Etwas, das mir nicht mehr gehört. Ein Nachholen und Besinnen. Schon bevor es vorbei ist, die Versuche der aneignenden Rekonstruktion. Reflex des Zurückholens. Die Symptome sind die des schon seit der frühen Kindheit vertrauten Abschieds, als ich lernen mußte, daß jede schöne Zeit erst dann als schön greifbar wird, wenn sie vorbei ist, also nur in der Trauer, im Verlust möglich ist; sie sind gewachsen, seitdem, die Abschiede und Erkenntnisse, und nie war ein Abschied größer und jeglicher Aussicht der Rückkehr, Rekonstruktion und Wiederholung barer als der, der bevorsteht, eher früher als später. Für später ist nur noch wenig Zeit. Angesichts dieses drohenden Abschieds erscheint es mir unbegreiflich, wie Menschen Heimat problematisch finden können. Ich weiß, wo ich zu Hause bin, habe es immer gewußt.
Monat: April 2022
Böschung. Hürxberg
„Schön, hier zu sein“, rufe ich aus und breite die Arme aus, um Mutter und Vater zu umarmen. Und später, nach dem Essen, schaue ich gedankenverloren den Leuchter überm Eßtisch an, da zirkuliert schon das Bier angenehm schläfrig durch die warmen Glieder, und denke, vollkommenes Glück. Doch kein solcher Gedanke ist mehr für sich gültig, jeder dieser Momente trägt ein ungutes Wasserzeichen, das Bild seines dämonischen Gegenteils. Der Gedanke Wie lange noch?, er folgt nicht dem Glücksgedenken auf dem Fuß, er ist das Glücksgedenken selbst, seine Rückseite, sein zweites Gesicht am Hinterkopf, das das Glück nie mehr loswird, auch nicht für einen gedankenverlorenen Moment. Beim Zubettgehen sehe ich den Regendunst vom angestrahlten Kirchturm illuminiert, das Zimmer schließt sich um mich wie eine besänftigende Decke und ist in diesem Moment mehr als dieses Zimmer, ist alle Zimmer, in denen ich in der Vergangenheit hier gelegen habe, zusammen, die ganze, lange Reihe von Abenden, da ich hier nach einer anstrengenden Bahnreise zu Bett ging und glücklich war, alle diese Zimmer über- und ineinander, und auch da befällt mich die gleiche Trauer, die Trauer, die in dem Blick zurück liegt auf die Reihe der Abende, ein Standpunkt, der plötzlich ans Ende gerutscht ist und von dort alles im Blick hat, was war und schön war. Ein hoher, kühler Punkt ist das, und es könnte einem schwindelig werden von dieser Warte aus.