Insulationen

Man kann die See vom Weg aus nicht sehen, aber hinter den Dünen hängt ein grauer Film am westlichen Horizont, dort wirft das Wasser seinen Schatten an den Himmel. In einer Umkehrung der optischen Verhältnisse leuchtet die Landmasse Föhrs im Osten den Himmel über der Insel mit einer hellweißen Haube aus; wo das Land endet, senkt sich ein Schatten herab und löst sich in der Farbe des Meeres, daß es scheint, als schwebte die Insel gleich einem Augenschlitz in einem Element, das weder dem Wasser noch der Luft verwandt ist, aber von beidem sich die Licht- und Äthersubstanzen leiht.

Und dann, nach einem Tag, über dem der Himmel wie ein bleierner Sargdeckel lag, doch noch Sonne. Ein Vexierspiel aus verschiedenen Wolkentiefen, die alle aufeinander verweisen und der Helligkeit ausweichen; bis endlich ein Schleier so dünn wird, daß die Gleichung aufgeht und die Sonne auf einem Wolkenband nach Westen rollt. Bleich, eine papierene Krone, die Krümmung der halben Scheibe läßt auf etwas Größeres schließen, als das Gestirn, als was sich da mondähnlich über den Dunstwirbeln erhält. Schon halb fünf und noch so viel Weg bis zum Horizont. Als hätte der Winter den Mut verloren.

Mut zur Farbe: ein letztes Rotkehlchen am Futterhaus trotzt mit stolzer Brust dem Grau des Abends.

Die Leinen spannen sich von Dämmerung zu Dämmerung, halten mit Mühe die Dünen zusammen in ihrem windgefegten Gehege. Darin laufen die Hänge wie Tiere hin und her. Kiefern spähen über den Zaun, die Spione der Besenheide sind schon auf die andere Seite gelangt. Der Abend kommt früh, die Leinen gehen in der Dämmerung verloren. Eine Fußspur bleibt in den Schnee geprägt, wenn alles schon wieder zu Hause ist, in einer der schnuckeligen Häuschen im Kiefernwald, deren Lichter man durch die Zweige flackern sieht, davor das unschuldige Auto mit dem fernen Kennzeichen, das die Gäste hierher gefahren hat. Zu Hause ist hier niemand. Man tritt auf eine Straße, aus der Dunkelheit herangekrochen kommt, und über einem schreit eine Krähe. Plötzlich klingen nahebei Kinderstimmen auf, lachen, johlen, entfernen sich, zeigen sich nicht, bleiben Stimme, verstummen pfeifend und dünn in der sandigen Tiefe des Pfades. Jetzt heißt es, Fersengeld geben, bevor es dunkel wird. Doch jeden Schritt so vorsichtig setzen, als lauerten Scharen von Baumstümpfen vor den Zehen.

Insulationen

Auf dem gefrorenen Bohlenweg knackt es, wenn der schmale Eisfilm zwischen den schwingenden Brettern unter den Schritten bricht. Es hört sich an, als käme der Weg auf einem Holzbein hinterdrein gehinkt. Ich weiß, daß hinter mir niemand ist, ich habe mich schon dreimal umgedreht, aber, knack, knack, ich drehe mich auch noch ein viertes Mal um, felsenfest überzeugt, daß mir diesmal wirklich jemand auf den Fersen ist.

Wie aus einer nebligen Milch ragen die abgeblühten Fruchtstände der Calluna. Gerötete Schwielen, Frostbeulen, das Kameraobjektiv, eine schwarze, glänzende Sonne, bringt die erhoffte Wärme nicht.

Die Dämmerung bleibt lebendig. Der Schnee springt den Vögeln nach, ohne sie je zu fangen.

Das Ticken der Stricknadeln kann die Dämmerung nicht einholen. Schon hängt der Rettungsring mit dem recherchierbaren Schiffsnamen und Heimathafen (Erena Majuro) im Dunkel der frühen Nacht an seinem Gartenzaun, dient Landrattengeistern zur Rettung. Unterm Schnee Träume von Seeleuten, dick wie Teer sintert der Tee in der Kanne, die Nacht schwimmt allen Inseln voraus.

Bald übernehmen die Spiegelungen das Draußen.

Selten drängt sich der Grund unter den Füßen auf. Wörter wie Geestkern bleiben abstrakt. Felsen schafft es kaum an die Oberfläche, der Granit erstickt im Sand, was die See nicht beansprucht, fristet unter Dünen und Kiefern eine Art windgeschenktes Dasein.