Es braucht einen Moment, ehe ich begreife, was ich da eben gehört habe.
Unvermittel und unangekündigt, als wäre es nichts, hatten sie wieder eingesetzt, so heimlich, daß ich mir nicht sicher sein kann, sie nicht vielleicht schon vorgestern oder letzte Woche vernommen zu haben. Als hätten sie nicht geschwiegen so lange Zeit – wollten sie mich jetzt zum besten halten? Wann hatten sie das untereinander ausgemacht? Oder war es Bescheidenheit, die sie so ohne jedes Aufhebens und an jener unauffälligen, durch nichts aus der Menge anderer Orte herausgehobenen Stelle (ein bißchen grauweißliches Gestrüpp, eistrockenes Gras, Kiefern und Eichen im Wechsel) wieder einsetzen ließ?
Oder war es ihnen peinlich, so lange geschwiegen zu haben? – Jetzt glauben sie, es fällt keinem auf, sagt eine imaginäre Begleiterin und kickt einen Stein weg.
Ich kann mich auch getäuscht haben, und sie haben viel früher schon begonnen, so mir-nichts-dir-nichts, wie die Stimmen, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben, als sei der Winter einfach nur ein ärgerlicher Irrtum meinerseits, ihre Trillerketten genau an dem losen und versteckten Ende wieder aufnahmen, wo sie (wenn es denn überhaupt eine Pause gegeben hat) irgendwann vor ein paar Monaten (oder vielleicht auch nur Tagen, Stunden) abhanden gekommen waren. Und vielleicht war ja wirklich keine Zeit vergangen? Alles eine Verwechslung, ein wüster Traum, ein Stocken der Säfte, eine Halluzination? Wir haben hier schon immer getrillert, trillern sie, und wenn du uns nicht hörst, ist das dein Problem.
Nie eine Frostnacht, nie ein Sturm, die mürrischen Menschen nicht, die langen Nächte nicht und auch nicht die müden Nüsse und die verschrumpelten Äpfel: Alles war gestern morgen so frisch, als sei es eben ins Dasein getreten, der Frost auf den Wegen zerschimmernd wie ein Rest vorgeburtlicher Unvollkommenheit, ein Schorf, ein Überbleibsel, etwas, das sich noch glätten, aushärten, austrocknen müßte und seine vorbestimmte Form bald annähme, wie eine blitzende Libellenschwinge.
Vielleicht hatte auch nicht ich mich geirrt, sondern die Zeit selbst: Sie konnte sich ja verschluckt haben an einer Stunde oder einem schiefen Augenblick, wie es deren viele gibt; sie war gestolpert und zur Blase angeschwollen, hatte sich selbst zu labyrinthischer Vielfalt ausgetrieben … und war jetzt, in jenem Augenblick, dem nur noch Reste der Irrfahrt – Eisblumen, Baumskelette, Schneepfützen – anhafteten, und da der Buchfink wieder (genau, als wäre nichts gewesen, und es war ja auch eigentlich keine Zeit vergangen) zu trillern begann, an ihren Ausgangspunkt vor dem Mißgeschick zurückgekehrt: Ein Trillern im Baum. Und da war es wie immer.
Kategorie: O dieses ist das Thier, das es nicht giebt
Tipulidae
…
Kreuzspinne

Rosalie εν Αλσει

Erinaceus europaeus
sechs uhr morgens. mitten auf der straße sitzt im laternenlicht ein dunkles knäuel, nein, keine katze, ein igel! und sieht mir mausgrau entgegen, mit erhobener schnauze.
ich verlangsame den schritt und trete sehr vorsichtig näher. der igel sitzt und rührt sich nicht. ich komme noch näher, bis ich genau vor ihm stehe und mein dreigeteilter laternenschatten über ihn fällt. der igel schaut mich kurzichtig an und rührt sich nicht. da stupse ich ihn behutsam, damit er von der gefährlichen straße weggkommt und in den sicheren büschen der vorgärten verschwindet, er aber, wie es igel nunmal zu tun pflegen, macht seinem namen alle ehre – er igelt sich ein.
andertalb stunden später komme ich wieder an der stelle vorbei. eine schule ist in der nähe. es ist acht uhr, und die straßen wimmeln schon von rangierenden, wendenden, startenden autos, mit denen die übervorsichtigen eltern – umweltbewußt, mit biodiesel – ihre kleinen zum unterricht gebracht haben. im geiste sehe ich schon die schleifspur aus blut, gedärm, krallen und fell – aber nein, die straße ist leer. zwei drei selbstbewußtere abc-schützen kommen mir hand in hand zu fuß entgegen. dann liegen die straßen wieder still in der morgensonne, und selbst ein igel käme nun gut hinüber. nur der geruch nach biodiesel hält sich noch lange und läßt sich von die morgenbrise nicht vertreiben.
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Tipula sp.
Aufwachend unbebrillt verwaschenes strukturiertes Dunkeletwas über mir an der Wand, das gestern abend eindeutig noch nicht … sollte das … die treten sehr zahlreich auf dieses Jahr … gestern im Hausflur auch schon eines erlegt … die Wälder wimmeln davon … ohneinohnein.
Also vosrichtigster Bettdeckenzurückschlug (immerhin können die fliegen) und Ausdembettwalz, gefolgt von fingerndem Brillenaufsatz, Blick zur Wand, zur Decke, da … ach du grüne Neune! Was für ein Exemplar, das ist ja schauderhaft. Hinterleib mindestens zweieinhalb Zentimeter, die Farbe nicht graubraun, wie bei den erträglicheren Exemplaren, sondern fast tiefschwarz, der Kopf mit dem rüsselartigen Fortsatz deutlich zu erkennen, und die Beine … ein Graus.
Absolut widerlich.
Vorsichtigst genähert, um ja keinen Wegschweb mit anschließendem Umherschwirr und Verschwund in den Klüften meines unaufgeräumten Zimmers zu verursachen, dann handtuchbewehrte Faust darauf. Ende.
Ichweißichweiß, da mime ich den Naturheini und langahaarigen Töpferkursbesucher und dann so etwas. Ja, ist mir bekannt, die sind harmlos, beißen nicht, stechen nicht, sind ungiftig und wahrscheinlich vertilgen sie obendrein noch jede Menge Schädlinge. Und, klar, faszinierend sind sie, mit ihrem elfenhaft schlanken Leib, den großen halbdurchsichtigen Flügeln, dem schwirrend-langsamen Flug.
Aber ich find sie nun einmal höchst eklig. Ich kanns nicht ändern. Im Freien ist es in Ordnung. In Innenräumen bekomme ich Panikattacken.
Wie Heinz Sielmann es formuliert haben dürfte: Diese adbutiged Tierched sidd tatsächlich völlig harblos udd verdieded udsere Wertschätzugg, obwohl ibber doch viele Bedsched große Scheu vor ihded ebfidded.
(Tipula sp. Tipulidae sind die größte Familie der Ordnung Diptera (Zweiflügler), zu denen Fliegen und alle Arten von Mücken gehören. Larven knabbern gern an den Wurzeln von Setzlingen. Wirtschaftlicher Schaden eher gering. Die Imago frißt gar nichts, sondern ist mit Fortpflanzung beschäftigt.)
De nucibus
Wo immer sich in einem eng eingegrenzten Tätigkeitsbereich, sei es in der Jagd, sei es in einer Wissenschaft, sei es in einem Handwerk, ein Spezialvokabular entwickelt, kann es zu merkwürdigen Überschneidungen mit dem Alltagsgebrauch von Begriffen kommen, deren Fachwortbedeutung und deren umgangssprachliche Bedeutung mitunter stark voneinander abweichen. So meint der Jäger kein Drüsensekret der Haut, wenn er von „Schweiß“ spricht, sondern Tierblut. Der Seemann sagt „Ende“ und meint damit ein beliebiges Stück Tauwerk. Das Ruder heißt nicht Ruder, sondern Riemen, und „Ruder“ ist wiederum etwas ganz anderes.
Ein solches Auseinanderdriften kann verschiedene Gründe haben. In der Jagdsprache liegt so etwas wie eine Tabusprache vor (das Gemeinte darf nicht mit dem gewöhnlichen Wort bezeichnet werden, weil das zu jagende Tier es hören und gewarnt werden könnte); in vielen Fällen trägt die Fachsprache wohl auch dem unbewußten Wunsch der Fachleute nach Abgrenzung und Geheimhaltung Rechnung („Medizinerlatein“). In der Hauptsache entwickelt sich eine Fachsprache jedoch aus dem Bedürfnis heraus, feine Unterschiede, die der Umgangssprache gleich sind, benennen zu können („Rispe“ im Unterschied zu „Dolde“); auch bezeichnen Fachsprachen oft Gegenstände und Erscheinungen, die im Alltag nicht vorkommen („Quarks“, „Protonen“); dann wieder geht Alltagsgebrauch und fachsprachlicher Gebrauch auseinender, weil Volksklassifizierung und wissenschaftliche Klassifizierung zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, die unterschiedliche Benennung nach sich ziehen („Rot-“ und „Weißtanne“ gegenüber „Fichte“ und „Tanne“).
Ein solcher Fall liegt auch im vielzitierten Nußproblem vor. Spätestens seit Herrn Jauch läßt sich auch der Nichtbotaniker gern verblüffen, welche Früchtchen Nüsse oder Beeren sind und welche nicht. Mittlerweile hat es sich ja schon herumgesprochen, und jeder Hobbykoch, der was auf sich hält, weiß und verkündet: Erdnüsse sind keine Nüsse!
(Walnüsse, Paranüsse, Kokosnüsse übrigens auch nicht)
Warum aber nicht?
Das schöne an botanischen Klassifikationen ist, daß sie erstens exakt und zweitens erschöpfend sind (das heißt, es bleibt keine Restkategorie übrig, in die all das fällt, was unter keiner anderen Kategorie einsortiert werden konnte). Botaniker klassifizieren Fruchtformen zunächst nach zwei Grundtypen: Einzelfrüchte und Sammelfrüchte. Innerhalb der Sammelfrüchte geht die Einteilung weiter mit Schließfrüchten (die Frucht löst sich als ganzes von der Pflanze), Zerfallfrüchten (Frucht zerfällt in zwei oder mehrere Teilfrüchte) und Springfrüchte (Frucht öffnet sich zur Reife noch an der Pflanze und gibt die Samen frei). Nüsse gehören nun (wenn es sich um Einzelfrüchte handelt) zu den Schließfrüchten. Für deren weitere Einteilung ist nun die Form der Fruchtwand (das sogenannte Perikarp) entscheidend. Ist diese durchgehend fleischig, spricht man von einer Beere. Beeren im botanischen Sinn sind etwa Heidelbeere, Tomate, Gurke, Melone. Differenziert sich das Perikarp in einen inneren Steinkern und einen äußeren fleischigen oder faserigen Teil, spricht man von einer Steinfrucht. (Um eine Scheinfrucht hingegen handelt es sich etwa beim Apfel, weil beim Fruchtaufbau nicht nur der Fruchtknoten, sondern noch andere Pflanzenteile beteiligt sind.)
Von einer Nuß spricht man nun, wenn das Perikarp durchgängig verholzt ist. Dies ist der Fall bei der Haselnuß, die wirklich eine waschechte Nuß ist. Auch Bucheckern, Kastanien und Eicheln sind Nüsse im botanischen Sinn.
Die Walnuß dagegen ist der Samen einer Steinfrucht. Desgleichen die Mandel, die Paranuß und die Kokosnuß.
Und die Erdnuß? Ist eine Hülsenfrucht wie die Erbse, die Bohne, die Frucht von Lupine oder Ginster. Übrigens: Erbsen liegen nicht in einer Schote, sondern in einer Hülse.
Aber das führt jetzt zu weit.
Tränenkiefer
Beim Hinausgehen fällt der Blick ins Leere. Ein Platz spannt sich, ein großer Schwung Himmels tut sich auf, wo vorher … ja, was war denn vorher hier? Hier war doch nie so viel Weite, so viel Sturzferne, hier war doch etwas, das begrenzte, dunkel war, Schatten warf. Etwas, das den Blick kleinräumig auffing. Gewächs, Blatt?fficeffice“ >
Die Weidenbäume. Jemand hat sie übernacht, so scheint es, heimlich, diebisch, verstohlen, merken solls keiner, abgehauen.
Jetzt die lächerlichen Spiegelungen des Blechs auf dem Parkplatz plötzlich so blank: ein Grinsen von lackblitzender Selbstgefälligkeit. Unbeschattet baumlos bleckt und bellt es hämisch zum Himmel empor.
Am Montag auf dem Weg zum Bahnhof drängt sich etwas zaghaft in meinen Augenwinkel, während ich an der Ampel warte, und nachdem ich den Kopf gewendet habe, will ich es erst gar nicht bemerken und brauche Augenblicke, um zu sehen: Ein Fehlen auch hier. Was fehlt, begreife ich indes sofort, vor kurzem erst hab ich ihn bewundert und mich gefragt, ob das jetzt wirklich so einer sei, dessen Name mir zwar sofort auf die Zunge springt, aber sicher bin ich mir nicht, Pinus wallichiana, und bewundert habe ich ihn, weil Nadelbäume in der Stadt oft so kränklich aussehen, so zerzaust von Rauchgas und kastriert vom Klammergriff des Asphalts an den Wurzeln. Dieser hier nicht. Voll und langnadelig glänzt sein Laub (Immer zwei Nadeln aus einem Ansatz, was ihn zu einem Vertreter der Gattung Pinus macht) und fällt wie Strähnen silbriggrünen Haars büschelweis über die Zweige. Glänzte, fiel, denn da, wo er noch vor wenigen Tagen stand, ist jetzt nur blanke Häuserfront hinter schaukelnder Straßenlaterne, nicht einmal den Stumpf haben sie gelassen, eine braunzerwühlte Erdwunde krümmt sich im jetzt leeren Vorgarten, als hätten sie, wer immer es war, die ihn umgehauen, ihn mit Stumpf und Stiel beseitigen, vernichten, ausmerzen wollen. Als wäre es nicht genug gewesen, ihn abzusägen. Als hätte er die Gabe, wiederzukommen, auszuschlagen noch einmal grün und stark und frisch aus der harzblutigen Stumpf.
Wie immer bei solchen Gelegenheiten, bei solchen Vorfällen setzt sich in mir das Gefühl fest, bis es zur Überzeugung wächst, daß alles immer weniger wird.
Drachen
Schon der Speichel eines Komodo-Warans (Varanus komodoensis) sei tödlich, erfahren wir in Douglas Adams Buch „Last Chance to See„. Auch wenn diese Echse kein Feuer speie, so habe sie jedenfalls den schlechtesten Atem aller dem Menschen bekannten Tiere.
Die im englischen mit dem weit eindrucksvolleren Namen „Komodo dragon“ bezeichnete Kreatur ist die größte lebende Echse der Erde. Es sollen Exemplare von bis zu drei Metern Länge und 100 Kilogramm Gewicht beobachtet worden sein. Vereinzelt sind schon Menschen von Komodo-Waranen angefallen und verspeist worden. Selbst die lieben Kleinen sind vor ihren Eltern nicht sicher, welche gern ihren eigenen Nachwuchs aufessen — weshalb der sich bis er ausgewachsen ist, auf Bäumen tummelt, die von erwachsenen Exemplaren nicht erklettert werden können. Man muß sich nur zu helfen wissen.
Übrigens weicht das Gewicht eines satten Warans von dem eines nüchternen erheblich ab. Das Kriechtier vermag nämlich etwa sein eigenes Körpergewicht in einer Viertelstunde hinunterzuwürgen: Fleisch, Knochen, Fell, keine Reste.
Allerdings ist es dann für gut zehn Tage satt.
Varanus komodoensis
