Wissensblabla

Was mir zunehmend auf die Keimdrüsen geht, das ist dieses ständige Gerede von irgendwelchen neuen Gesellschaften, in der wir jetzt angeblich leben, der Informations-, der Wissens-, der Global-, der Blablagesellschaft … Nerven kann auch, daß aus diesem Umstand immer verschiedene Forderungen und Folgerungen gemacht und gezogen werden, die alle darauf hinauslaufen, daß ja in der modernen globalen Blablagesellschaft die Dinge fürderhin soundso … niemand mehr sich berufen … nicht mehr ausruhen auf … ständige Flexibilität … und was der Dinge mehr sind. Besonders in Rage bringt mich der Begriff Wissensgesellschaft. Reizwort, rotes Tuch. Bringt mich in Rage wie Lebensqualität und Globalisierung. Gott ja, Wissen, sicher. Was aber , bitteschön, soll es damit jetzt wieder auf sich haben oder was ist daran neu? Liebe Vorhutintellektuelle, verschont mich mit diesem Scheiß. Was sich ändert, sind immer nur Oberflächen und Eisbergspitzen. Oder was glaubt ihr? Wissen kann man nicht essen. Das ganze Wissensgedöns kann man gut und gerne in die Tonne kloppen, das ist spaßig, klar, aber macht nicht satt. Das Wissenswirtschaftsgedöns und globale Netzwerkblabla nützt uns gar nichts, wenn der Bildschirm hell, der Magen aber leer ist. Was glaubt ihr eigentlich, wovon wir leben? Von Wissen und vom Webzwonull? Luft und Liebe, wie? Sind das die Spintisierereien einer Generation, die als Kind geglaubt hat, Kühe seien lila und gäben Kakao?
Da können wir noch so wichtige Dinge zu erledigen haben zwischen Dax und Dow-Jones, da können wir noch so fiebrige Aktivität an den Tag legen an Wallstreet und auf der Datenautobahn, und ob wir jetzt mobil vom Strand aus eine furchtbar wichtige Konferenz übers Händie abhalten oder unser Geld mit Mouseklicks verdienen, es gilt weiterhin, was schon den Alten klar war. Drei Dinge. Non esurire, non sitire, non algere. „Nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren.“ (Seneca, Epistel 4) An unseren Grundbedürfen ändert sich vorläufig nichts, dürfen wir annehmen. Und es sind Grundbedürfnisse, eben weil sie das wichtigste sind, die Basis. Der Rest kommt irgendwo dahinter, weit dahinter. Das Wissen aber, das diesen ganzen aufgebrachten Stimmen zufolge schon so wichtig ist, daß sich unsere Gesellschaft danach benennen darf, was ist daran so besonderes? Wie man Wolle spinnt, wie man ein Feld bestellt, wie man Brot backt, wie man ein Haus baut, ist überall und seit Jahrhunderten bekannt, das Wissen darüber verfügbar. Brot wird man auch in hundert Jahren noch essen, Häuser wird man immer brauchen und im Winter ist man froh um einen Pullover. Ich sage nicht, daß das schon alles ist. Nein, das wahre Leben geht los, wenn für all das gesorgt ist. Aber eben erst dann, und insofern man von den Grundlagen spricht, sind wir immer noch eine Bauerngesellschaft und werden es auch immer sein. Falls wir nicht eines Tages es dahin bringen, vom Dudelknopf im Ohr satt zu werden.

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