer Runde die Mehrheit bildender Naturwissenschaftler das Thema zu bestimmen und von Dingen anzufangen, die alle Gelehrten mundtot machen, weil sie sich nicht darin auskennen, und er schafft es, daß man ihm dabei zuhört, ohne daß einer das Thema als unwichtig, den Gegenstand nutzlos oder die Beschäftigung damit als irrelevant bezeichnet. Einmal habe ich erlebt, wie einer dieser Wissenschaftler die chinesische Schrift als dringend abschaffungswürdig erklärte, was für ein ineffizientes, überdeterminiertes, arbiträres, schwer zu lernendes System, mein Gott. A. hätte diesen Elektrotechniker und Quantenphysiker in Grund und Boden geredet, wäre er nur anwesend gewesen. Ich konnte nur verschämt schweigen. Mein erster Gedanke dazu ist, Menschen wie A. müssen glücklich sein und stolz auf sich — aber das kann nicht stimmen. Der zweite Gedanke ist nämlich, ich selbst, ich wäre überrascht von mir, wenn mir gelänge, was A. gelingt, ich wäre stolz über etwas, von dem ich bislang nicht geglaubt hätte, daß ich es kann. Für die Menschen aber, die es können, gehört dieses Vermögen ja seit je zum selbstverständlichen Hintergrund, zu den unbezweifelbaren Rahmenbedingungen ihres Daseins, infolgedessen sie auch nicht stolz auf sich sein können, wenn sie sich in jeder Runde wohlfühlen und drauflosquatschen, wenn sie Wirkung haben in einem sozialen Gefüge, wo einer wie ich nur verstummen kann, denn es muß dies etwas sein, das sie vermutlich noch gar nicht bemerkt, noch nicht an sich selbst begriffen haben.
Alte Heimaten
Hürxberg. In der Abenddämmerung, die schon um halb vier spürbar einsetzt, drehe ich eine Runde. Wasserbehälter, Blick zurück zur Ebene, den Weg vom Bach herauf kommen zwei Hunde. Die Wege tuscheln in meinem Rücken. Ein Falke über dem Weinberg, fesgefroren an den Wolken, zappelt und kommt nicht los. Am Bach nach kurzem Zögern (große Runde hoch in den Wald, oder lieber wieder zurück?) links runter. Verschlammter Weg, Hufspuren von Pferden, weiches Wintergras. Unter dem fransigen Rand eines Wolkenbands quellen wie aus einem zu straffen Saum hellere, dickliche Schichten klarerer Luft hervor. Draußen in der Ebene rauchen die Schornsteine. Die Ebene ist erfüllt von Brausen und Donnern. Nichts an Lichtern und Strukturen bewegt sich, nichts zeigt sich als Quelle für den Lärm, es ist, als käme das Donnern aus dem Innern der Erde, als arbeiteten da gewaltige unterirdische Maschinen im Dauerbetrieb. Die Wege, die es hier herauf geschafft haben, scheinen mit Mühe entkommen zu sein. Ein Pferd schaut mich plötzlich von oben an, regungslos, weder neugierig noch ängstlich noch erstaunt, vielleicht prüft es mich, vielleicht wartet es darauf, daß ich eine Dummheit mache, damit es sich später, wenn ich weg bin, ausschütten kann vor Lachen. Etwas zischt durch die Luft wie ein Lenkdrachen: Es ist ein Schwarm Stare, der über meinem Kopf die Richtung wechselt, abdreht, in einen Baumwipfel rauscht und darin verschwindet wie in Löschpapier getaucht. Im Blick zurück plötzlich drei Schafe auf einer Weide. Sie bemerken mich nicht, was mich mit einem seltsamen Glück erfüllt. Oberhalb der Böschung halb verdeckte Bienenkörbe, ein Schuppen, nicht größer als eine Hundehütte, Brombeergestrüpp, Haselstämme, ein bleicher Himmel voller Heimaten, die meine nicht mehr sind. Hier sind Leute zu Hause, und einst war ich einer von ihnen. Der Himmel ist immer noch da, leise schaufelt er Laub über den Rand, das die Böschung hinunterraschelt bis auf den trüben Weg, bis vor meine Füße.
Solstitium
Decken im Frühlicht, Gedächtnis von Schnee, Gedächtnis von Speichel:
Schlafend fand Helle zu Haut, Haut zum Geküßtsein zurück.
(Die Melancholie einer jeden Zäsur. Nie habe ich gelernt, Zäsuren selbst zu setzen, ohne hinterher zu bereuen, daß ich sie gesetzt habe, und mit den Zäsuren, die das Jahr und seine Teile und Feste setzt, kann ich nicht anders als rückwärtsgewandt umgehen: Niemals schaue ich bei einer Zäsur anders als mit Ängstlichkeit nach vorne, und zurück nie anders als mit Traurigkeit.)
Scheuche
Hände wie Stuhllehnen, Haare aus Bast, Haltung einer Vogelscheuche, einer Vogelscheuche gleicht sogar der Gang, sein schwankendes (Geh ich runter, komm ich rauf?) Stehen, als hätte diese Gestalt an der Treppe auf dem Bahnsteig, einen Moment zuvor noch auf dem zugigen Feld ein mit Stroh gefülltes Gestell aus Hölzern und Lappen, eben erst gelernt, auf Menschenfüßen zu gehen. Ein Gesicht wie Schlamm, weich, zerlaufend, mit einem triefend dunklen Mund und verschmierten Kieselaugen. Er riecht nach alten Klamotten und Rauch. Seine Sprache ist noch ungelenk, die Konsonanten voller Splitter, die feuchten Vokale vom Wind, der durch Ritzen von Schuppen und Scheune fährt, abgeschliffen. Zugeflogen die Wörter, deren Verknüpfung keinen Sinn ergibt, als läse jemand Ausdrücke und Phrasen aus einem durchgemischten Satz Kühlschrankpoesie vor. Mit jedem Satz winkt er ab, als wäre sowieso alles hin, Kant, kategorischer Imperativ, alles umsonst, Freud, das Unbewußte, Hegel, hab ich auch schon gemacht, Heidegger, mehr Namen und Schlagwörter quellen aus dem Mund, begleitet von Speichelspritzern, als würden in seinem Innern Strohballen ausgewrungen. Zwischen den Wurzelfingern qualmt bei seinem Abwinken die Zigarre wie ein Weihrauchgefäß, als wolle er mich, sein auserkorenes Publikum, damit segnen.
Blink
Nun ist die Apotheke unterm Uni-Center in der Luxemburger Straße schon fünf, sechs Jahre aufgegeben. Das Schild hängt noch über der Schaufensterfront, eine Liste mit Notfallapotheken ist immer noch neben der Türklingel angebracht, und hinter dem Glas hat sich noch mehrere Jahre lang eine immer mehr ausbleichende Werbung für ein Schnupfenmittel gekrümmt. Irgendwann muß sich jemand, der Eigentümer der Gewerbefläche vielleicht, erbarmt und die Fenster mit Packpapier verhängt haben, auch das ist jetzt schon ein paar Jahre her.
Heute stand ich an der Haltestelle gegenüber und ließ den Blick über die Ladenzeile gleiten, mit jener Langeweile und Trägheit, wie sie einen in Wartezeiten überkommt, die nicht besser zu überbrücken sind als mit interesselosem Schauen. Da gibt es eine Fitneßbude, einen Schnellimbiß mit Libanesischen Spezialitäten, einen Schreibwarenladen mit Postagentur, eine Bäckerei und eben jenen leerstehende Ladenraum, in dem früher die Apotheke war. Wie viele Apotheken, so zeigt auch diese ihre hilfreiche Existenz durch ein rechtwinklig an die Hauswand angebrachtes Zeichen, ein aus Leuchtstoffröhren geformtes Fraktur-A an. Jetzt sah ich, daß das Fraktur-A erleuchtet war. Und nicht nur leuchtete das A, es blinkte auch. Jetzt erlosch es, während an seinem rechten Fuß ein grünes Kreuz aufleuchtete. Dann erlosch dieses, während das A wieder aufblinkte. Und so ging es beharrlich weiter. Und ich fragte mich, ob ich das bislang übersehen habe, oder ob es das erste Anzeichen einer Neueröffnung der Apotheke sei. Aber welcher zukünftige Apotheker setzt als erstes so ein Blinklicht instand, ohne wenigstens die baldige Neueröffnung im Fenster anzuzeigen. Das Fenster war so packpapierblind wie all die vergangenen Jahre auch schon. Oder hatte ich das Leucht-A bislang übersehen? Blinkte es jetzt vielleicht schon sechs Jahre oder länger vor sich hin, beharrlich, tapfer und unermüdlich, starrsinnig oder seinem alten Besitzer sklavisch die Treue haltend, wie ein Hund, der es nicht aufgibt, alle halbe Stunde zur Tür zu laufen und nach seinem Herrchen zu jaulen? Beseelt von einer aberwitzigen Hoffnung auf bessere Zeiten? Daß jemand jahrelang einen elektrischen Mechanismus an einer aufgegebenen Apotheke gewartet haben soll, erscheint völlig absurd. Warum sollte man eine Leuchtreklame, die für nichts mehr wirbt, am Leuchten halten? Wenn es aber ein Versehen war, das Ding vergessen wurde und dann unbemerkt und ohne kaputt zu gehen jahrelang vor sich hin geblinkt hat, dann ist zumindest die Frage, wer all die Jahre die Stromrechnung bezahlt hat.
In der Behörde, der ich meine Arbeitskraft zur Verfügung stelle, werden turnusmäßig alle zwei Jahre sämtliche Leuchtstoffröhren einmal ausgetauscht. Die Überlegung dabei ist, daß es weniger Verwaltungsaufwand bedeutet, die Röhren alle auf einmal auszutauschen, als darauf zu warten, daß sie nach und nach kaputt gehen. Man bestellt lieber ein paar hundert Röhren und klappert alle Gebäude in einem einzigen Arbeitsgang ab, als für jede kaputte Röhre eigens Ersatz zu bestellen und den Schaden Röhre für kaputte Röhre zu beheben. Schließlich muß für jeden Ausfall und jede Reparatur ein Verwaltungsvorgang mit eigener Dokumentation angeworfen werden, und bis die neue Röhre endlich eingetroffen und die alte ausgetauscht ist, sitzt man im Dunkeln (oder im Flackerlicht). Dabei rechnet man damit, daß die allermeisten Röhren mindestens zwei Jahre halten; indem man die Zeit so wählt, daß man garantiert nur gesunde Röhren austauscht, stellt man sicher, daß keine Röhre schon vor dem Generaltausch ausfällt, was ja den Vorteil der Maßnahme wieder zurücknehmen würde. Auf der anderen Seite läßt man sie gerade lange genug brennen, daß der turnusmäßige Austausch nicht teurer kommt als der stückweise Austausch nach Ausfall. Diesen Zeitpunkt zu bestimmen ist ein Fall für Versicherungsmathematiker. Jedenfalls dürfte der Zeitpunkt des statistisch erwartbaren Ausfalls einer Röhre deshalb irgendwo knapp über zwei Jahren liegen.
Umso unglaublicher wäre es, wenn besagtes Fraktur-A jetzt schon mehr als sechs Jahre tadellos blinken würde. Ich schätze die Frequenz des Blinkens für jeweils den Buchstaben und das grüne Kreuz auf zwei Sekunden. Dann hätte sowohl das A als auch das Kreuz in sechs Jahren (6 x 365 x 24 x 60 x 60) / 2 = 94608000 Mal geblinkt. Ein verrückter Gedanke: Daß es zu jeder meiner Lebenssekunden dieser sechs Jahre (und länger), genau einen Blinkzustand des Buchstabens und des Kreuzes gegeben hat. Ich saß auf der Toilette: An, aus, an. Ich drehte eine von hunderten Runden durch den Wald: An, aus, an. Ich war an der Nordsee, an, ich fuhr zur Arbeit, aus, ich schlief, an, aus, ich seufzte nach einem anstrengenden Tag, aus, an, aus, ich ärgerte mich über einen Schüler oder freute mich über eine reizende Lektüre, trank einen Kaffee, bohrte in der Nase, stand unter der Dusche: An, aus, an, aus, an, aus. Während ich dies schreibe: An, aus, an, aus. Und neben diesem einen Blinklicht gibt es ja tausende, wenn nicht Millionen ähnlicher Blinklichter auf diesem Globus, an Baustellen, an Krankenwagen, an Weihnachtsbäumen und als Winterfensterschmuck, auf Hochhäusern und auf Leuchtreklamen aller Art, an Flughäfen und Flugzeugen, an Windkraftanlagen und Fernmeldetürmen, an Masten, an Schiffen, an Computernetzteilen und Müllwagen, alle in minimal anderen Rhythmen, einige vielleicht nur um Nanosekunden verschoben, so daß man erst in Jahrtausenden merken würde, daß sie nicht synchron sind. Stellte man sie alle nebeneinander, es gäbe ein kolossales Geflacker.
Die Traurigkeit eines Morgens, den man zu früh beginnt. Die gewaschenen Kleider auf der Leine, ein Pullover, der die Arme hängen läßt wie ein erschöpfter Sportler. Licht füllt gerade mal die eigenen vier Wände, zu mehr wäre es nicht in der Lage. Das Licht erinnert sich an Morgen von früher, als noch nichts so war wie jetzt. Als es noch die Katastrophen vom Leib halten konnte. Als es noch nichts bedeutete, traurig zu sein. Der Kühlschrank summt wie an einem Krankenbett ein Gerät, das unaussprechliche Arbeiten verrichtet. Dazu orakelt das Radio Undeutbares, aus dem Mikrophon strömt ein Wispern und Rascheln, das auch von Schilf stammen könnte, von Herbstlaub, von braunen Hecken.
L’art pour l’art
Cum bene quaesieris quid agam, magis utile nil est
artibus his quae nil utilitatis habent.
Wo du mich rechtens fragst, was ich tue: nichts Brauchbarers hab ich
als gerade die Kunst, die ich gebrauchen nicht kann.
(Ovid, P. I,5,53-54)
Laufen, Woche 48
Laufen, auf der Innenseite eines Schädels, auf der Suche nach den Augenöffnungen. Irgendwo denkt es in der Nacht, geht ein Wehen von Staub und Laub, kauert ein Frösteln von Mondschein. Die Ereignisse, unerkannt in ihrer Art, sind fern, gedämpft, rumpelnd; irgendwo grollt es am Gewölbe, als würden in oberen Geschossen Kopiergeräte hin- und hergeschoben; Lichter, nachdem sie sich eine Stunde lang genähert haben, verschwinden lautlos, ortlos. Wohin der Lampenschein auch fällt, ist Rand. Dahinter tun sich vielleicht Abgründe auf, wo die unteren Gedächtnisse der Nacht liegen.
Visionen
Im Radio (Kulturnachrichten) den dämlichen Satz gehört: „Kinder sind die Museumsbesucher von morgen. Davon sind die Museumsleitungen in NRW überzeugt.“
Nun, abgesehen davon, daß die Wahrheit dieser Aussage eine Frage der Logik, nicht aber der Überzeugungen ist, sind Kinder auch die Terroristen, Sexualstraftäter, Juwelendiebe, Drogenabhängigen, Alzheimerpatienten und Pflegefälle von morgen.
Beaujolais
Beim Wort Beaujolais an Wollpullover, Decken und Winterabende denken; an erste Küsse und an einen feuchten Schoß denken, klebriger Samen auf einem warmen Bauch, tief eingewickelt in der Mitte der trockenen Wärme von Wolle, Stallgeruch des Geschlechtlichen. Beaujolais: junger Wein, der zu den jungen Erfahrungen paßte. Keine Reife, aber schon Kennertum bei mir wie bei ihr, und wie wir uns in den elementaren Fragen des Geschmacks von Delikatessen einig waren. Spaziergänge mit Kastanienlaub in den Alleen einer für beide fremden Stadt, in der man heimisch werden wollte, so wie eins verlangend im anderen zu Hause zu sein begehrte. Dazu der trockene, leicht irden schmeckende Wein, dessen Geschmack Jahrzehnte später, in einer völlig anderen Welt, nicht mehr auffindbar ist: Was bleibt, ist nur der Name der Rebsorte, der Name der Frau, die Erinnerung nicht nur an ihren, sondern an so viele Schöße, so viele Aromen, die alle dem ersten nicht mehr nahekamen. Eingekapselt wie Fruchtschalen innerhalb von Fruchtschalen, wie das warme, herbe, sanft Bittere von Kastanien. Ein stacheliger Herbst mit dem weichen Samt des Nebels und der Wärme der Fenster, in denen sich Kerzenschein spiegelt, und, vom Bett aus, dessen Enge gerade recht ist für zwei, nicht zu sehen, zwei nackte Leiber, die ihre Nacktheit voreinander bereits vergessen haben. Bibliotheken und Erkenntnisse, Buch- wie Körperweisheiten, und alle Wege voller Zukunft, unausschöpflich und geheimnisvoll. Lockend vor Fremdheit.
Ovid, Ex Ponto I,2,28f
Ille ego sum lignum qui non admittar in ullum;
ille ego sum frustra qui lapis esse uelim.
Einen wie mich aber will nicht aufnehmen irgendein Baumstamm,
einer wie ich umsonst wünscht sich zu werden zu Stein.
Schauen
Gegenüber in der Küche im ersten Stock ist schon Licht. Eine Frau ist dort beschäftigt mit Aufräumen oder Frühstückmachen oder was für Aufgaben am Morgen sonst so warten, erledigt zu werden. Sie wendet sich hierhin und dorthin, stellt etwas weg, hat vielleicht ein Geschirrtuch in der Hand. Am offenen Fenster warte ich darauf, daß sich mein Zimmer mit Frischluft füllt, keineswegs habe ich die Absicht, diese Frau zu beobachten, irgendwen zu beobachten, da sehe ich in meiner Absichtslosigkeit: die Frau trägt nichts weiter als einen Büstenhalter, der Verschluß hell und wie ein Stück Rüstung auf ihrem breiten Rücken schimmernd. Nicht einmal eine Sekunde dauert es, dann schließe ich, eher erschrocken als entzückt, das Fenster.
Es ist eine Sekunde, die mehr Vorstellung enthält als tatsächliche Sichtbarkeit. Zum Beispiel wird mir die Bewegung, mit der die Frau sich von einer Seite der Küche zur anderen wendet, vielleicht von der Arbeitsfläche zur Spüle, wie ein Tanzschritt vorkommen, als hörte sie Musik (so leise, so beschränkt auf ihren privaten Umkreis, daß ich unten gegenüber nichts davon höre) und wiegte sich dazu, kaum ein Tanz zu nennen, im Takt, fröhlich darüber, daß der Tag losgeht, daß sie am Leben ist, daß ein Vergnügen irgendwann heute auf sie wartet, von dem ich keine Ahnung habe. Ebenso mehr gedacht als gesehen sind die Metallhaken der Schließe, die den Büstenhalter am Rücken zusammenspannt. Habe ich wirklich gesehen, wie sich die obere Lasche ein bißchen auswärts krümmte? Wie das dehnbare Synthetikmaterial im Licht der Küchenlampe leise schimmerte? Wie der Stoff sich weich in die Haut der Flanken jener Frau drückte? Die Frau ist jung, aber nicht sehr jung, jung auf eine reife, robuste, haltbare Art, sie trägt langes, blondes, vielleicht rötliches Haar, dessen Wellen, zusammengefaßt von Spange oder Band, über den Nacken fallen. Das habe ich nicht gesehen, das ahne ich, erfinde ich mir höchstens später. Die Erfindung tilgt auch bereitwillig den Widerspruch, daß die Haare eigentlich den Büstenhalter verdecken müßten. Was ich auch nicht gesehen habe, was aber alles in dieser Sekunde keimt, sind die anderen Bilder, die sich jenem jüngsten verbünden, der nackte Schemen hinter der Milchglasscheibe, der dampfenden Umriß im Badezimmerfenster, das sich damals dem Zugreisenden darbot.
Früher hätte ich vielleicht länger ausgeharrt, riskiert, selbst deutlich sichtbar am offenen Fenster, aber mit nichts beschäftigt außer zu starren, bei meinem heimlichen Entzücken, das mir nicht als freundlich ausgelegt worden wäre, entdeckt zu werden. Aber was wissen diese Frauen schon.
Das Sehendürfen ist eigentlich keine Frage der Erkenntnis, sondern eine der Zuwendung, und, in der Zuwendung, der offenbarten Bereitwilligkeit, der bereitwilligen Offenbarung. Komm, du darfst sehen. Und dann auch: fühlen, schmecken, hören. Diese Zuwendung fehlt natürlich in der heimlichen Erkenntnis, die man sich ungebeten holt. An ihre Stelle tritt der Reiz der Selbstvergessenheit und Ahnungslosigkeit der Beobachteten. Allein das heimliche Schauen, muß man wohl meinen, empfängt den Eindruck eines vom Beobachter unbeeinflußten Daseins. Die Zuwendung reagiert auf den Beobachter. Das eine schließt das andere aus: Der Beobachter kann nicht zugleich gemeint sein mit dem, was er sieht. Der Gemeinte kann nicht sehen, was das Geschaute ohne ihn ist. Ohne ihn: das geschaute Objekt, wie es ist, wenn keiner zuschaut und alle Vorsichtsmaßnahmen, Masken, Täuschungen (absichtliche wie unwillkürliche), Personae, Schutzwälle fehlen, abgenommen, abgelegt worden sind ebenso wie die Kleider, jene alltäglichsten aller Masken.
Genau das ist der Reiz von Bildwerken, die eine Morgentoilette zeigen. Nirgends, darf man annehmen, ist man so selbstvergessen und alleine, so ausschließlich und zugleich selbstverständlich, alltäglich und banal bei sich selbst wie beim täglichen Waschen, Zähneputzen, Frisieren, Tätigkeiten, die so beiläufig sind wie sie lästig fallen können. Wenn Maler nicht auch den Stuhlgang oder das Wasserlassen abgebildet haben, so liegt das vielleicht daran, daß diese Vorrichtungen die Ausübende in unvorteilhafter Weise zeigen würden. Eine Ästhetik der Kloschüssel ist noch nicht erfunden, so weit ich weiß. Eine Ästhetik der Waschschüssel sehr wohl. Eine noch intensivere und jedenfalls ihrerseits ästhetische Beschäftigung mit sich selbst ist allenfalls die Masturbation, und auch dieses Tun ist ja beliebter Gegenstand der bildenden Kunst, von der Pornographie zu schweigen. Der Betrachter wird darin zum Voyeur, bei einem Tun, das sich unbeobachtet glaubt, oder aber, je nach Darstellung, vom Beobachter weiß und diesen, verschämt oder unverschämt, zum Zuschauen einlädt, indem sie ihn, der, dadurch, daß er das Bild betrachtet, einwilligt, zum Voyeur, zum Komplizen seiner eigenen Übertretung, ja, zum Teilhaber an der intimen Verrichtung macht. Indem der Betrachter verweilt, nimmt er die Zuweisung an wie auch die Verantwortung, die damit verknüpft ist. Anders als das Waschen jedoch ist die Masturbation gerade nicht selbstvergessen. Sie ist weder banal noch beiläufig noch lästig, höchstens alltäglich, und schon gar nicht läßt sich vorstellen, daß eine Frau gedankenverloren masturbiert. Es sei denn verloren in ganz bestimmte, dem augenblicklichen Tun förderliche Gedanken – aber dann ist sie nicht gedankenverloren sondern konzentriert. Das Waschen und Zähneputzen ist eine automatische Verrichtung, unbewußt, die sich dem Tagträumen anempfiehlt.
Jemanden beim Tagträumen zu beobachten, darin liegt großer Reiz und eine ebenso starke Scheu hält davon ab. Tagträumen ist ein Zustand höchster Aufmerksamkeit, in dem die Tagträumende ganz von sich abgelenkt ist. Ein Gedanke führt zum nächsten, und alle führen sie fort vom ich-denkenden Ich und lassen dieses vom Gedanken an sich selbst unbastionierte Ich in größter Offenheit und Schutzlosigkeit zurück. Eine besondere Form der Gedankenverlorenheit ist die Lektüre. Glückt das Lesen, ist dazu keinerlei Konzentration vonnöten. Konzentration hat ja immer einen Aspekt von Anstrengung, willentlicher Anspannung. Man muß seinen Gegenstand festhalten und dafür Kraft aufwenden; der Gegenstand aber versucht immer wieder zu entkommen, was ihm meist auch gelingt. Beim geglückten Lesen aber hält nicht die Leserin den Gegenstand sondern der Gegenstand die Leserin. Der Text zieht einen Gedanken, eine Vorstellung nach der anderen aus ihrem imaginativen Potential, das sie und nur sie bewohnt. Sie ist aber, wo sie wohnt, nicht bei sich selbst, sie ist bei den Helden der Geschichte, an der sie lesend teilnimmt. Ihr dabei zuzusehen, heimlich, hat etwas ähnlich Voyeuristisches, wie ihr dabei zuzusehen, wie sie sich wäscht oder anzieht (oder streichelt). Als könnte der Beobachter für kurze Zeit sie dort besuchen, wo sie gar nicht ist, wie wenn man ein Zimmer betritt, das sie für kurze Zeit verlassen hat, in dem aber etwas von ihr zurückgeblieben ist, ein Duft etwa, etwas, worüber sie keine Kontrolle mehr hat. In ähnlicher Weise hat man schon an der abgelegten Unterwäsche der Freundin gerochen, auch dies ein Akt des Voyeurismus. Sie weiß nichts davon und kann sich gegen die darin gewonnene Erkenntnis nicht zur Wehr setzen, sie nicht ungeschehen machen.
Mahlzeit
Wenn die Katze endlich zu fressen beginnt, gibt es ein Geräusch, als drehte man den Löffel in der Zuckerdose um. Dann folgt ein Schmatzen. Wenn die Katze endlich zu fressen beginnt, wählerisch, vorsichtig, als wäre die Mahlzeit noch fast zu heiß, fängt sie vorne an, am Schädel, sie beißt mit den hinteren Zähnen seitwärts zu. In der Mitte knirscht es nicht mehr, erst das letzte Stück, das am Schwanz festhängt wie ein Köder an der Angelschnur, gibt noch einmal ein mürbes Krachen, ein Krächeln, von sich. Der Bauchraum läßt eine graue Ziehharmonika aus Enddarm frei, der bleibt übrig und schleift eine Blutspur über den gekachelten Boden des Hausflurs. Magen, Leber, Lunge wandern ins Maul der Katze. Die Nieren werden verschmäht, scheinen, wie der Enddarm, nicht zu schmecken. Es krächelt, und der Unterleib verschwindet zwischen den Zähnen, nicht einmal der Schwanz, den ich mir unangenehm im Kaugefühl vorstelle, (aber was weiß ich schon vom Kaugefühl einer Katze, und wäre mir der Schädel samt Kiefer und Nagezähnen oder das Becken lieber?) ähnlich einem Stück Pelle am Ende der Wurst, bleibt übrig, übrig bleiben neben dem Darm nur zwei, halt, drei hellrote, glatte Kügelchen. Drei? Wieso hat diese Maus drei Nieren besessen? Doch was da nach dem Aufwischen kleinfingernagelgroß und annähernd rund auf dem Küchenkrepp liegt, sind keine Nieren. Unter einer gespannten glatten, transparenten Membran zeichnen sich Körperformen ab, liegt etwas eingefaltet wie eine Made, wie ein Parasit, sind am Ende einer Raupenform, aus der Pfotenwülstchen herauswachsen, winzige Schädelchen mit punktförmigen, schwarzen Augen daran auszumachen, die betreten dreinblicken, als wären sie bei einem dummen Streich ertappt worden, dessen tatsächliche katastrophale Folgen sich noch gar nicht zu erkennen gegeben haben.
Aequinoctium
Füße keine, für Sonne, in Bäumen. Die Schatten der Vögel
rollen die Flugbahnen auf, bergen sie anfangs des Winds.
Leere des Raums, zu weit für Schall, zu müde für Wolken.
Quitten lösen das Licht, schal wie ein Luftkuß, vom Laub.
Als wäre die Glühbirne kaputt oder nicht mehr vorhanden, die Läden heruntergelassen, und dazu die Spinnweben, der kühle, feuchte Staub, die Zurückhaltung der Stirn, wenn sie eintaucht in diesen dunklen Raum, dessen Tiefe oder Begrenztheit sich nicht sofort erweist, sondern in seiner rätselhaften Verweigerung in die Wege hineinzieht; dazu das Tasten des Lampenstrahls, der, indem er nur Einzelnes und dieses auch noch losgelöst von seinen Zusammenhängen sichtbar macht, mehr, als ein Bild von ihr zu liefern, die Umgebung verunklart; das Gefühl unbewohnter Zimmer, als beträte man ein seit Jahren nicht geöffnetes Kellerabteil, oder eine verdunkelte Dachgeschoßwohnung, die nach dem plötzlichen Ableben ihrer betagten Bewohnerin im letzten Jahrhundert niemand mehr betreten hat: Die Möbel stehen so, wie sie die Mieterin zurückließ, eine Lesebrille liegt noch auf dem Kanapee, der Tee in der Blümchentasse ist zu blättrigen Schüppchen eingetrocknet. Drei Krümel Lavendelblüten auf einem Tellerchen verströmen einen Geruch nach saurer Milch. Das zuletzt gelesene Buch liegt mit der Innenseite nach unten aufgeschlagen über der Armlehne. In einem offenen Schrank schlagen leise die leeren Kleiderbügel aneinander. Die Namen im Adreßbüchlein, zwischen dessen braunen Seiten sich ein gepreßtes Hirtentäschelkraut findet, gehören niemandem mehr. Die Dinge sind verfremdet durch ihr langes Warten. Die Zeit hat das Linoleum ausgetrocknet und die Lampenschirme brüchig werden lassen. Sie hängen vor leeren Gewinden wie die Buchstaben in der Asche einer verbrannten Zeitung. Es ist das Bild der Ordnung einer vergangenen Zeit, die nicht mehr herrscht, ihr fernes Echo. Im Kopfwenden fliegt von der Tür her, vom Flur, ein Lichtreflex über eine Bildverglasung, und für einen Moment ist es, als führte dort ein Fenster in einen Nebenraum, und dahinter wäre eben jemand vorübergegangen.
Ich laufe durch die Ordnungen des Sommers, durch sein fernes Echo von Chlorophyll. Die Blütenstände stehen aufrecht-starr wie vergessene Blumen in der Vase, die Beeren sind fahl wie die gepreßten Projektionen eines Herbariums. Nebel hängt vor den Schemen der Pferde, die auf der Weide stehen wie Koffer mit verstimmten Musikinstrumenten. Während ein Blatt fällt, ein anderes stumm den Mund aufreißt, steigt die plötzliche Furcht in mir auf, ich könnte etwas übersehen haben. Gleich werde ich erschrecken, vor einem geräuschlosen Fund, den ich lieber nicht machen möchte. Wenn ich nur wüßte, was es war, vor dem ich mich in Acht zu nehmen hätte. Es wäre etwas, das gerade eben in den Lampenkegel hereinragt und matt glänzt, undeutbar, bis man das Licht unwillkürlich ganz darauf richtet. Was unter den Füßen wirbelt, Staub, der nicht mehr lebendig ist, verdankt sich nicht der Nachlässigkeit des Jetzt, ist ein Symptom nicht der frischen Unordnung, sondern der Zeit selbst. Etwas, das sie zurückließ, die feine Schlacke ihres Vergehens. Der Lampenstrahl fällt in verlassene Räume, in denen die Nacht darüber wacht, daß alles so bleibt, wie es war, als der Sommer auszog.
Das Private ist Privat
Man kann natürlich aus allem ein Geschlechterrolenproblem machen, wenn man es darauf anlegt. In einer Kolumne, die den Einsatz von Vibratoren kritisch sieht, ist folgendes zu lesen:
Es bleiben Werkzeuge, die wir da benutzen. Dinge, die nicht zu uns gehören, die keine Empfindung haben und nicht auf uns reagieren können. Dinge, die zwischen uns und unseren Körpern stehen. Dinge, die Männer ursprünglich erfunden haben, um Frauen maschinell Orgasmen verpassen zu können.
Dabei brauchen wir Frauen nun wirklich keine Hilfe in Form von Silikon und Plastik. Was wir brauchen, ist die Freiheit, unsere Sexualität genau so schamlos leben zu dürfen wie Männer.
„Dinge die Männer ursprünglich erfunden haben.“ Herrgott. Auch der Tampon und die hormonelle Empfängnisverhütung wurden von Männern erfunden. Außerdem das Fahrrad und das Auto. Das hat ihrer Beliebtheit nicht geschadet. Wenn euch das stört, daß die Erfinder Männer waren, warum habt ihr es dann nicht selbst erfunden? Oder laßt es halt, nehmt eine Binde, benutzt Kondome (wer hat die eigentlich erfunden?), werft den Vibrator auf den Müll, wenn ihr ihn nicht mögt und euren Finger lieber habt. Aber hört doch bitte damit auf, irgendwelche politischen Erwägungen an seine Benutzung oder Nichtbenutzung zu knüpfen. Denn das nervt.
Wer hat eigentlich das Papiertaschentuch erfunden? Oder den Kugelschreiber? Und sollten Frauen nicht lieber mit dem Finger schreiben und sich in die Faust schneuzen, statt schon wieder Zuflucht zu einem Hilfsmittel zu nehmen, das Männer (vermutlich Oskar Rosenfelder im Falle des Taschentuchs, László József Bíró für den modernen Kugelschreiber) erfunden haben? Wird dadurch nicht eine Abhängigkeit von Männern zementiert? Und entfremdet es Frauen nicht von ihren Körpern, wenn sie so künstliche Dinge wie Taschentücher und Kugelschreiber benutzen? Der eigene Finger in der Malfarbe, die Rotze in der Faust dagegen vermögen Tabus und Hemmungen aufzubrechen, unter denen Frauen Jahrhunderte gelitten haben, und öffnen Frauen wieder den Zugang zum eigenen Körper, seinen natürlichen Funktionen und Ausscheidungen.
Man findet solche Überlegungen zu Recht lächerlich. Und doch werden sie allen Ernstes beispielsweise in bezug auf Tampons angestellt. Der Tampon blockiere den natürlichen Abfluß; er trage mit dazu bei, die Menstruation zu einem Problem zu machen; er suggeriere die Unreinheit des Menstruums und fördere so Schamgefühle bei den Frauen; er verhindere, daß Frauen ihre Regelblutung als etwas Natürliches, ihrem Körper Gemäßes erlebten. Undsoweiter.
Hat das eigentlich mal jemand über Klopapier so formuliert? Oder wie wäre es damit: Das Kondom verhindert den freien Ausstoß des Samens; es suggeriert die Unreinheit des Ejakulats und löst Schamgefühle bei Männern aus; es verhindert, daß Männer ihren Samenerguß als etwas Natürliches, Schönes, ihrem Körper Gemäßes erleben.
Das letzte könnte man auch vom Papiertaschentuch sagen.
Reden wir, statt solchen und ähnlichen Quatsch zu phantasieren, lieber über was Schönes. Reden wir über Vibratoren. Was für Typen gibt es, worin unterscheiden sie sich, was für Vor-und Nachteile haben sie, wie sind sie zu gebrauchen, wie eher nicht, wozu taugen sie, wozu eher nicht. Es gibt sicher gute Gründe, warum Vibratoren zum Einsatz kommen. (Sonst würden sie nicht so gerne benutzt.) Es gibt sicher auch gute Gründe dagegen. (Die Geschmäcker sind eben verschieden.) Politische Überzeugungen gehören nicht dazu. Mag sein, der Vibrator zwickt oder ist zu laut oder zu kalt oder zu starr oder was weiß ich. Dann läßt man es halt bleiben und nimmt lieber den Finger oder die Quietscheente. Jedoch bleiben zu lassen, was eigentlich Spaß macht, nur weil vermeintlich emanzipatorische Gründe dagegen sprechen, scheint mir eine bescheuerte Idee zu sein. Und was ist das überhaupt für eine Emanzipation? Von einem Gerät? Du meine Güte. Und was die in der Kolumne erwähnte Freiheit zur Schamlosigkeit betrifft: Die habt ihr. Längst. Ihr müßt sie nur noch nutzen. Das ist riskant. Aber das ist Freiheit immer.
Planeten, verschiedene
Kinder könnten auch übers Händie Eis und Süßigkeiten erstehen. Oder von Erwachsenen etwas zugesteckt bekommen, aufs Händie-Guthaben halt. Und dann hieß es noch, in Skandinavien hätten schon Obdachlose eine App auf dem Smartphone, mittels derer sie Spenden entgegenehmen könnten. Das als Entgegnung zu Einwänden gegen die Abschaffung des Bargelds.
„Wenn mich ein Obdachloser anspricht, zücke ich mein Smartphone, und wenn der das nicht will, tja, tut mir leid. Ich würde ihm ja gerne helfen, aber Bargeld habe ich keines.“
„Für genau den Zweck habe ich immer einen Euro in der Tasche.“
Mit solchen Fragen war man zwischen Espresso und Rechnung beschäftigt. Man erhob sich bereits, da sagte noch jemand was von „Hört auf zu streiten, ihr lebt auf verschiedenen Planeten.“
Planeten?, denke ich. Wenn ich einen Obdachlosen an die Bezahl-App verweise, dann will ich ihm gar nicht helfen. Ginge es mir darum, würde ich, als derjenige, der ja die Wahl hat, Wege finden, dem, der am Boden ist, wenigstens eine kleine Freude zu bereiten. Ich halte ja auch dem einarmigen Verdurstenden nicht die zugeschraubte Wasserflasche hin. Ich mache sie ihm auf, was kostet mich das? Eine kleine Freude am Tag, das kann ein Obdachloser brauchen. Was er nicht brauchen kann, ist eine Belehrung über die Zukunft des Bargelds.
Gerecht
Kaum wird ernsthaft die CO2-Steuer diskutiert, geht schon das Geschachere los. Die Steuer finden viele super, solange nur die anderen zahlen. Was, ich? Nein, ich zahle nichts! Weil ich hab es ja schwerer als die anderen. Und ich fliege ja nur einmal im Jahr. Also gut, höchstens zweimal. Und nur nach Mallorca, nie weiter weg. Das ist ja praktisch schon CO2-neutral. Aber die Wohnung, die muß ich warm haben. Weil ich friere halt schnell. Und dann werde ich krank. Oder es gibt Schimmel. Und sollen jetzt Arbeitslose nicht mehr heizen dürfen? Die werden sich keine Heizkosten leisten können. Geht immer auf die kleinen Leute, die mit zwei Autos auskommen müssen. Wie soll ich denn zur Arbeit kommen, wenn ich den Sprit nicht mehr zahlen kann? Etc etc ad nauseam.
Wenn man alle Einwände und Vorschläge zur Refinanzierung berücksichtigt, kommt man bei folgender Vorstellung heraus: Weniger Kohlendioxid, aber alles soll bitte so bleiben, wie es jetzt ist. Fliegen, Autofahren, Fernreisen; Wäschetrockner, Tiefkühlschrank und Internet; und dazu winters tropische Wärme in den eigenen vier Wänden. Die Diskussion über die CO2-Steuer ist schon jetzt, wo sie noch kaum begonnen hat, zum Davonlaufen. Ich habe allen Ernstes den Einwand gehört, daß ganze Urlaubsregionen einpacken könnten. Wovon sollen denn die Menschen auf den Kanaren leben, wenn keine Touristen mehr kommen? Worauf zu antworten wäre, daß es diesen Tourismus sowieso bald nicht mehr geben wird. Leute!, möchte man schreien, wir sind hier nicht beim Onkel Doktor. Es wird weh tun, verlaßt euch drauf.
Wen träfe eine CO2-Steuer am meisten? SUV-Fahrer, Flugreisende, Fleischesser, Menschen, die in großen Wohnungen und in freistehenden Häusern wohnen. Wen träfe die Steuer am geringsten? Diejenigen, die sich den Krempel eh nicht leisten können. Die Steuer wäre strikt verursacherbezogen, und damit äußerst gerecht. Wer viel CO2 mitproduziert, und das sind die Reichen, zahlt hohe Steuern, wer einen schlankeren Lebenswandel hat, das sind die Ärmeren, zahlt weniger. Die Not ärmerer Bevölkerungsschichten als Argument gegen die Steuer anzuführen, ist scheinheilig. Was wird besteuert? Nicht das Heizöl, sondern der CO2-Aufwand des Lebensstils. Der aber dürfte insgesamt gesehen unter den Ärmsten auch am geringsten sein, da die Mittel zur Bestreitung eines CO2-aufwendigeren Lebensstils bereits am geringsten sind. Niemand muß fliegen. Niemand muß verbrauchsintensive Autos fahren. Niemand muß Fleisch essen. Klar, die CO2-Steuer würde viele Lebensbereiche teurer machen. Und jetzt halten Sie sich fest: das ist ihr Sinn. Aber sie würde es den Steuerzahlern überlassen, wo und wieviel sie sparen, wie sie individuell auf die Steuer reagieren wollen.
Der Preisunterschied zwischen Bioprodukten und Erzeugnissen aus konventioneller Landwirtschaft würde geringer. Es gäbe einen Anreiz für die Industrie, energiesparend zu produzieren. Aufwendige Verpackungen würden verschwinden. Lokale Produktion würde gefördert, Transportwege verkürzt. Energie aus fossilen Brennstoffen würde teurer, Energie aus erneuerbaren Quellen bekäme einen Wettbewerbsvorteil. Viele Produkte, die jetzt aufgrund niedriger Energiepreise günstig zu haben sind, würden erheblich teurer. Aber der Kostendruck im Wettbewerb würde zu neuen Technologien und Vermarktungsweisen führen, die mit weniger Energie auskämen. Gegenwärtig besteht sehr wenig Anreiz, an Energie und Transport zu sparen. Das würde sich nach Einführung einer CO2-Steuer sehr schnell ändern. Auf lange Sicht würden sich auch Arbeitswege verkürzen, weil sich die Produktion lokal und dezentral umorganisieren würde. Das Wachstum der Megastädte würde abnehmen, ländliche Regionen als Arbeits- und Wirtschaftsräume aufgewertet. Vegetarische oder sogar vegane Lebensweisen wären nicht mehr nur aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen erwägenswert – sie wären schlicht und einfach billiger. Wenn Fernreisen nicht mehr erschwinglich wären, profitierte der regionale Tourismus. Die Städte und Kommunen gerieten unter Druck, attraktive Freizeit- und Erholungsangebote zu machen. Es gäbe wieder mehr Schwimmbäder und Parkanlagen, aus der CO2-Steuer mitfinanziert. Es gäbe einen Selektionsdruck für ganze Lebensstile, Kulturen, Narrative und Techniken.
Und das alles würde sozusagen von alleine passieren – mit nur einer einzigen Maßnahme als Triebfeder. Ein kleines Gesetz würde die Entwicklung einer post-fossilen Gesellschaft einleiten. Keine andere Einzelmaßnahme, von der Wohnungsdämmung bis zum EEG, hätte ein solches Potential oder wäre so gerecht.