Oh ja! Einmal im Jahr dürft ihr böllern und einmal im Jahr an Karneval die Sau rauslassen, und ihr rollt vor Entzücken eure rosige Zunge im Maul wie die Wilden, als man ihnen Glasperlen gegen Gold anbot. Unbezahlbare Mieten, Hungerlöhne, Lebensmittelpreise zum Niederknien — egal! Aber wehe, es erfrecht sich einer, euch das Böllern und das Karnevalssaufen zu nehmen — dann begehrt ihr auf, die Fäuste voll Explosivstoffe, im Gesicht eine Clownsnase, und nennt es wütend eure Freiheit — statt endlich von eurer wahren Freiheit Gebrauch zu machen. Ihr habt keine Ziele, keine Träume und eure Phantasie reicht nicht weiter als euer nächster Video-Werbeclip. Geht mir weg, ihr braven, harmlosen Schafe. Mit euch habe ich nichts zu schaffen.
Monat: Dezember 2025
Heiliger Abend
Noch eine kleine Runde, und dann ist es geschafft. Wind staucht die Wege, die Hügel rücken zusammen, Krähen fallen dem Gewölk in den Schoß. Die Menschen eilen nach Hause, als schlüpften in ihren Manteltaschen Küken. Zwei Esel auf der Weide grasen in Ruhe, sie haben schon alles gesehen. In der hereinbrechenden Dämmerung wandern die Glocken wie Bettler von Turm zu Turm.
Noch einmal in O.
Lange habe ich dieses Glücksgefühl nicht mehr gehabt. Ich fuhr mit dem Zug nach Alsheim, saß alleine am Fenster, den Blick hinaus gerichtet, ziellos, wie wenn man das Auge Gassi führt. Hinter den Scheiben kein Wetter, weder richtig Wolken, noch Sonne, keine Schatten, die Strecken flachgestrichen, die Tiefen nur Erzählung, Gemälde, und darin alles an seinem Platz, das Bekannte wie das Unbekannte, ich kann nicht sagen, daß ich diese Böschung, diese Brücke, diese Stück Zaun oder Hecke mit den verwelkten Brombeerranken wirklich kenne, auch nicht die Pferde auf der Weide, den Kirchturm, den Waldrand, die Fahnenstange überm Schrebergarten, die Weinreben; aber es sind Typen, die mir vertraut sind, Variationen über ein Thema, das ich in- und auswendig kenne, so sehr, daß ich weniger Betrachter als Teil des Betrachteten bin, weder der, der über diese Umgebungen nachdenkt, noch der Gedanke selbst. Ein Stück Weg schob sich aus einem Acker ins Blickfeld, Telegraphenmasten holten die Ferne ein, und plötzlich war ich genau so sehr am Platz wie alles andere auch unbestreitbar am Platz war, als hätte etwas eingerastet. Es war wie eine immense Erleichterung, als höbe sich eine Last von den Schultern, als löste sich eine Sorge auf, von der ich bis zu diesem Moment gar nicht wußte, daß sie mich bedrückt hatte. Es hatte etwas damit zu tun, daß ich mich zu Hause fühlte, angekommen, mit einer freudigen Überraschung, die darin lag, zu bemerken, daß ein lange Vermißtes die ganze Zeit zu Händen, in der Nähe und greifbar gewesen sei und nun nie mehr fehlen würde.
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Nach ein paar Kilometern von Alsheim nach Norden haben wir dann an einem Wingertsturm halt gemacht, jetzt sitzen wir Brote kauend im Durchzug und sind in Minuten durchgefroren. Ein schwarzer Fleck am Boden verrät, daß jemand versucht hat, in dem Raum ein Feuer zu machen. Augenscheinlich war ein Kunststoff mit in den Flammen, denn der Beton ist verkrustet von einer harten, aus dem Flüssigen wiedererstarrten Masse. Ich schüttele den Kopf und schimpfe laut und heftig, da sei wieder jemand zu dumm gewesen, einen Eimer Wasser umzukippen. Ich bin überhaupt, stelle ich mehrmals fest auf dieser Wanderung, sehr laut „Aber das ist nicht gerecht!“). Ich registriere es und kann es nicht abstellen, als müßte etwas Aufgestautes, Hintangehaltenes immer wieder nach draußen. Ich bin grundgereizt, vielleicht geht es wie mir vielen, aber warum ändert sich dann nie etwas? Will ich diesen zornigen Ausbruch, dieses Geschimpf wirklich in Erinnerung behalten für später, wenn ich an unser klammes Frühstück zurückdenken werde?
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Es ist ein Tag mit einem Licht wie aus niederländischer Malerei geborgt, nicht ganz echt, als könnte jederzeit sich ein Riß in der milchig grundierten Leinwand zeigen. Was man sieht, ist, so deutlich es sich in der Ferne auch zeigt, nie ganz wirklich, es ist wie ein Name, ein Zeichen für die Sache selbst. In diesem hellen Dunst glaubt man den Einzelheiten ihre Existenz nicht, glaubt nicht, daß man sieht, was man sieht, als müßte es einem jemand erst erklären. Immerhin, der Odenwald, das muß der Odenwald sein. Aber schon die Fabrik mit dem Schlot, an dem fortwährend die gleiche Abgasfahne klebt, schwebt mal wie auf hoher See, wenn der Gebirgsrand sich hinter Schleiern zurückzieht, läßt sich dann wieder im Raum verorten, mit anderen Strecken und Winkeln in Beziehung setzen, wenn die Hügel als Grundierung wieder sichtbar werden. Die Ortschaften und Straßen sind mehrfach deutbar, als Nähe oder als Ferne, und mehrfach versuchen wir, den Rhein zu identifizieren, lassen uns mehrfach von flachen Gebäuden und Agrarfolien narren. — Die Ebene scheint abgerutscht von den Hängen, über die wir spazieren, die Straßen lärmen darin herum, ab und zu zeigt sich in der Ferne das Ziel, die Zeichnung eines Kirchturms am Hang.
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Das Sehen an diesem Tag ist wie Segeln, man braucht dichtgeholte Schote, sonst landet man sonstwo. Das Weite der Ebene mit ihren Strecken und Panoramen entfaltet sich ins Innere des Betrachters hinein, und indem es das Bewußtsein mit etwas füllt, das leichter ist als Luft, läßt es die Schritte fliegen.
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Wir kennen uns seit Jahren, und seit ebenso langer Zeit gehen wir wandern. Wir kennen uns gut genug, um einander diese Sehnsucht nicht mehr mitteilen zu müssen, wir wissen beide, was das andere denkt: einmal mit einer großen Kelle aus der Zeit schöpfen! Nicht lange planen, einfach hinauslaufen in diese weiche, gemalte Landschaft, ihr auf den Pelz rücken, an der Leinwand kratzen, bis sie ihr Geheimnis preisgibt; diese flusige, aufgeweichte Ebene überqueren und in den Bergen auf der anderen Seite verschwinden, in den Schluchten, Spalten und Falten, wo uns keiner kennt und wir sein dürfen wer wir sind.
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Aber dazu wird es nicht kommen. Selbst um einen Ausflug wie diesen müssen wir ringen. Schon zeigt sich die Kirche zum Greifen nahe, eben noch schien sie viele märchenhafte Meilen entfernt. Ruinenfenster rahmen die Ferne, halten unseren Weg an der Leine, halten ihn für Augenblicke fest, ehe wir uns abwenden; wir umrunden den Kirchenbau, tun einen Blick hinein und schließen unsere Wanderung im Ort bei Kaffee und Kuchen ab. Ringen um Zeit, ringen um gemeinsame Fluchten, abgetrotzt den prosaischen Verhältnissen. Und schon sind wir am Ziel, die Meilen haben uns betrogen, die Zeit sowieso. Wie immer denke ich, ich bin nicht wach genug gewesen.
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Auf der Rückfahrt sah ich noch einmal das grüne Dach des Wingertsturms in den Höhen, und es erschien mir absolut unglaubhaft, daß wir vor einigen Stunden dort gesessen haben sollten. Dieser Ort war in diesem Moment leer; er existierte vermutlich, aber niemand betrachtete ihn. Er war wieder so leer, wie er es war, bevor wir dort frühstückten. Es gab keine Beweise für unser Dasein, und wenn es sie gegeben hätte, wären sie nutzlos gewesen. Ein Schwarm Vögel stob vom Acker auf, das Gras leuchtete plötzlich, die flatternden Leiber funkelten in einem Sonnenstrahl. Fort war der Dunst: Das Licht meißelte Wege und Pappelreihen konturscharf aus der Tiefe der Ebenen. Oben trug der Turm seine leere Kammer zum Horizont, ehe er aus dem Zugfenster verschwand, und da war es wieder, als hätte es uns nie gegeben.
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Einen Tag später der dämmrige, nebelige, sanft verregnete Wald mit seinen steilen, tropfenden Wegen, dem vergeßlichen Laub, den schrottreifen Farnrotoren, den sabbernden Rinnsalen; das Regengetröpfel lief als Gerücht überall herum, irgendwo verbargen sich Rehe; Steine glänzten fett, wie Wahrheiten, die sich als schmucke Lügen tarnen; der winzige beobachtbare Ausschnitt der Welt war auf geheimnisvolle Weise vollständig und zugleich offen, grenzenlos, und ich dachte, daß es keinen schöneren Ort gebe auf der Erde.
Hürxberg
Man muß in allem viel wacher werden. Mit dem Ohr ganz nah ans Räderwerk der Zeit gehen, bis man die Mechanik hören kann. Die Fragen fragen lassen, bis sie von selbst verstummen. Vorsatz: Die Tagträume wieder ernst nehmen. Überhaupt mehr träumen. Wacher träumen.
Musterung
Der berüchtigte Griff in den Schritt bei der Musterung („Husten Sie mal!“) ist neben der subtilen Demütigung eine symbolische Aneignung, rituelle Besitzergreifung. Die Geste besagt, Schau her, wir, der Staat, dürfen dir ungestraft an die Eier fassen, und du kannst gar nichts dagegen tun; auf unseren Wink mußt du die Hose herunterlassen, vor uns bist du nackt bis in die intimsten Stellen; unserem prüfenden Griff entgeht nichts: Du gehörst uns ganz. So ist der Griff nach den Testikeln, vollkommen überflüssig zur Feststellung der Wehrtauglichkeit, als ein Vor-Griff zu verstehen, auf die echte, die totale Verfügung, wenn im Ernstfall derselbe Staat den jungen Mann kraft dieser Verfügungsgewalt schwerer Verwundung, Verkrüppelung oder dem Tod preisgibt, sobald es seinen, des Staates, Zwecken dienlich ist.