Täglich Brot

Die Brötchen sind gerade wieder teurer geworden, kosten jetzt € 0,32 statt € 0,28. Das ist eine Steigerung um, kalkulier, kalkulier, aha: 14,4 %. Eine Steigerung meines Nettoeinkommens um 14,4 %, das wären, kalkulier, kalkulier, aha: € 144,– mehr im Monat.

Nachgewogen: Ein Brötchen wiegt exakt 50 g. Wenn man davon ausgeht, daß davon etwa die Hälfte Wasser ist, bedeutet das, in jedes Brötchen gehen neben Hefe, Salz und allerlei Zusatzstoffen, die gewichtsmäßig vernachlässigbar sind, ungefähr 25 g Mehl. Das Kilo Mehl, also die vierzigfache Menge, kostet im Einzelhandel € 0,39, also pro Brötchen, wenn man den Einzelhandelspreis zugrunde legt, € 0,00975. Das ist, unter Vernachlässigung von Energie, Miete, Personalkosten etc, was auf ein einzelnes Brötchen heruntergerechnet auch nicht die Welt sein kann, eine Gewinnmarge von 97%. Hut ab. Die wissen, wie man Geld verdient. (Und nicht daß diese “Brötchen” wenigstens schmecken würden.)

Echte Handwerkskunst ist da jedenfalls nicht dabei; und die 15-Cent-Brötchen vom SB-Bäcker schmecken auch noch besser. (Griechisches Weißbrot aus dem Holzofen, das wäre was. Aber ach.)

Die Bezeichnung “Manufaktur” ist leider nicht gesetzlich geschützt; sonst dürfte mein Bäcker (also der Backkonzern, zu dessen Filiale ich gehen muß, weil der sich hier im Umkreis ein Quasi-Monopol geschaffen hat) sich nicht so nennen. Backmanufaktur, ha! Dabei verstecken die nicht mal den Ofen, in dem man die Teiglinge aufgehen sieht. Es ist eine Frechheit.

Jetzt hört man, daß in Berlin eine “Handwerksbäckerei” eröffnet hat, im Hipsterviertel. Wo sonst, möchte man grimmig anmerken. Das geht, heißt es, wie, nun ja, warme Semmeln, auch wenn alles doppelt kostet (und sie plausibel machen, warum; aber von transparenter Preisgestaltung wird es halt auch nicht erschwinglich).

Wenn im Gewand des Neuen gute alte Dinge immer wiederkommen, sind es dann eben nicht mehr die alten Dinge, und vor allem sind sie dann eines: teuer. Eine Delikatesse. Was aber eigentlich lobenswert wäre, nämlich eine Rückkehr zu alter Kunst und alten Methoden, kann man unter diesen Bedingungen auch nicht richtig finden. Da wird dann aus einer Nahrungsgrundlage ein kunsthandwerkliches Feinkostprodukt für ökobewußte Besserverdiener und motorisierte Alnatura-Kunden. Das ist nur eine andere Form von Inflation: Man nehme ein ganz normales, ebenso schmackhaftes wie erschwingliches Produkt, hübsche es etwas auf, verbräme es mit allerlei Öko-Hokuspokus und verkaufe eine seit Jahrtausenden angewandte, durch nichts mehr verbesserbare Methode als den letzten Schrei. Gleichzeitig fallen die bislang als normal geltenden Produkte qualitativ (aber nicht preislich) unten raus, was wiederum die Bereitschaft der Kunden erhöht, viel mehr Geld als bislang für das bislang Gewöhnliche auszugeben. Etwas so Bewährtes wie Brot kann man nicht mehr verbessern. Man kann es nur teurer machen.

Eine echte Rückkehr zum Normalen, zu gewöhnlichem Brot und echten Brötchen hieße eben genau das: In der Backstube zu backen müßte normal, und weithin die einzige Art sein, Backwerk herzustellen. Das andere wäre eben überhaupt kein Backwerk und dürfte auch nicht unter dieser Bezeichnung verkauft werden. (Was heißt dürfte: Es käme niemand auf den Gedanken, weil fernliegend.) Und die Preise müßten so sein, wie sie vor einem Vierteljahrhundert noch waren, von den Mieten und Personalkosten über den Einkaufspreis für Mehl, Salz und Energie bis hin zum für alle erschwinglichen Verbraucherpreis (gemessen an den unteren Einkommen, versteht sich). Eine solche Backkultur diente nicht der Gewinnmaximierung, sie diente überhaupt keinem Gewinn. Sie diente, wie von Alters her üblich, der Versorgung der Bevölkerung mit Brot. Eine Utopie ist das nicht. Das gab es mal. Ist noch gar nicht so lange her.

Nur hat eben darum am Normalen keiner mehr Interesse. Versorgung war mal. Damit überlebt man nur, damit macht man keinen Gewinn. Das Normale ist keine Geschäftsidee. Und innovativ, man verzeihe mir dieses gräßliche Wort, ist es auch nicht. Immer neu, immer anders muß es sein. Sogar das Alte ist das neue Neue. Eine Insel des Alten in der schönen Welt des Neuen aber ist nicht möglich: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Auch kein besseres.