Dein Körper, so fern. Durstige Küsten, Finger auf Landkarten, Türme. Strommasten, die einander die Meilen zuwerfen. Auf einer Terrasse sitzen, die du nie gesehen hast, und hinter mir im Haus sprechen Stimmen, die du nicht kennst. Rückwärts die Verse wieder aufrollen, die deine Gedanken am Ende der Landkarten nach vorne entziffert haben, bis alle Papyri wieder blank sind. Palimpseste aus Jahreszeit. Folien, an denen jeder Vogelflug seinen Paß abgeben muß. Und dein Körper, so fern. Heiligtümer der Schamanen, Beschwörungen, Briefe mit Federn, Steinen, Haut. Das Lebendige im Toten. Wörter, die nicht schwimmen können. Wüßtest du, wie fern dein Körper ist, du hütetest dich, ihn zu waschen. Du müßtest auf einen Traum warten, in dem er dir erschiene, dein Leib. Frühling aber heißt, den Himmel anhand der Vogelkoordinaten bestimmen. Ich verwünsche das Fenster für seine Kurzsichtigkeit. Die Hügel halten Wache des Nachts. Und dein Körper, so fern.
(16.4.2020)
Frühling
Zum Gießen in den Garten, anwesend sein in einer Natur, die nur sich selbst gehört und von unserem Sterben nicht berührt wird. Nicht einmal anwesend sein: nur vorkommen, als weniger denn ein Stein, kaum mehr denn ein Schatten, ein Klang, der sich bricht und verhallt und keine Spuren hinterläßt.
Rhythmisches Vogelschnarren im Tiefenprofil von Kirchenglocken. Aprikosenblüten spiegeln sich im geöffneten Fenster. Dann Meisenpfiffe. Dann öffnet das Tal sein Maul voller Schweigen.
Verlassene Räume, die wir gerade noch bewohnen, einen Fuß bereits im benachbarten Nirgends. Bald gehören sie sich nur noch selbst. Schon holen die spiegelnden Scheiben den von Vögeln bewohnten Himmel ins Haus, sieht sich der Wind um im zu mietenden Objekt.
(9.4.2020)
Frühling
Ablaufende Flut, auftauchende Bäume, die Wipfel tasten nach Luft und Himmel. Man setzt sich das Gesicht, das einem der Sturm gestern vom Kopf geweht hat, wieder auf, rückt die kalten Wangen zurecht, schaut aus den tränenden Augen in die Sonne. Überall wird am Licht gearbeitet, die Bäche tragen die geschürfte Sonne zu Tal, in den Pfützen setzt sich das flüchtige Mineral ab, die Sträucher filtern und sieben und klären die Luft. Die Gärten stecken ihre Reviere ab. Flüchtige Stimmen kehren behutsam zurück und suchen sich bescheidene Anstellungen. Für einen Moment kommt Verdrängtes zum Vorschein, Autoreifen wie Beinprothesen, mit Kellerlicht gefüllte Eimer, zwei Zaunpfähle wie abgemagerte Gefangene, Entkommene, mit Draht noch aneinander gefesselt. Wolken malen den Umriß von Kontinenten an den Himmel, bevor die Länder einen Namen bekommen, hat sie der Wind davongetragen. Zeit des Wartens und der Tapferkeit vor der Liebe. Aus der Zukunft strömen die Vogelschwärme in die Gegenwart zurück, Bäume wenden sich ab, ziehen sich zurück in den Wald, und die Knospen sind die Antwort auf eine Frage, die man nicht kennt, aber kennen sollte.
(14. März 2020)
Die Pest auf Ägina (6)
Zurück in der grotesken Welt, zu Szenen, die an einen Monty-Python-Streifen erinnern. An den Toren staut sich der Verkehr, so zahlreich sind die Leichenzüge (Tote mußten bei den Römern außerhalb der Stadt beerdigt werden). Die Toten bleiben unbestattet auf der Erde liegen (eine schlimme Sache, weil die Seelen der Verstorbenen nicht in die Unterwelt einziehen können und keine Ruhe finden) oder werden ohne Zeremoniell auf den Scheiterhaufen geworfen. Vollends übersteigert ist die Vorstellung, daß um die knappen Plätze auf dem Feuer Kämpfe ausbrechen und man seine Verstorbenen auf anderer Leute Scheiterhaufen mitverbrennt (so wie es Leute gibt, die im Waschsalon ihre eigenen Klamotten in fremden Maschinen mitwaschen). Schwer fällt es da, noch ernst zu bleiben. Hier ist Ovid wieder ganz bei sich, solche ins Paradoxe getriebenen Bilder sind bis hinauf in die Exildichtung typisch für den Dichter.)
Leben und Sterben haben seine Ordnung; hier aber ist diese Ordnung auf den Kopf gestellt. Der Weg aus dem Leben, so sieht es aus, ist gestört, man bleibt im Wartezimmer der Unterwelt hocken, im Zwischenreich schweift man ruhelos dahin. Wenn das Leben nicht irgendwo weitergeht, wenn keine Jüngeren nachkommen, die die Älteren bestatten, wenn alle Mittel zu einer ordentlichen Bestattung fehlen, ist selbst das Sterben dem Chaos unterworfen.
***
Welche gestorben, die Körper, sie werden nicht mehr nach dem rechten
Brauch bestattet (von Leichenzügen verstopft sind die Tore):
Entweder bleiben sie einfach liegen, oder man wirft sie
ohne Ritus aufs Feuer; schon spart man sich jegliche Ehrfurcht,
kämpft um die Haufen, schiebt eigene Tote aufs Feuer von andern.
Keiner, sie zu beklagen, ist übrig, es irren die Seelen
unbeweint umher von Kind, Eltern, Jungen und Alten.
Voll sind die Gräber, es reicht nicht das Holz für so viele Feuer.
corpora missa neci nullis de more feruntur
funeribus (neque enim capiebant funera portae):
aut inhumata premunt terras aut dantur in altos
indotata rogos; et iam reverentia nulla est,
deque rogis pugnant alienisque ignibus ardent.
qui lacriment, desunt, indefletaeque vagantur
natorumque patrumque animae iuvenumque senumque,
nec locus in tumulos, nec sufficit arbor in ignes.
Maja
„Morgen nachmittag bist du bei Maja“, sagte meine Mutter beim Abendbrot, und ich erschrak so heftig, daß ich mich an einem Pfefferkorn verschluckte. Bei Maja?
„Weil ich doch zum Arzt muß morgen. Und Papa kann sich nicht freinehmen.“
Zu Maja mit den roten Haaren und den grünen Augen? Zu der verrückten Freundin meiner Mutter? Die mit ihrer Katze sprach? Zu der Maja, die angeblich Menschen in Kröten verwandeln konnte?
Ich war Maja bislang nur wenige Male begegnet. Mama war zwar oft zu Besuch bei Maja, aber sie hatte mich nur ein einziges Mal zu ihrer Freundin mitgenommen. Und einmal war Maja bei uns zu Besuch gewesen. Das früheste Ereignis, das mir in bezug auf Maja in den Sinn kam, war die Begegnung im Schuhgeschäft gewesen. Wir hatten gerade Sandalen für mich ausgesucht, als Maja hereinkam. Meine Mutter und Maja unterhielten sich mehrere Stunden über Erwachsenendinge, und mir wurde langweilig. Da hörte ich plötzlich ein Wort, das mich aufhorchen ließ.
„Ich zaudere noch“, sagte Maja nämlich und strich sich über den Oberschenkeln den Rock glatt.
Ich mußte mich verhört haben. Bestimmt hatte sie gesagt, daß sie noch ein wenig zaubere.
„Du kannst zaubern?“ platzte ich heraus und unterbrach meine Mutter, die gerade zum Sprechen angesetzt hatte.
Maja richtete ihren Blick auf mich, sah mich einen Moment nachdenklich an und sagte dann: „Selbstverständlich kann ich zaubern. Paß auf.“
Ich paßte auf. Wie ein Luchs paßte ich auf. Aber da mochte ich aufpassen, wie ich wollte und konnte, Majas Ring, der plötzlich aus dem Nichts zwischen ihren Fingern erschienen war, entwandt sich dem Zugriff meiner Aufmerksamkeit und tauchte wieder in sie hinein; war fort und dann wieder da. Und verschwand aufs neue. Maja zeigte mir ihre leeren Handflächen, drehte die Hände um, schüttelte die Ärmel aus, stülpte jeden Winkel des Raums ins Licht. Da war kein Ring, da war nie ein Ring gewesen. Und doch hatte ich ihn gesehen, den Ring, den Ring, den ich jetzt nicht mehr sah. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Das gab es doch gar nicht!
Da setzte Maja ein nachdenkliches Gesicht auf. Sie runzelte die Stirn, als sei ihr eben etwas eingefallen, zuckte zusammen, sah plötzlich an sich hinunter, zog sich den Schuh, den sie zuletzt anprobiert hatte, vom Fuß, schüttelte den Schuh und heraus flog mit einem Rappeln wie ein Würfel aus dem Becher: der Ring.
„Die nehm ich“, sagte Maja, zwinkerte mir zu und ließ sich den Schuh einpacken.
„Wer war das?“ flüsterte ich hinterher Mama ins Ohr.
„Das hast du doch gesehen“, sagte meine Mutter, „eine Zauberin.“
„Ich meine, wie heißt sie?“
„Das war Maja“, sagte meine Mutter.
Später wünschte ich mir zum Schlafengehen eine Gutenachtgeschichte mit Maja.
„Mit Maja?“ fragte meine Mutter erstaunt.
„Eine Zaubergeschichte“, präzisierte ich.
„Na gut“, sagte meine Mutter und legte los.
„Du, Mama?“ sagte ich, nachdem meine Mutter schon das Licht ausgemacht hatte.
„Was denn, Toni?“
„Das kann Maja aber nicht wirklich, oder? Das mit den Fröschen?“
Da legte meine Mutter nur verschwörerisch den Finger auf die Lippen. „Sag es niemandem weiter“, flüsterte sie, zwinkerte mir zu und schloß die Tür.
Maja hatte rotes Haar wie sich das gehörte, große grüne Augen, klar, aber eine vollkommen gerade Nase mit anmutigen Flügeln, weder groß noch schief noch rot, und eine Warze war auch nicht darauf. Es war eine bezaubernde Nase, aber zu einer Zauberin paßte sie nicht.
Aber was wußte ich schon von Zauberinnen?
„Kann Maja“, japste ich, während ich im Wohnzimmer auf einem Bein hüpfte, „auch Kaninchen aus einem Hut zaubern?“ Das hatte ich mal im Fernsehen gesehen.
Meine Mutter saß, die Beine von sich gestreckt, auf dem Sofa, hatte die Augen geschlossen, den Kopf auf die Lehne gebettet und einen kalten Lappen auf der Stirn. Sie hatte Kopfschmerzen, wegen des Schwesterchens, dessen wachsende Masse den Bauch meiner Mutter schwellen ließ.
„Mmmh“, macht meine Mutter.
„Weißt du was?“ sagte ich, „ich glaube, Maja kann überhaupt nicht zaubern.“
„Dann kann sie es eben nicht“, seufzte meine Mutter.
„Kann sie wohl!“
„Ja, mein Schatz.“
Ich hopste eine Weile.
„Kann Maja auch auf einem Besen reiten?“ fragte ich endlich außer Atem.
„Sicher“, murmelte meine Mutter.
„Kann sie gar nicht“, behauptete ich.
„Na gut“, sagte meine Mutter, „kann sie nicht.“
„Kann sie wohl“, sagte ich und machte einen extragroßen Hopser.
„Ja, mein Schatz, klar kann sie das.“
„Dann kann sie mich demnächst vielleicht Huckepack nehmen, und wir machen einen Ausflug.“
Meine Mutter richtete sich auf und nahm den Lappen von der Stirn. „Ja, das hast du dir so gedacht, Toni. Nein, das wird nicht gehen.“
Hatte ich es mir doch gedacht. Alles, was Spaß machte, ging aus irgendwelchen merkwürdigen Gründen nicht. Ich war enttäuscht. „Aber warum denn nicht? Kann sie es doch nicht?“
„Weil“, sagte meine Mutter und zog die Brauen zusammen, „weil Maja nur einen Kleinbesen hat. Da ist nur Platz für eine Person drauf. Und Huckepacknehmen, das erlaubt die Flugbehörde nicht.“
Ungläubig besah ich mir meine Mutter. Was redete die da von Flugbehörden? Als ob Hexen sich nach Behörden richten würden! Aber ich konnte in Mamas Gesicht kein Zeichen von Flunkerei feststellen. Sie nickte so ernst, wie wenn sie mir zum x-ten Mal erklärte, warum man im Auto einen Gurt tragen mußte.
„Außerdem hat der Besen nur einen einzigen Sicherheitsgurt“, sagte meine Mutter.
Es war ein bißchen wie mit der Popoklatschmaschine.
Das war, als ich eine Woche zu Tante Annie und Onkel Heinz kam, weil Mama und Papa verreisen wollten. Sie schärften mir ein, keine Dummheiten zu machen, andernfalls würde Onkel Heinz die Popoklatschmaschine aus dem Keller holen und in Gang setzen.
„Die was?“
„Die Popoklatschmaschine“, sagten meine Eltern und machten sehr ernste Gesichter, „die ist unglaublich praktisch, wenn man ungezogenen Kindern den Hintern versohlen muß. Was glaubst du, wie anstrengend das ist! Die Maschine nimmt einem die Arbeit ab, und man hat hinterher auch nicht so heiße Handflächen.“
Ich erschrak nicht schlecht. Bislang hatte ich zwar nie Schläge auf den Hintern bekommen, aber wer wußte denn schon, ob Tante Annie und Onkel Heinz auch so zimperlich wären wie Mama oder Papa? Und bedeutete nicht die Tatsache, daß sie so eine Maschine besaßen, daß sie es eben nicht waren? Meine arme Cousine Regina! Aber warum hatte Regina noch nie von diesem Schrecken erzählt?
„Ihr nehmt mich doch nur wieder auf den Arm!“ protestierte ich kleinlaut vom Rücksitz aus.
„Man kann Schlagrhythmus, Anzahl und Härte der Schläge vollautomatisch einstellen.“
Mama und Papa blieben völlig ernst, und je mehr Einwände und Zweifel ich äußerte, desto trotziger beharrten sie auf ihrer Popoklatschmaschine, bis ich es aufgab und verärgert und ein wenig verängstigt schwieg.
Wenn es diese Maschine denn gab, dann hatte ich damals jedenfalls keinen Anlaß zu ihrer Anwendung gegeben. Doch jedesmal, wenn Onkel Heinz in den Keller ging, um Kartoffeln zu holen, wurde mir mulmig zumute, und ich atmete erst auf, wenn er mit nichts weiter als einem Eimer Kartoffeln wieder heraufkam.
Mehrmals hatte ich mir fest vorgenommen, wach zu bleiben, bis Maja, wenn sie zu Besuch angekündigt war, einträfe. Ich lag mit weit geöffneten Augen im Bett und lauschte, ob nicht etwa der Fall von Schritten draußen zu hören sei, ob nicht ein Auto sich nähere und in unsere Straße abbiege, oder ob Maja vielleicht mit dem Besen angeflogen käme. Vielleicht konnte sie sich ja auch einfach so an einen anderen Ort versetzen. Eine Hexe auf einem Fahrrad war jedenfalls merkwürdig, aber immer noch besser vorstellbar als eine Hexe im Auto. Ein Auto, das war ja wohl so unhexisch wie nur irgendwas. Wir hatten einen uralten Besen im Keller, den keiner mehr benutzte, so ein Ding aus Stroh, das ganz zerzaust und fransig war und Halme verlor, wenn man es schüttelte. So einen Besen stellte ich mir vor, und darauf ritt Maja, einen Kometenschweif abgebröselter Strohhalme hinter sich herziehend. Es brauste, wenn sie sich unserem Haus näherte und sie bremsen mußte, und im nächsten Moment klapperte der Zeitungsjunge mit dem Briefkasten, ich wachte auf, es war Tag, und eine Amsel sang vor dem Fenster. Wieder war ich eingeschlafen, ehe ich Maja auf ihrem Besen hatte abpassen können.
Einmal, es muß einige Zeit nach der ersten Begegnung im Schuhgeschäft gewesen sein, und Maja war noch eine unvertraute Erscheinung, sah ich sie ganz überraschend, weil ich nämlich nachts wach wurde und zur Toilette gehen mußte. Ich öffnete die Kinderzimmertür, schloß geblendet die Augen, denn der Flur war fürchterlich hell, und als ich die Augen nach einer Weile wieder öffnete, stand ich Maja gegenüber. Es dauerte einen Moment, bis ich in meiner Verblüffung und Schlaftrunkenheit die Frau vor mir einsortiert und mit der Freundin meiner Mutter aus dem Schuhgeschäft gleichgesetzt hatte.
Es gibt also auch schöne Hexen, hatte ich damals im Schuhgeschäft festgestellt, denn Maja war schön. Anders kann man es nicht sagen. Wunderschön war Maja.
Und dieser wunderschönen Maja stand ich jetzt im Flur gegenüber. Maja streckte die Hand aus und sagte: „Guten Abend, Antonia.“
Beklommen nahm ich ihre Hand. Niemand nannte mich Antonia. Sogar die Lehrer in der Schule sagten immer nur Toni zu mir. Majas Hand fühlte sich warm an und trocken und war sehr weich. Jetzt habe ich eine Hexe angefaßt, dachte ich, unsicher, ob das gut oder schlecht sei.
„Gute Nacht“, sagte Maja, winkte mir noch einmal zu und verschwand im Wohnzimmer. In der Toilette bemerkte ich den feinen Duft eines sehr herben Parfums. Die Klobrille war warm und es kribbelte an den Beinen, als ich mich darauf niederließ. Hexen müssen also auch Pippi machen, stellte ich fest und wußte nicht, ob ich das enttäuschend oder ermutigend finden sollte.
Zurück im Bett hatte ich an meiner rechten Hand geschnuppert und mich gefreut, daß Majas Duft daran hängengeblieben war.
„Hat Maja denn auch eine Katze?“
Eine Zauberin ohne Katze war schwer vorstellbar. Hätte sie keine, würde das meinen Verdacht, daß es mit der Hexerei nicht so weit her war, bestärken. Aber meine Mutter hatte diesbezüglich bestätigende Nachrichten.
„Sicher hat Maja eine Katze“, sagte meine Mutter, „Das ist eine ganz besondere Katze. Sie versteht alles, was Maja ihr sagt. Und Maja verrät ihr alle ihre Geheimnisse. Sie hat ein ganz wuscheliges Fell.“
„Maja hat ein Fell?“ staunte ich. Ich fragte mich, wo sie das hatte. Gesicht und Hände waren jedenfalls glatt gewesen.
„Du Dummerchen, die Katze. Einen ganz feinen, orangeroten Pelz, der sich gut streicheln läßt.“
Und dann war es soweit, wir standen vor Majas Haustür, Mama klingelte, Maja öffnete und begrüßte uns. Sie trug Jeans, Hemd und eine Schürze, die mit Abbildungen von Gartenkräutern bedruckt war. Keine Hexensymbole, Zaubersprüche, Bannzeichen oder was da alles geben mochte. Du bist mir ja eine schöne Hexe, dachte ich. An den Füßen trug Maja Holzbotten. Ich versuchte mir vorzustellen, was für eine Fußbekleidung für eine Hexe angemessener gewesen wäre, aber mir fiel nichts ein. Obwohl es ein schöner, warmer Sonnentag war, hatte Maja sich einen dicken Schal um den Hals geschlungen. An dem zupfte sie, während sie uns hereinbat, herum, als fröre sie. Aber vielleicht war sie auch nur erkältet. Eine Hexe mit Erkältung, aha. Ich beobachtete sie scharf: Nichts von dem, was ich sah, deutete auf irgendeine besondere Hexennatur Majas hin.
„Kommt rein“, sagte sie und trat einen Schritt zurück. Wir betraten einen hellen Flur, in dem es interessant roch. Nach Holz, ein bißchen nach Rauch und ein bißchen nach Gewürzen. Hexenkräuter, schoß es mir durch den Kopf.
„Ich koche gerade Brennesseljauche“, sagte Maja, während sie die Tür zuschob, sich mit dem Hintern daran lehnte und sie ins Schloß drückte. „Seit der Sache mit dem Einbrecher schließt sie nicht mehr richtig“, erklärte sie.
„Achso, ja“, nickte meine Mutter.
Maja seufzte. „So ist das nun“, sagte sie, „ich werde den Schlosser kommen lassen müssen. Egal, kommt rein. Antonia kann mir gleich im Garten helfen. Hast du Lust, Antonia?“
Ich nickte. Ich wunderte mich, daß Maja, wenn sie doch zaubern konnte, ein Schloß brauchte, um Einbrecher abzuhalten. Bei Gelegenheit, nahm ich vor, würde ich Maja danach fragen.
„Ich muß sofort los“, sagte Mama mit einem Blick auf ihre Uhr. „Also dann bis um sechs, ja? Und benimm dich, hörst du?“
Ich fragte mich, ob Maja auch eine Popoklatschmaschine habe.
Maja führte mich in eine lichtdurchflutete, geräumige Küche, deren Wände hexengerecht mit Kräuterbüscheln behängt waren. In der Mitte stand ein großer Tisch aus grobem Holz, darauf eine leuchtend blaue Schale, und in der Schale ein halbes Dutzend Früchte, wie ich noch nie welche gesehen hatte. Sie waren etwas apfelgroß und ganz rund, und jede hatte eine andere Farbe. Rückwärtig gab es eine Tür, hinter der sich ein von Hecken eingefaßtes Wiegengrundstück erstreckte. Auf dem Herd stand ein riesiger Topf, in dem es leise blubberte. Das sah schon fast nach Zauberei aus. Und stiegen da nicht grünliche Dämpfe auf? Vielleicht stimmte es ja doch! Ich beschloss aber, skeptisch zu bleiben.
Maja ließ mich an dem Holztisch Platz nehmen und bot mir Kekse und kalten Kakao an. Kurz fragte ich mich, ob es ratsam sei, Kekse aus der Hand einer Hexe zu essen. Dann aber dachte ich, daß, selbst wenn es stimmte und Maja zaubern konnte, sie ja doch die Freundin meiner Mutter war, und ich also Vertrauen zu ihr haben könne. Ich biß in den Keks, und er war mit Leichtigkeit der beste Keks, den ich je gegessen hatte. Knusprig, krümelig, süß und mit feuchten Schokoladenstückchen drin. Ich nahm ohne zu fragen noch einen.
Maja hatte sich mit einer Tasse Kaffee zu mir gesetzt. Eine kaffeetrinkende Hexe, soso. Ich nahm einen dritten Keks. Maja sah mir über den Tassenrand hinweg zu. Ihre Augen waren groß und grün und rollten, aber ich konnte nicht sehen, ob sie lächelten. Ich wollte Maja etwas fragen, wußte aber nicht, wie. Also trank ich noch einen Schluck Kakao. Wenn die Kekse schon großartig gewesen waren, dann wußte ich nicht, was ich zu diesem herrlichen Getränk sagen sollte. Kühl, süß, würzig, so schokoladensatt, daß es am Gaumen brannte, und nach dem Schlucken schickte es einen Vanillehauch durch die Nase hinterher.
„Schmeckt’s?“ fragte Maja und nickte mir zu.
Ich nickte.
„Hast du auch eine Katze?“ Das war nicht die Frage, die ich auf dem Herzen hatte, aber mehr traute ich mich nicht.
Maja nickte und stellte ihre Kaffeetasse ab. „Habe ich“, sagte sie.
„Und wo ist sie?“
„Beim Schachspielen.“
Beim … aha. Ich ließ die Beine baumeln. War das das Stichwort? Ich nahm meinen Mut zusammen. „Stimmt es, daß du einmal jemanden in eine Kröte verwandelt hast?“ kam der Satz wie hervorgezaubert aus meinem Mund.
Maja zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Wie kommst du denn auf so einen Unsinn! Kröte, brrrr!“ entgegnete sie und schüttelte entrüstet den Kopf. „Das würde ich nicht einmal tun, wenn ich es könnte.“
„Aber Mama hat mir erzählt, du hast einmal jemanden verwandelt, in einen Frosch!“ beharrte ich enttäuscht.
„Das stimmt auch.“
„Also doch!“ rief ich triumphierend. „Aber warum sagst du erst nein und dann ja?“
Maja hob den Zeigefinger und blickte streng drein. „Das habe ich keineswegs gesagt, meine liebe Antonia“, stellte sie mit Nachdruck klar. „Du hast mich zuerst gefragt, ob ich einen Menschen in eine Kröte verwandelt hätte. Habe ich nicht. Das ist nämlich ganz und gar unmöglich. Dann hast du mich gefragt, ob ich jemanden in einen Frosch verwandelt hätte. Und das habe ich wirklich.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ist ein Kinderspiel“, fügte sie noch hinzu.
Vollends verwirrt rief ich aus: „Aber das ist doch dasselbe!“
„Irrtum.“ entgegnete Maja schlicht, wobei sie sich ein Stück Haut vom Daumennagel biß. „Ift ef eben nift.“
Ich zappelte mit den Beinen, trank den Kakao aus und schielte nach einem weiteren Keks. Dabei fiel mein Blick wieder auf die Obstschale. Die Sonne hatte das Fensterkreuz passiert und ließ einen Strahl genau auf die seltsamen Früchte fallen, so daß sie in allen Regenbogenfarben leuchteten. Obwohl jede eine andere Farbe hatte, ließ sich an der glatten Schale, der gemeinssamen runden Form, der Größe, der Weise, wie am einen Ende die Kelchblätter sich kräuselten, unschwer erkennen, daß sie alle Sorten von derselben Art waren, wie grüne und rote Äpfel Sorten von derselben Art sind.
Maja war meinem Blick gefolgt. „Die sehen fein aus, was?“ sagte sie und lehnte sich über den Tisch. Ein Hauch des mir schon von der nächtlichen Begegnung vertrauten Parfums stahl sich in meine Nase. Maja angelte sich eine gelbe Frucht, die, während sie sie versonnen in den Fingern drehte und von allen Seiten betrachtete, der Sonnenschein mit einem warmem Glanz umspannte,. „Riechen auch wunderbar …“, murmelte sie und drückte leicht auf das elastische Fruchtfleisch. Dann hob sie die Frucht an die Nase, schloß die Augen und sog tief den Duft ein. Ihr Brustkorb hob sich. Die Nasenflügel bebten. Eine Strähne ihres Haars glitt ihr über die Stirn. Ich sah, wie auf ihrer Wange die Wimpern zarte Schatten warfen. Plötzlich mußte ich unbedingt diese Frucht probieren. Ich schluckte. Irgendwo im Haus tickte schläfrig eine Uhr. In der Schüssel leuchteten die Schalen der übrigen Früchte.
„Wie heißen die?“ wollte ich wissen. Meine Stimme klang nach Zwerg, winzig. Maja schwieg und hielt ihre Augen geschlossen. Die Nasenflügel bebten immer noch. Hatte sie meine kleine Stimme überhaupt gehört? Ich öffnete den Mund, um die Frage zu wiederholen, da öffnete Maja die Augen und sah mich, die Frucht immer noch an die Nase gepreßt, an. Sie sagte etwas, das wie Schuschwilabsi klang. „Aber sie schmecken etwas merkwürdig“, sagte sie dann brüsk und legte die Frucht mit einer schnellen Bewegung zu den übrigen zurück, als wäre sie empört darüber, daß dieses Obst einen Geschmack versprach, den es gar nicht besaß. Wieder zupfte sie sich am Schal herum. „Und man bekommt so einen ekelhaft pelzigen Hals davon. Ich kann dir nicht raten, davon zu essen.“
Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Was guckst du denn so?“ Ich grinste verlegen und sagte nichts.
„Komm, wir gehen in den Garten.“ Maja strich sich die Haarsträhne hinter das Ohr, zwinkerte mir zu, nahm eine schwere Gartenschere und verließ die Küche durch die Hintertür. „Kommst du?“ rief sie mir nach.
Während Maja die Hecke schnitt und ich die abgeschnittenen Zweige zusammenharkte, erzählte sie mir sie Sache mit dem Einbrecher.
„Der war noch gar nicht richtig drin“, sagte Maja, „da war ich schon zur Stelle und habe ihn außer Gefecht gesetzt.“
Der Ausdruck gefiel mir. Außer Gefecht, das hatte etwas Entschiedenes, Sauberes, Endgültiges, außer Gefecht setzen, das taten Leute, die etwas vom Handwerk verstehen. Ich nickte und sammelte Zweige vom Boden auf, legte sie auf den dafür von Maja bezeichneten Haufen und kehrte zurück zur Hecke.
„Und was macht man“, sprach Maja weiter, „mit einem außer Gefecht gesetzten Einbrecher? – Mann nimmt ihn gefangen und sperrt ihn ein. Und genau das habe ich getan.“
Etwas beklommen sah ich nach dem Haus hinüber. „Und wo“, fragte ich, „ist der Einbrecher jetzt?“ Ich verkniff mir die Frage, ob er auch wirklich sicher eingesperrt und immer noch außer Gefecht sei. Ich wollte Maja gegenüber nicht wie ein Angsthase aussehen.
„Oh, da drüben!“ sagte Maja und wies mit dem Kinn in einen Winkel des Gartens, wo ein Holunderbusch sich über einen Tümpel neigte.
„Was?“ rief ich aus und machte einen Satz zurück. Plötzlich war es mir egal, ob Maja mich für einen Feigling hielt.
„Keine Sorge, der ist immer noch außer Gefecht. Komm, ich zeig ihn dir.“
Was Maja mir dann zeigte, nachdem wir uns am Tümpel ins Gras gekniet hatten, war zuerst schwer zu erkennen.
„Du mußt ganz stillhalten, dann kommt er heraus“, flüsterte Maja neben mir.
Wir hielten ganz still, und tatsächlich: Etwas plätscherte, eine Bewegung von irgendwo nach woanders zuckte im Schilf, und endlich sprang es grün und glatt und muskulös aus den Halmen und ließ sich nieder auf einem flachen Stein, wo es ein lautes Quaken hören ließ.
Danach mußte ich zur Toilette, um den ganzen Kakao loszuwerden. „Von der Küche aus links den Gang runter, dann rechte Seite.“
Ich saß auf der Brille, die diesmal nicht vorgewärmt war, sondern sich nach der Hitze draußen angenehm kühl unter meinen Oberschenkeln anfühlte, im dämmrigen Licht, wie es nur Sommernachmittage in abgeschiedenen oder halbverdunkelten Zimmern hervorbringen, und das Klappern von Majas Heckenschere drang von Ferne an mein Ohr. Ich war ein wenig schläfrig und hatte keine rechte Lust, gleich wieder zu den abgeschnittenen Zweigen und der Harke zurückzukehren. Die Harke war eine Erwachsenenharke und riesengroß und unhandlich, es war eine richtige Plackerei für mich.
„Man wächst mit seinen Aufgaben“, hatte Maja gesagt. Was aber einzig wuchs, das waren die Blasen an meinen Händen.
Also blieb ich noch eine Weile sitzen, obwohl ich eigentlich schon fertig war. Neben der Kloschüssel stand ein Schubladenschränkchen aus gebeiztem Holz. Geistesverloren öffnete ich die mittlere Schublade und sah hinein. Tigelchen und Töpfchen aus braunem Glas standen da aufgereiht. In einem Schächtelchen lagen lauter einzeln verpackte fingerdicke Stiftchen aus einem weißen, weichen Material, wie Gewehrpatronen. Ich streckte die Hand aus und fand am Boden der Schublade ein Tablettenbriefchen mit einzeln durchnumerierten Tabletten. Praktisch, dachte ich, so weiß man immer, wie viele noch da sind, ohne zählen zu müssen. Ich öffnete eines der Fläschchen. Darin lagen lauter farbig glänzende Kugeln, etwa murmelgroß.
Waren das nun Hexendinge? Ich war mir unschlüssig. Die Kügelchen rochen nach Duschgel.
Ich zog die Spülung und kehrte in die Küche zurück.
Und da lagen die Früchte. Das Sonnenlicht war über sie hinweggeglitten, halbverborgen lagen sie im Schatten, und ein wohliges Schimmern ruhte auf den Schalen. Ich warf einen halben Blick zur Gartentür, woher Majas leises Summen drang, und streckte die Hand aus. Oder doch nicht? Vielleicht würde Maja das Fehlen einer einzelnen Frucht ja bemerken? Aber wenn sie wirklich nicht schmeckten? Lohnte es sich, dafür Schelte zu bekommen, oder, was wußte ich schon, sich die schmerzhaften Folgen eines Zauberspruchs zuzuziehen? Und obendrein noch einen kratzigen Hals? Andererseits hatte mir Maja ja gar nicht untersagt, davon zu essen. Und wie konnte etwas mit so einem verführerischen, bunten, leuchtenden Duft schlecht schmecken? Meine Hand berührte die zuoberst liegende, schwarzgrüne Frucht. Die Haut fühlte sich weder warm noch kalt an und war sehr glatt und trocken. Ich nahm die Frucht und wog sie in der Hand, sie fühlte sich schwer an, wie etwas Dichtes, etwas Vollgestopftes, voller Zucker und Saft. Ich schnupperte vorsichtig, und mir wurde es grell hinter den Augen von dem Duft. Was war das nur? Es duftete wie die Farbe der Schale, dunkelstgrün, fast schwarz, schwerfruchtig, nach Brombeere und Lakritze. Es war nicht zu glauben. Bestimmt schmeckten die gut, waren vielleicht einfach nur nicht Majas Geschmack. Ich durfte bestimmt davon essen. Andererseits: Maja wäre vielleicht böse, wenn sie den Raub bemerkte; vielleicht waren das ja seltene, schwer zu beschaffene, kostbare Früchte. Vielleicht waren sie für einen genauen Zweck bestimmt, und würden Maja nachher fehlen? Ich wußte ja nicht, wie mit Maja zu spaßen sei, schließlich kannte ich sie noch nicht so gut. Und gleich beim ersten Besuch Obst klauen? Ich legte die Frucht wieder zurück.
Ich schielte durch die Gartentür. Majas gebückte Schultern mit den darüber gebreiteten Schalzipfeln flimmerten hinten, im rückwärtigen Teil des Gartens, unterm Schatten von Büschen. Es sah so aus, als zupfe Maja Unkraut. Ein Schäufelchen stak neben ihr im Boden.
Das nächste war, daß ich Antonia zusah, wie sie die Hand ausstreckte, nach einer Frucht griff, nicht nach der grünschwarzen, die zuoberst lag, nach einer am Rand, von hellvioletter Farbe, die, nachdem ich sie an die Nase gehalten hatte, einen Geruch nach Veilchen und Flieder, nein, nicht verströmte, sondern wie ein mit Absichten begabtes Wesen in meine Nase, meinen Rachen, meine Stirn schlüpfen ließ. Wenn Vogelstimmen einen Duft besäßen, dachte ich, dann wäre es dieser.
Und das nächste war, daß ich eine Antonia, die nicht anders konnte, dabei beobachtete, wie sie in die Frucht biß, fühlte, was sie fühlte, als sie ihre Zähne in den Duft grub, die Lippen auf die platzende Fruchthaut preßte, den Saft einsog, über die Zunge zwitschern und die Kehle hinabrinnen ließ und schmeckte, was nur zu schmecken war, nämlich:
Nichts.
Es war nicht zu glauben.
Und Antonia stopfte rasch den faden Rest nach, schluckte, ohne zu kauen und kaute, ohne zu schmecken, wusch sich dann die Hände und den Mund an der Spüle, und als ich wieder in den Garten trat und Maja mich fragend ansah, wo ich denn so lange geblieben sei, sagte ich wahrheitsgemäß, ich hätte einen Schluck Wasser getrunken.
Maja nickte mir, und ich war mir sicher, sie hatte nichts bemerkt.
Ich erwachte aus seltsam eingefärbten Träumen, und als ich morgens schwitzend erwacht war und in die Küche taumelte, und meine Mutter bei meinem Anblick die Hand vor den Mund schlug und die Augen in ihrem halbierten Gesicht aufriß, als sollten sie die verdeckte untere Hälfte wettmachen, da glaubte ich, immer noch zu träumen.
Eine Stunde später standen wir wieder vor Majas Haustür.
Maja öffnete uns im Nachthemd, über das sie eine knielange Jacke geworfen hatte. Wäre unser Anliegen nicht so ernst gewesen, hätte ich sicher einen Blick für die seltsamen Zeichen und Symbole gehabt, die auf die Jacke aufgestickt waren. Obwohl schon neun Uhr durch war, blinzelte uns Maja verschlafen entgegen. Den dicken Schal von gestern hatte sie durch ein dünneres Halstuch ersetzt. Sie schien nicht sonderlich erstaunt, uns zu sehen.
„Dann laß Maja mal sehen“, sagte meine Mutter streng. Und bevor ich es selbst tun konnte, hatte sie mit spitzen Fingern nach meinem Schal gegriffen und den Stoff einen Fingerbreit heruntergezogen. Ein Augenblick genügte, rasch entwandt ich mich und zog den Schal wieder hoch.
Maja nickte anerkennend. „Prachtvoll“, sagte sie, „man könnte fast neidisch werden.“
Ich war den Tränen nahe. „Das hättest du …“, begann ich, aber meine Stimme war so winzig, daß sie sich ganz leicht von Maja unterbrechen ließ.
„Und die Farbe, hach! Meiner dagegen“, sagte sie und zupfte etwas von ihrem Halstuch herunter, „ist grellorange.“ Und zu meiner Mutter gewendet: „Kannst du dir das vorstellen, bei meiner Haarfarbe? Aber zum Glück“, wendete sie sich wieder mir zu und legte mir tröstend die Hände auf die Schultern, „zum Glück steht dir veilchenviolett richtig gut. Eine Farbe wie Vogelgezwitscher. Damit kannst du dich ruhig sehen lassen.“
„Kann man denn da gar nichts tun?“ fragte meine Mutter besorgt.
Maja zuckte die Achseln. „Wenn man das rasiert, wird es nur schlimmer.“
„Das hättest du mir sagen müssen, Maja!“ schluchzte ich.
„Aber das habe ich!“
„Hast du nicht!“
„Hab ich wohl. Ich habe dich gewarnt, von dem Obst zu probieren, und wie ich sehe“, und hier senkte Maja den Blick so neugierig auf meinen Hals, daß ich den Schal enger zog, „hast du meine Warnung in den Wind geschlagen.“
„Du hast mir nicht gesagt, daß man davon so ein Ding an den Hals kriegt.“
Da hob Maja den Zeigefinger und blickte streng drein. „Hab ich wohl, liebe Antonia. Ich habe dir gesagt, daß man davon einen pelzigen Hals bekommt. Und den hast du jetzt. Eigentlich schade“, fügte sie hinzu, „daß der nach ein paar Tagen wieder ausfällt, denn violett, wirklich, steht dir ganz ausgezeichnet.“
Mors stupebit et natura
cum resurget creatura.
Weigerung
Im Roman Die Madonna mit dem Fischleib von Strátis Myrivílis gibt es die Figur eines infolge der Kleinasiatischen Katastrophe vertriebenen Lehrers, Altphilologen und glühenden Patrioten, den es zusammen mit anderen Flüchtlingen auf eine nicht näher genannte Insel in knapper Sichtweite der kleinasiatischen Küste verschlagen hat. Dort beginnt ein staatliches Bauprogramm für dauerhafte Unterkünfte. Der Krieg ist verloren, Kleinasien ist verloren, die Flüchtlinge müssen unterkommen, man akzeptiert, daß sie nicht zurückkehren werden, nie mehr, denn dort, wo sie herkommen, ist nicht mehr Griechenland. Also baut jeder sein Häuschen, die Menschen richten sich ein, lecken ihre Wunden und gewöhnen sich, beginnen zu arbeiten, zu handeln, verlieben und verheiraten sich, kriegen Kinder, bestellen den Garten und sehen die Insel bald als ihre neues Zuhause an. Bis auf einen. Ob er sich denn kein Haus bauen wolle, wird der Lehrer gefragt. Oh, antwortet der, er habe schon eines, Ah? Wo denn, was für ein Haus? Und da streckt der Lehrer die Hand aus nach dem Meer, wo am Horizont der schmale Küstenstreifen Kleinasiens sichtbar ist, und zeigt nach dem Land: Dort, ruft er aus, dort ist mein Haus, dort ist mein Obstgarten, dort ist mein Feigenbaum mit der Bank, dort mein Oleander in seinem Kübel.
Die Weigerung des Lehrers, die neue Situation zu akzeptieren, hat keinerlei Konsequenzen für die Welt, für Griechenland, für die Flüchtlinge, für die Politik. Man könnte sagen, sie ist sinnlos. Aber es ist eine Haltung, und es ist nunmal seine. Er besteht darauf, die Welt falsch finden zu dürfen; er wird das böse Spiel mitspielen müssen, wenn er nicht untergehen will; aber er will es nicht mit guter Miene tun.
Diese Haltung ist die meine. Ich werde niemals eine andere Welt akzeptieren als die, die wir im Januar 2020 verließen. Ich werde keinen Fortschritt akzeptieren, der weniger wäre als eine vollumfängliche Ungeschehenmachung dessen, was dieser Keim bewirkt hat. Ich werde keine Maßnahme oder originelle Erfindung, die jetzt aus dem Geist der Bewältigung heraus gemacht wird, als positive Bilanz würdigen. Ich werde nicht wieder zufrieden sein, ehe die absurde Periode, die wir jetzt erleben, in den Bewußtseinen der Menschen als fahle, ferne, kaum glaubhafte Erinnerung verblaßt sein wird.
Dixi.
Die Pest auf Ägina (5)
In der Binnenerzählung wechselt hier nach dem einleitenden Wortwechsel mit seinem Gast Cephalus der Herr über Ägina, Aeacus, in die persönliche Perspektive. Handelte der vorige Abschnitt von der Unwirksamkeit jeglicher Heil- oder Linderungsmittel, kommt der vorliegende auf die vergeblichen Versuche zu sprechen, Hilfe wenn nicht von der Arztkunst so doch von höheren Mächten zu erlangen. Doch weit entfernt, mit Gebeten, Gelübden und Opfern etwas auszurichten, sterben die Hilfesuchenden vielmehr schneller, als sie beten, geloben oder opfern können: Die Gottheit, scheint es, hört gar nicht bis zum Ende zu, läßt die Betenden nicht ausreden. Es hat etwas von Genervtsein und Ungeduld. Schon wieder eine Bitte, ich hör mir das nicht mehr an. Oder von totaler Abwesenheit. Die Gottheit ist im Nebenzimmer beschäftigt, während vor der Tür die Menschen in Scharen sterben. Es entsteht ein Eindruck gößter Verlassenheit und Verzweiflung. Daß die Götter sich abgewandt haben, wird bei der Eingeweideschau noch deutlicher: die Eingeweide sind selbst von der Krankheit befallen, sie sind unleserlich, es ist ihnen nichts zu entnehmen, anders gewendet: die Zukunft ist krank, die Zeit und ihre Funktionen selbst ist krank, es gibt keine Wahrheit mehr, die Götter schweigen; man würde alle erdenklichen Opfer bringen, wenn die Götter nur einen Wunsch erkennen ließen, aber die Götter schweigen; man erklärt seine Opfer- und Sühnebereitschaft, aber die Götter schweigen; man sucht in der Eingeweideschau um Rat, aber die Götter schweigen auch hier; wenn aber die Götter als letzte Ratgeber verstummt sind, dann versagt jede menschliche und natürliche Ordnung, dann bleiben nur Chaos und Tod. Kein Wunder, daß manch einer letzteres wählt.
***
Frage nicht, wie es mir ging, was anderes sollte ich wünschen,
als, voller Haß auf das Leben, den Meinen zum Tode zu folgen?
Wo auch man wendete hin die Schärfe der Augen, es lagen
hingestreckt die Leute, so wie wenn die faulenden Äpfel
fallen beim Rütteln vom Zweig und beim Schütteln von Eichen die Eicheln.
Tempel sieht man daneben, von Treppenfluchten erhaben:
Jupiter sind sie geweiht. Wer hat nicht an diesen Altären
Weihrauch verbrannt umsonst? Wie oft hat, wenn Gattin für Gatten,
Vater und Mutter fürs Kind mit flehenden Worten gebetet,
unerhörten Flehens der Tod das Gebet unterbrochen,
fand sich noch, unverbrannt, in den Händen Stücke des Weihrauchs!
Und wie oft sind, zum Tempel geführt, wenn der Priester die Weihen
sprach und zwischen die Hörner den unerbittlichen Wein goß,
unerwartet, von keiner Wunde gefallen die Stiere!
Auch, als ich selbst dem Gott für mein Land und für die drei Kinder
opfern wollte, da ließen auf einmal die Stiere ein böses
Muhen ertönen, brachen zusammen, noch eh sie ein Hieb traf,
netzten mit spärlichem Blut das darunter gehaltene Messer.
Krank sogar ist die Leber, verloren die Zeichen der Wahrheit,
wie auch die Mahnung der Götter, das Eingeweide befallen.
Vor den geweihten Pfosten sah die Kadaver ich liegen,
vor den Altären selbst, daß umso gemeiner der Tod sei.
Manche, indem sie ihr Leben am Strick beenden, begegnen
Todesfurcht mit dem Tod und kommen zuvor ihrem Schicksal.
Quid mihi tunc animi fuit? an, quod debuit esse,
ut vitam odissem et cuperem pars esse meorum?
quo se cumque acies oculorum flexerat, illic
vulgus erat stratum, veluti cum putria motis
poma cadunt ramis agitataque ilice glandes.
templa vides contra gradibus sublimia longis:
Iuppiter illa tenet. quis non altaribus illis
inrita tura dedit? quotiens pro coniuge coniunx,
pro gnato genitor dum verba precantia dicit,
non exoratis animam finivit in aris,
inque manu turis pars inconsumpta reperta est!
admoti quotiens templis, dum vota sacerdos
concipit et fundit durum inter cornua vinum,
haud exspectato ceciderunt vulnere tauri!
ipse ego sacra Iovi pro me patriaque tribusque
cum facerem natis, mugitus victima diros
edidit et subito conlapsa sine ictibus ullis
exiguo tinxit subiectos sanguine cultros.
exta quoque aegra notas veri monitusque deorum
perdiderant: tristes penetrant ad viscera morbi.
ante sacros vidi proiecta cadavera postes,
ante ipsas, quo mors foret invidiosior, aras.
pars animam laqueo claudunt mortisque timorem
morte fugant ultroque vocant venientia fata..
Die Pest auf Ägina (4)
Die Lage spitzt sich zu im vorliegenden Abschnitt. Daß die Kunstfertigkeit dem, der sie anwendet, Schaden zufügt, ist ein häufiger Topos bei Ovid; als er am siebten Buch der Metamorphosen arbeitete, konnte er nicht ahnen, daß er den Gedanken in den Werken der Verbannung wieder und wieder auf sich selbst und seine unglückliche Lage literarisch anwenden würde: Sein dichterisches Talent, daß ihn die Kühnheit der Liebeskunst konziperen und ausführen ließ, hatte ihm die Verbannung eingetragen, die Kunst dem Künstler geschadet.
Typisch für Ovid sind die ans Groteske reichenden Übertreibungen: Das Fieber ist so hoch, daß die kalte Erde, auf die sich die Kranken zwecks Kühlung legen, sich erhitzt (fervet, das heißt, wird nicht nur warm, sondern „kocht“ oder „siedet“); die Kranken trinken vor Durst ganze Flüsse leer, und daß Schafe die Wolle verlieren, ist auch ziemlich unwahrscheinlich. Andere Beschreibungen dagegen scheinen nur zu plausibel, als daß es einem nicht kalt den Rücken runterläuft: Kranke trinken von kontaminiertem Wasser, weil der Durst sie so sehr quält; die Verwzeiflung läßt die Kranken das Haus verlassen und umherscheifen, in der Hoffnung, daß alles gut wird, wenn man nur den Ort meidet, an dem das Übel zuschlug. Daß die Bettdecke unerträglich wird, kommt auch in anderen Pestbeschreibungen vor, mir ist nicht bekannt, ob das ein beobachtetes Symptom oder nur ein literarischer Topos ist, da müßte man mal nachforschen. Von der grotesken Übertreibung gelangt Ovid unter Rücknahme der Mittel zu Schilderungen von eindringlichem Ernst. Im letzten Bild der Passage kehrt der Text wieder zu den meteorologischen Zeichen des Anfangs zurück: Die Sterbenden strecken die Hände flehend aus zu demselben Himmel, der schon zu Beginn „schwer auf die Erde“ gedrückt hat, und suchen in letzter Verzweiflung Hilfe von dort, woher das Übel seinen Anfang nahm. Unterstrichen wird der Ernst vom Versmaß, dem bei Ovid äußerst seltenen versus spondiacus..
Niemand, der Abhilfe wüßte, ja grade unter den Ärzten
um sich greift rasendes Sterben, und schadet den Heilern die Heilkunst:
ja, je näher der Arzt dem Kranken, je treuer die Pflege,
umso schneller kommt selbst er ans Sterben, und wenn erst auf Heilung
hin ist die Hoffnung und klar wird, daß endet die Krankheit im Tode,
geben sie auf und suchen nicht mehr, was helfen noch könnte:
Helfen nämlich kann nichts. Allenthalben verliert man die Hemmung,
legt sich in Quellen und Flüsse, bleibt liegen in breiten Zisternen,
aber das Naß, als den Durst zu löschen, ist schneller getrunken.
Schwer nach dem Trunk schaffen viele es nicht, sich noch zu erheben,
sterben vor Ort im Wasser, das dann wieder andere schöpfen;
Derart verhaßt ist das widrige Bett den Erkrankten, daß auf sie
springen, oder, wenn ihnen die Schwäche das Stehen vereitelt,
wälzen sie ihren Leib übern Grund. So fliehen das Haus sie,
jeglicher seines, und jedem ein Totenhaus scheint sein Zuhause,
denn, weil die Ursache unklar, so hat im Verdacht man die Orte;
teilweise konnte Halbtote man sehen – solang sie noch aufrecht –
wie auf den Straßen sie wankten, teils andre schon weinend am Boden,
wie sie die müden Augen in letzter Regung verdrehten;
und sie recken die Hand nach den Sternen des hangenden Himmels,
grad wo der Tod sie ereilt, so hauchen sie aus ihr Leben.
nec moderator adest, inque ipsos saeva medentes
erumpit clades, obsuntque auctoribus artes;
quo propior quisque est servitque fidelius aegro,
in partem leti citius venit, utque salutis
spes abiit finemque vident in funere morbi,
indulgent animis et nulla, quid utile, cura est:
utile enim nihil est. passim positoque pudore
fontibus et fluviis puteisque capacibus haerent,
nec sitis est exstincta prius quam vita bibendo.
inde graves multi nequeunt consurgere et ipsis
inmoriuntur aquis, aliquis tamen haurit et illas;
tantaque sunt miseris invisi taedia lecti,
prosiliunt aut, si prohibent consistere vires,
corpora devolvunt in humum fugiuntque penates
quisque suos, sua cuique domus funesta videtur,
et quia causa latet, locus est in crimine; partim
semianimes errare viis, dum stare valebant,
adspiceres, flentes alios terraque iacentes
lassaque versantes supremo lumina motu;
membraque pendentis tendunt ad sidera caeli,
hic illic, ubi mors deprenderat, exhalantes.
Die Pest auf Ägina (3)
Bald auch mäht die Pest die hilflosen Landmänner nieder,
und in den Mauern der großen Stadt errichtet sie Herrschaft.
Erst beginnt das Gedärm zu brennen, dann schleichendes Fieber
Rötung zeigt an und schmerzhaft keuchendes Atmen, von Feuer
anschwillt die rauhe Zunge, vertrocknet von hitzigem Atem
starren die Münder und schnappen nach Luft in mühsamen Zügen.
Bett und Lager sind unerträglich und jegliches Laken,
nackt auf die Erde legt man sich bäuchlings, doch wird nicht der Körper
abgekühlt von dem Grund, sondern heiß wird der Grund von den Körpern.
Pervenit ad miseros damno graviore colonos
pestis et in magnae dominatur moenibus urbis.
viscera torrentur primo, flammaeque latentis
indicium rubor est et ductus anhelitus; igni
aspera lingua tumet, tepidisque arentia ventis
ora patent, auraeque graves captantur hiatu.
non stratum, non ulla pati velamina possunt,
nuda sed in terra ponunt praecordia, nec fit
corpus humo gelidum, sed humus de corpore fervet.
Aequinoctium
Ätsch, spricht der Herr Solminore, nun gibt es statt Distichen diese.
Bleibt er den Fasti auch treu, nötigen läßt er sich nicht!
Wenn erst der Sternenfuß tief in den Brunnen steigt,
auf Zehen Spitz der Mond lockend an Scheiben schlägt,
will ich den Windkrug fort ins Helle
tragen, zum Zelt deiner fernen Augen.
Lange im Winterschlaf ruhten die Knie uns,
tollkühn von Dunkelheit schwärzte das Haus der Docht.
Grübelt die Tür noch über Fernen,
leert sich das Glas, wo du trankst, von Lippen.
Noch stehn die Häuser leer, alle, des kahlen Jahrs.
Kein Zimmer weiß noch, wie, wenn du mich küßt, es braust.
wie, wenn die Tür du schließt und da bist,
Lampe und Fenster und Licht sich umdrehn.
Was mir dein Kuß daließ, Feuchtes der letzten Nacht,
wie mich vor Jahr und Tag labte dein nasser Mund,
zeigten die Spinnen mir im Spiegel,
wärmte um hundertstel Grad die Stürme.
Wenn erst nur weicher ruht Schatten vom Uhrenturm;
wenn erst der Weg sich schält, abwirft die alte Haut,
schaff ich ein Fensterglas aus Blicken,
beicht ich dem Schloß meiner Liebe Namen.
Wenn dann das Zwielicht prägt Vögel in weiche Nacht.
Finger am Quellengrund lösen vom Tag den Bann:
Komm, wenn das Licht enthüllt die Ströme,
deute mir’s Lächeln des Finks im Winkel.
Die Pest auf Ägina (2) (536–551)
Sterben von Hunden zuerst und von Vögeln und Schafen und Rindern,
Sterben von Wild auch anzeigt die plötzliche Wirkung der Seuche.
Fassungslos sieht die starken Stiere kippen der Landmann,
und wie plötzlich beim Werk sie sich krümmen inmitten der Furche.
Jämmerlich blöken die wolletragenden Herden der Schafe,
ganz ohne Schur, von allein fällt die Wolle, die Körper verfaulen;
Einstmals so flink, das Pferd, das prächtige Glanzstück der Bahn, geht
langsam zugrunde; des Preises und früherer Ehren vergessend
stöhnt es am Gatter, dem Tode geweiht durch wehrlose Schwäche.
Nicht denkt an Zorn noch der Eber, der Hirsch nicht, aufs Laufen zu setzen,
noch darauf sinnen, den wehrhaften Pflugstier zu reißen, die Bären.
Alles fällt in Erstarrung: in Wäldern, auf Feldern und Wegen
liegen die schwärenden Körper, Gestank verpestet die Lüfte.
Seltsam, daß Hunde das Aas nicht und auch nicht gefräßige Geier
noch die grauen Wölfe anrühren; so fault und zerfällt, was
tötet mit seinem Hauch und die Ansteckung weit übers Land trägt.
strage canum primo volucrumque oviumque boumque
inque feris subiti deprensa potentia morbi.
concidere infelix validos miratur arator
inter opus tauros medioque recumbere sulco;
lanigeris gregibus balatus dantibus aegros
sponte sua lanaeque cadunt et corpora tabent;
acer equus quondam magnaeque in pulvere famae
degenerat palmas veterumque oblitus honorum
ad praesepe gemit leto moriturus inerti.
non aper irasci meminit, non fidere cursu
cerva nec armentis incurrere fortibus ursi.
omnia languor habet: silvisque agrisque viisque
corpora foeda iacent, vitiantur odoribus aurae.
mira loquar: non illa canes avidaeque volucres,
non cani tetigere lupi; dilapsa liquescunt
adflatuque nocent et agunt contagia late.
Homo cricetus
Frischfleisch ausverkauft, Reis, Nudeln, Tomatensaucen ausverkauft, Hygieneartikel aller Art schon seit Tagen ausverkauft, und jetzt ist auch mein Lieblingswein weg. Die Leute haben Geschmack: der ist nicht einmal günstig. Aber hätten die Idioten zum Hamstern nicht die Plörre aus dem Tetrapak nehmen können? Man ist entschlossen, scheint mir, die Krise auf hohem Niveau zu feiern.
Die Pest auf Ägina (Ovid, Metamorphosen VII, 523ff)
Schlimm war die Pest, die der Zorn der maßlosen Iuno den Völkern
sandte, aus Haß auf das Land, weil es trägt den Namen der Kebse*.
Da man das Übel für irdisch noch hielt und den boshaften Grund nicht
kannte für solches Verderben, wehrte man sich mit der Heilkunst:
Aber das Sterben hielt an, weder Pille noch Trank zeigte Wirkung.
Anfangs drückte der Himmel mit undurchdringlicher Schwärze
schwer auf das Land und hielt fest eine träge Hitze mit Wolken;
während viermal die Hörner verband und den Kreis wieder füllte
Luna, und, viermal geschwunden, zur vollen Scheibe heranwuchs,
wehte ein warmer Süd, der Hitze brachte und Pesthauch.
Fest steht, daß auch in die Brunnen und Tümpel gelangte das Übel,
und auch, daß Schlangen zu tausenden durch die verwilderten Felder
streiften, wobei sie mit bösem Geifer die Flüsse verseuchten.
dira lues ira populis Iunonis iniquae
incidit exosae dictas a paelice terras.
dum visum mortale malum tantaeque latebat
causa nocens cladis, pugnatum est arte medendi:
exitium superabat opem, quae victa iacebat.
principio caelum spissa caligine terras
pressit et ignavos inclusit nubibus aestus;
dumque quater iunctis explevit cornibus orbem
Luna, quater plenum tenuata retexuit orbem,
letiferis calidi spirarunt aestibus austri.
constat et in fontis vitium venisse lacusque,
miliaque incultos serpentum multa per agros
errasse atque suis fluvios temerasse venenis.
*Kebse: Die Najade Aigina war Zeus‘ Geliebte. Der Sproß dieser Verbindung, Aiakos, wurde auf der gleichnamigen Insel geboren.
Ich warte schon auf die Einführung des Handels mit Flüchtlingszertifikaten.
(Felsenfest davon überzeugt, daß mir ein anderes Leben bestimmt gewesen, grübelte ich seit Jahren darüber nach, wann eigentlich was genau schiefgelaufen war.)
(Zu viele Gedanken um immer das Gleiche. Wenn ich das Laufen irgendwann aufgebe, dann nicht deshalb, weil der Sport mir zu anstrengend ist, sondern weil mich mein weltrettendes Monologisieren erschöpft.)
(Jetzt geht das Theater wieder los, daß über die sogenannte Wahl in den USA ausführlicher berichtet wird als über den Bundestagswahlkampf. Es scheint fast so, daß die Politik der USA größeren Einfluß auf die Bürger Deutschlands hat als deren eigene Regierung.)
(Jonathan Franzen empfiehlt, einzusehen, daß der Klimawandel nicht aufzuhalten ist, und plädiert dafür, sich um lösbare Probleme zu kümmern. Damit ist er selbst Teil des Problems, dessen Unlösbarkeit er behauptet.)
Nullhypothese
Zum Problem der vermeintlichen, überall billig konstatierbaren (der wohlfeilen) Frauenfeindlichkeit: Korrekt, weil von unvoreingenommener Warte aus gesprochen, wäre stets die Nullhypothese vorauszusetzen, also die Gleichstellung von Mann und Frau. Vor diesem Hintergrund könnte man dann nach exakten Kriterien Abweichungen feststellen. Derzeit läuft es umgekehrt: Vorausgesetzt wird die Ungleichheit und die (sowieso bestehende) Benachteiligung der Frau. Vor dieser Annahme einer latenten Ungerechtigkeit können dann nur noch konkrete Instantiierungen dieser Ungerechtigkeit konstatiert werden, die die Annahme nicht verletzen sondern sie immer nur bestätigen. (Nur so ist es beispielsweise möglich, daß an und für sich symmetrische Verhältnisse asymmetrisch gedeutet werden können, beispielsweise die Fellatio als männliches Unterdrückungsinstrument, der Cunnilingus jedoch nicht als weibliches — allenfalls wiederum als Manifestation männlicher Dominanz. Es ist zum Verrücktwerden. Desgleichen, um beim Beispiel zu bleiben, werden frauenfeindliche Deutungen eines Witzes, in der von Fellatio die Rede ist, einer Interpretation vorgezogen, die in dem Witz zwei beteiligte Männer sieht, obwohl das Geschlecht des zweiten Beteiligten für den Witz nicht relevant ist und auch gar nicht genannt wird. Es ist nur von einem Magen die Rede. Wie soll man aber beweisen, daß die Verhältnisse zwischen Fellatio und Cunnilingus symmetrisch sind, wenn als Entgegnung stets auf die prinzipielle, latente Unterdrückung der Frau verwiesen werden kann? Jede Begegnung zwischen Mann und Frau kann jederzeit als Instantiierung dieser Latenz gelesen werden und wird es auch. Paragraph 1: Der Chef hat immer recht. Paragraph 2: Sollte der Chef einmal nicht recht haben, tritt automatisch Paragraph 1 in kraft. Wie läßt sich dem entgehen? Indem man mit Gründen den Irrtum des Chefs nachweist. Unter diesen Verhältnissen kann ein Mann gar nicht anders, als seine Partnerin zu unterdrücken, ganz gleich, wie er sich verhält, und noch ein so harmloser Text wie das inkriminierte Gedicht von Eugen Gomringer kann, wenn sich geneigte Kläger finden, als frauenfeindlich gelten.) Das Problem bei der latenten Ungerechtigkeit ist, daß ich Regelbefolgungen nicht konstatieren, nur widerlegen kann, während sich allein Regelverstöße als Abweichungen der Grundannahme feststellen lassen. Das führt dazu, daß wir eine Gleichstellung niemals beweisen können, und das wiederum führt dazu, daß eine Gleichstellung niemals erreicht werden kann. Es sei denn, wir setzen sie voraus und ahnden die dann auffällig gewordenen Verletzungen derselben.
