Goethes Palmyra

In der Italienischen Reise gelesen, zweiter Romaufenthalt. Darin die Erwähnung einer Zeichnung, auf der die Ruinen der Stadt Palmyra abgebildet sind. Merkwürdiges Gefühl, sich zu vergegenwärtigen, daß diese Ruinen im September des Jahres 1787 noch existierten, so daß Goethe vom Gegenstand der Zeichnung im Präsens sprechen konnte; daß sie aus dem Blickwinkel von 1787 schon uralt waren, zwei Jahrtausende auf ihrem Platz; und daß sie, immer vom Standpunkt 1787 aus, noch 228 Jahre stehen würden; und daß Goethe diese Zahl, 228, nicht bekannt war; aus seiner Sicht gab es jedenfalls keinen Grund, warum zwei Jahrhunderte nach seiner Begutachtung jener Zeichnung die Ruinen nicht mehr existieren sollten. Als Goethe davon schrieb, sollten sie noch sehr lange bestehen. Aber nicht ewig lange. Inzwischen sind sie Geschichte, und damit auch Goethes Text. Damit ist Posthum die Erwähnung des Dichters obsolet geworden. Traurig.
Die Welt ist nicht nur durch den Verlust dieser Tempelruinen ärmer geworden; man hat auch für immer das Gemeinsame mit allen Generationen vor uns verloren, für die das Bauwerk noch existierte; wir werden ihnen an dieser Stelle ab jetzt für immer etwas voraushaben, das sie nicht mehr einholen können.