Delta. Hürxberg

Kaffee in der Morgenstille, mit den erschlafften Dunkelheiten, von oben, im Berg wurzelnd. Die Fenster spüren das Gewicht, die Spiegelungen darin sind müde, zerstreut. Gleich wird der Wald aus den Straßen weichen und seinen Platz oben auf dem Hügelkamm wieder einnehmen. Aus den Brunnen werden die Türme steigen, eine glücksbringende Münze auf der gefaßten Stirn.

Böschung

Ausgeklammerte Wege, aus der Steigung rollen die Pfade zurück, die spielenden Laternen nach Hause geschickt. Der Himmel, eben noch so mühsam herbeikonstruiert, zerfällt in den Pfützen zu Schlamm. Kalte Wangen, tonnenweise Luft für Pferde, am anderen Ende der Weide schlüpft der Farn unterm Zaun durch und verschwindet in der eisigen Dämmerung.

Nachdem ich gewinkt

Nachdem ich gewinkt hatte, bis dein Zug in der Kurve verschwand, und wieder zu meinem Gleis zurückgekehrt war, sah ich die zwei Ansammlungen von frischen Erdkrümeln und Schlammwürsten auf dem Bahnsteig liegen. Es waren zwei Häufchen, eng beisammen, einander überschneidend, und doch jedes für sich, ein eigener Kreis Dreck. Lange schaute ich mir diesen, wer weiß, aus welchen Feldern oder Waldwegen zusammengetragenen, hier von irgendwelchen Schuhen geklopften Lehm an. Zwei Wanderer, dachte ich, das eine Häuflein kleiner als das andere, vielleicht unterschiedlich große Stiefel, verschiedene Schuhnummern, vielleicht ein Erwachsener und ein Kind oder ein Mann und eine Frau. Die waren wohl an diesem Sonntag gemeinsam eine Strecke gewandert, mutmaßte ich, über Wege, die infolge der starken Regenfälle in der letzten Zeit durchweicht und schlammig waren. So nah, wie die beiden Häuflein beieinander lagen, konnte man vermuten, die zwei seien auch nah beieinander gestanden, während sie den Lehm von den Schuhen traten. Vielleicht hatte sich ja eins am andern festgehalten, um sich den Dreck bei angewinkeltem Bein von der Sohle zu kratzen. Oder eins hatte das fürs andere verrichtet. Vertraut müssen die beiden miteinander gewesen sein, wahrscheinlich machten sie das öfter, fühlten sich wohl in der Gesellschaft, die eins dem andern leistete, waren starke Geher, bei jedem Wetter und jeder Wegbeschaffenheit draußen. Jetzt hatten sie sich wohl müde gelaufen, spann ich meine Überlegungen weiter, und waren, nachdem sie noch die bewährten, gut eingelaufenen Stiefel vom Gröbsten gereinigt hatten, nach Hause gefahren. Ob sie wohl in den selben Zug gestiegen und gemeinsam gefahren waren, oder jedes in einen anderen Zug?, fragte ich mich und hob den Kopf nach der fernen Stelle auf dem Schienenstrang, wo der deine Minuten vorher verschwunden war.

Heilige Nacht

Vor dem Gelände, auf dem die Esel gehalten werden, hat eine Familie mit zwei kleinen Kindern eine Kerzenlaterne abgestellt. Der Mann schraubt eine Flasche zu, die Kinder scheinen etwas in den Händen zu halten, ich nehme an, sie füttern die Esel. Aber kein Esel ist zu sehen. Die Futterkrippe ist leer. Die schwarze Bremsenfalle steht da wie eine hohle Ritterrüstung. Eine offene Tasche lehnt neben der Laterne am Maschendrahtzaun, und als ich vorbeigehe, stimmt eins der Kinder ein Liedchen an, Alle Leut, alle Leut, gehen jetzt nach Haus. Alle Leut, alle Leut, immer wieder von vorne. Kurz darauf fängt es an zu regnen.

Solstitium

Weiter immer im Klang, als übten die Bäume das Atmen,
     kämen sich selbst zu Gehör, dämmernd, in Chören ein Chor.

Abend; im Auftrieb des Dunkels schwebend die Pulse der bleichen
     Larven. Im blinden Fleck tauschen die Schatten ihr Tuch.

Schneller und schneller die Zeit, das lippensiegelnde Dunkel.
     Rasch notiert noch der Schnee, was auf den Rand nicht mehr ging.

Drei kleine Geschichtchen vom Impfnachweis

Die erste Geschichte handelt davon, wie ich in einem Sportgeschäft ein paar Laufschuhe kaufen wollte. Die Tür ist verriegelt, drinnen herrscht geschäftiges Treiben. Ich drücke auf die Klingel, und umgehend öffnet ein junger Mann die Tür. Noch bevor er mich auffordert, ihm den Impfnachweis zu zeigen, habe ich in die Hosentasche gegriffen und das Papier, einen Ausdruck des EU-Impfzertifikats, ausgestellt von meiner Hausarztpraxis, komplett mit persönlichen Angaben, Datum der Impfung und QR-Code zum elektronischen Auslesen, herausgefummelt. Dieses Dokument habe ich schon oft in den vergangenen sechs Monaten vorgezeigt, in Cafés, Restaurants, beim Theatereinlaß, im Schwimmbad. Probleme gab es nie. Heute aber ist es nicht gültig.
„Wie bitte?“
„Du mußt zur Apotheke, dir dort mit Personalausweis ein Zertifikat ausstellen lassen, das du dann aufs Händie …“
Ich weise darauf hin, daß dies das Zertifikat sei, daß ich noch nie Probleme gehabt habe, ein Händie besäße ich nicht, und schließlich sei Zertifikat schließlich Zertifikat, egal ob im Händie oder auf Papier.
„Ich mache die Regeln nicht“, ist die Antwort, es werde so viel Schindluder getrieben, und Straße sei auch Straße, aber auf der einen dürfe man 130 fahren, auf der anderen nur 50.
Bevor ich die Schräglage dieses Vergleichs richtig ausgekostet habe, läßt der Verkäufer mich dann doch eintreten.
„Ich sag’s nur, fürs nächste Mal.“
Ich ziehe es vor, zu schweigen, probiere meinen Schuh, zahle und gehe.

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Im zweiten Geschichtchen entdecke ich auf dem Weg vom Sportgeschäft zur Straßenbahnhaltestelle ein paar Meter die Straße hoch ein Apothekenschild. Wenn ich schon mal dabei bin, denke ich mir und steuere die Apotheke an. Als hätten sie mich erwartet, ist am Schalter ein Schild aufgestellt: Lassen Sie sich hier Ihr Impfzertifikat ausstellen. Prima, denke ich, zeige auf das Schild, grinse mit den Augen überm Maskenrand, fummle mein ungültiges EU-Zertifikat aus der Tasche und lege es der Apothekerin vor. Ich will gerade den Ausweis zücken, da bemerke ich den irritierten Blick. Ich frage mich, was jetzt wieder fehlt. Steuernummer? Versichertenkarte? Geburtsurkunde?
Die Apothekerin dreht den Ausdruck ratlos zwischen den Fingern. „Aber was wollen Sie denn jetzt noch?“
„Na, ein gültiges Zertifikat. Im Sportgeschäft hat man mir …“
Die Apothekerin gibt mir das Papier zurück. „Papperlapapp. Das hier ist ein gültiges Zertifikat. Damit sind Sie lebensfähig. Mehr kann ich Ihnen auch nicht geben.“

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Die dritte Geschichte spielt in der Straßenbahn. Wegen meines Ausflugs zur Apotheke ist mir eine Bahn davongefahren, so daß ich zwanzig Minuten warten muß. Auf halber Strecke steigen zwei Männer und eine Frau in Warnwesten ein.
„Schönen guten Tag, Ihren Impfnachweis bitte!“
Okay, denke ich, dann wollen wir doch mal. Es ist das erste Mal, daß ich in eine der Stichprobenkontrollen gerate. Aber mir kann ja nichts passieren, ich habe es ja jetzt quasi amtlich, daß meine Papiere einwandfrei sind. Einer nach dem anderen zücken die Fahrgäste ihr Datengerät. Irgendwas aus Papier hat niemand dabei. Außer mir. Lässig halte ich dem Kontrolleur den Ausdruck hin. Mit der QR-Seite nach oben.
Wenn ich mich insgeheim auf eine weitere Diskussion gefreut haben sollte, werde ich enttäuscht. Ich hätte dem Kontrolleur auch den Impfpaß unseres Hauskaters vorlegen können, es wäre egal gewesen. So schnell, so oberflächlich hat noch nie jemand meinen Impfnachweis durchgewunken.
Als könnte der Kontrolleur freiäugig QR-Codes auslesen.

Delta

Die Nacht wurzelt im Traum wie Stühle in einem leeren Theatersaal. Blitzableiter von Kopf zu den Beinen, strecke ich mich zurück nach dem Anfang des Schlafs. Noch minutenlang kichert das Fenster an seinem neuen Platz, dann bringt es der Regen zum Schweigen, und in diesem Moment erinnert sich das Wasser wieder an mich. Eine Klaviertaste federt zurück und schnappt nach dem Schweigen. Den letzten Traum hat der Wecker noch gekannt.

The winner takes it all

Neulich Niederschmetterndes über die Paretoverteilung des Erfolgs (in der Kunst) gelesen. Das ist wieder so ein Moment, wo einem die ganze Auswegslosigkeit des Strebens schlagartig klar wird. Welche Namen fallen Ihnen als erstes ein, wenn sie drei berühmte Physiker aufzählen sollen? Wenn Nils Bohr oder Werner Heisenberg darunter sind, können die sich glücklich schätzen. Einer wird in jedem Fall darunter sein, Sie wissen schon, genau der. Sehen Sie? Schon beim zweiten muß man überlegen. Oder drei klassische Komponisten. Na? Ich möchte wetten, keine Dreieinigkeit wird ohne Mozart auskommen. Es ist wie mit den größten Städten der Welt, den verlustreichsten Kriegen, dem Zipf’schen Gesetz. Nach einer Handvoll Megastädten kommen ein paar hundert moderate Metropolen, tausende mittlere und kleine Städte, während es Millionen und Abermillionen Dörfer und Weiler von ein paar hundert Einwohnern gibt. Trägt man die Zahl ihrer Einwohner gegen die Anzahl der Städte ab, erhält man eine steil fallende Kurve: das ist die Pareto-Verteilung. Für die Prominenz von Menschen, die Erstaunliches zuwege gebracht haben, gilt dasselbe. Mozart, Bach, Beethoven, Haydn fallen jedem als erstes ein, aber wie ist es mit Telemann, Bruckner oder Weber? Wohl gab es ein Mozartjahr, ein Mercadantejahr (1995 hätte man den zweihundertsten Geburtstag des Komponisten, der mehrere dutzend Opern verfaßte, begehen können) gab es nicht. Sehr wenige an der Spitze vereinen alle Aufmerksamkeit auf sich, die überwiegende Masse muß sich mit den Tischkrümeln zufriedengeben. Die Frage ist interessant — wenn auch müßig — warum das so ist. Mit Qualität hat es nicht unbedingt etwas zu tun. Die Frage, wer der bessere Komponist ist, Beethoven oder Sibelius, ist nicht sinnvoll beantwortbar, auch nicht, ob Elgar bessere oder schlechtere Musik als Mozart geschrieben hat. Vielleicht ist es ein Phänomen der positiven Rückkopplung, und Aufmerksamkeit zieht neue Aufmerksamkeit nach sich, so wie große Städte mehr Menschen anziehen als kleine, wodurch die großen noch größer werden. Ab einem bestimmten Punkt können sie dann nicht mehr eingeholt werden. Einen Gegeneffekt, der bewirken würde, daß Städte ab einer bestimmten Größe wieder schrumpfen, weil es den Menschen dort irgendwann zu voll wird, so daß sie abwandern, scheint es auch nicht zu geben. Eine Kraft des Vergessens, die bewirken würde, daß, wer einmal weltberühmt ist, wieder an Aufmerksamkeit verliert, ist noch viel weniger denkbar. Daraus folgt auch, daß man sich abstrampeln kann, wie man will, man wird kein zweiter Mozart werden, niemand, niemals. Dabei wäre ja, gerade in einer Welt, in der ständig von Filterblasen die Rede ist, auch eine Situation denkbar, in der es keinen großen Künstler mehr gibt, den wirklich alle kennen. Stattdessen zerfiele die gesamte Kunst- und Kulturlandschaft in lauter Provinzen mit ihren jeweiligen lokalen Größen: weltberühmt in Detmold und Umgebung. Aber schon auf Youtube-Kanäle oder einzelne Videos trifft das nicht zu. Auch die Klicks von Youtube-Videos dürften Pareto-verteilt sein.

Und natürlich wäre die Prominenz von Künstlern innerhalb ihrer Provinz ebenso Pareto-verteilt. Es könnte aber partielle Überschneidungen zwischen den Provinzen geben, so daß, wer ein Nobody in der einen wäre, in einer benachbarten Provinz auf Rang eins käme. Im Extremfall stellte jedes Individuum eine solche Provinz dar. Befragte man dann 100 Personen nach den drei Komponisten, die ihnen als erstes einfallen, bekäme man hundert unterschiedliche Antworten. Freilich wäre das dann eine Welt, in der es gar keine Prominenz mehr gäbe; denn was ist Prominenz anderes als, ganz vielen Menschen gleichzeitig bekannt zu sein? Immerhin ließe sich noch etwas dazwischen denken, wo man unter den ersten drei erfragten Komponisten und Physikern nicht immer wieder die gleichen drei oder vier oder fünf als Antwort erhielte sondern drei aus einer Bandbreite von sagen wir hundert. Aus der Sicht des Individuums betrachtet heißt das auch, daß es kaum verbindliche Prominenz zu geben scheint. Das Individuum fände dann die eigene Rangfolge (Mozart, Bach, Beethoven; Einstein, Planck, Heisenberg) in anderen Individuen nicht mehr gespiegelt, es müßte damit rechnen, bei seinen Zeitgenossen (oder bei Menschen vergangener Generationen) auf ganz andere Rangfolgen zu stoßen. In gewisser Weise wäre das verwirrend und anstrengend, in anderer höchst anregend. Vielleicht hätte dann Milos Forman keinen Mozartfilm sondern einen Mercadantefilm gedreht; und statt des Streifens Liebe ist relativ hätte es vielleicht einen Film Liebe ist unscharf gegeben. Statt Fuck you, Goethe hätte es dann Fuck you, Wieland geheißen usw.

Aber so ist die Welt nicht. In unserer Welt herrscht die Paretoverteilung der Prominenz. Warum schreibe ich darüber, warum denke ich darüber nach? Weil es niederschmetternd ist. Die unausweichliche Klarheit der Zahlen: So ist es, so liegen die Dinge, ihr Gerüst, unverstellt vom Zierat irgendwelcher Erzählungen, mit denen wir sie so lange verfremden, bis es uns tröstend paßt. Auch du kannst es schaffen. Es zählen doch die inneren Werte. Patrick Süßkind ist auch lange verkannt worden. Blablabla. Es erinnert mich an die Unumstößlichkeit der Zahlen, die die Naschigkeit von Frauen bei der Partnerwahl belegen. Gottlob ist die Paretoverteilung der sexuellen Attraktivität irrelevant, weil selbst für Männer irgendwann Schluß ist — die Zahl möglicher oder auch nur wünschenswerter Partnerschaften ist selbst für Männer, die beliebig wählen können, sehr viel geringer als die Zahl der bereitwilligen Frauen. Aber Aufmerksamkeit kann man als Künstler nie genug haben. Sagt Ihnen der Name Bernhard Kellermann etwas? Marta Karlweis? Ann-Charlott Settgast? Leonhard Frank? Das sind nur vier von Tausenden von Schriftststellerinnen und Schriftstellern, die zu ihrer Zeit erfolgreich waren. Bis man unvergeßlich weit oben ist, kann man nur allzu leicht wieder vergessen werden.

Aequinoctium

Mittag, ermattetes Feld. gestohlenes Licht von den Höfen.
     Zeichen, in Staub geritzt. Falken, Fermaten des Winds.

Felder, ein Zögern von Vögeln, wie rückwärts gesprochene Wörter.
     Mittags, im fliehenden Schwarm, löschten den Anfang sie aus.

Hufschläge, langsamer jetzt, ganz nahe, hinter der Hecke.
     Zeit, die sich selbst überrascht: Silben, aus Später geschöpft.

Hürxberg am Ellerntubel

Ort und Zeit, die einst eine Einheit bildeten, klaffen mir immer weiter auseinander. Wenn ich hier in Hürxberg den Wald aufsuche, finde ich meinen Lieblingswald und einen Ort, an dem mir wohl ist, der mein Lebensgefühl stärkt; was ich aber eben auch zu finden hoffe, ist der Anschluß an frühere Zeiten, in denen ich hier glücklich war, und die deshalb mit diesen Wegen verknüpft sind — das entzieht sich, das ist unerreichbar. Als könnte das Glück noch einmal und immer wieder daraus geschöpft werden, daß ich den Ort als vermeintliche Quelle des damaligen Glücks wieder und wieder aufsuche. Dabei ist es wohl umgekehrt. Ich war aus anderen Gründen glücklich damals, und dieses erhabene Lebensgefühl hat sich auf den Ort übertragen. Dieses übertragene, abgefärbte Glück ist nirgends mehr zu finden, man kann es nur erinnern. Es ist unser Schicksal, daß wir in Zeiten des Glücks nie in unserem Glück sind, nie diejenigen, an die wir uns später als Glückliche erinnern werden. Nie diese Glücklichen, nie an diesem Ort.

Die beiden Passagiere in der RB48 nach W-Oberbarmen, zwei junge, dem ersten Eindruck nach gebildete Frauen von sehr gepflegter Erscheinung sprechen über Schmuck. Über Ohrlöcher und Ringe, über verschiedene Materialien, über Titan, Gold, Silber und ganz kleine Diamanten. Unfreiwillig höre ich, ganz in der Nähe den einzigen bequemen Stehplatz in Anspruch nehmend, dem Gespräch zu. So lange die Fahrt dauert, geht es um nichts anderes. Eine halbe Stunde Ringe, Ringe, Ringe, als wären die beiden bei einem Symposium der Innung rheinischer Juweliere. Ich denke mir unwillkürlich, Männer hätten ganz andere Gespräche. Aber worüber würden zwei junge, gebildete Männer sprechen? Betriebssysteme? Autos? Die geplante Rafting-Tour? Es kommt mir alles wie ein Klischee vor, zumal ich selber weder über Betriebssysteme, noch über Autos oder Rafting-Touren reden würde. Aber manche Klischees sind nicht nur Klischees sondern eben auch die Wirklichkeit. Ist es nicht ein Klischee, daß zwei Frauen über Schmuck palavern? — Erst beim Aussteigen, als ich mich an ihnen vorbeizwänge, um endlich einen Sitzplatz zu ergattern, haben sie das Thema gewechselt, geht es um einen Mann und was für eine Beziehung der mit einer der beiden will oder nicht will, und ich denke, Männer hätten wirklich ganz andere Gespräche, und ich denke auch, aha, Bechdel-Test im letzten Moment doch nicht bestanden.

Handle stets so, daß die Maxime deines Wollens, etc.

Im thüringischen Sonneberg hatte die Stadtverwaltung die Idee, Impfzögerer mit einer kleinen Verführung zu ködern. Sie verknüpften das Impfangebot mit der Darreichung einer Delikatesse. Wer sich impfen ließ, bekam neben der Spritze eine Bratwurst noch dazu. Voller Erfolg, die Impfquote stieg deutlich. Worauf sich im Internet ein Schwall Häme über die verführten Sonneberger Impffrischlinge ergoß. Im Gegensatz zu dem Zwischenrufautor auf WDR3, der wiederum diesen Spott scharf kritisiert (die Aktion habe Erfolg gehabt; die Spötter hätten keine Ahnung von Psychologie; die inkriminierte Bratwurst sei eine qualitativ hochwertige Spezialität; und wer erlaube sich bitte ein Urteil darüber, mit welchen Drogen sich die Zeitgenossen durch den Tag hülfen?), im Gegensatz zu dieser Milde also teile ich zwar nicht die Häme (jedenfalls nicht öffentlich), wohl aber die Haltung und Denkweise der Spötter. Ihr und mein Anspruch ist nämlich, eine Entscheidung wie die, daß man sich impfen läßt, rational zu treffen und nicht von der Darreichung einer Delikatesse abhängig zu machen. Es geht hier um nichts weniger als den Unterschied zwischen einer utilitaristischen (wichtig ist, was hinten rauskommt) und einer Pflichtethik (wichtig ist, was vorne reinkommt). Ich und die Spötter, wir wünschen uns nicht nur, daß die Menschen das Richtige tun, sondern daß sie es auch aus den richtigen Gründen tun. Nicht weil die Bratwurst winkt, sondern weil Einsicht herrscht. Was sind das für Menschen, die zum Impfen eine Bratwurst brauchen? Will ich mit denen in einem Gemeinwesen auskommen müssen? Wir wollen, daß die Impfzögerer auf unsere, und das heißt, auf die Seite der Vernunft zurückkehren und sich nicht von Leckerlis bestechen lassen. Denn dann lassen sie sich beim nächsten Mal vielleicht zu etwas Unvernünftigem bestechen, wenn nur etwer diesen Versuch zu machen sich herbeifindet: Begründbar ist nur die Vernunft. Überzeugend ist nur der gute Grund. Überzeugend auch dann, wenn einem gerade niemand den Arsch dafür pudert, daß man bitteschön das Richtige tut.

Da sind wir wieder, und der ganze Circus

Daß man es kaum schafft, in einer unbequemen Lage auch die darin begründeten durchaus willkommenen Nebeneffekte zu erkennen und zu würdigen. Gestern abend von dem Veranstaltungsplatz an der Kirche her Festivalgeräusche, jenes verhaßte Dröhnen, Rumpeln, Hallen, Heulen von ins Groteske verstärkter Supermarktmusik, wie es jetzt gut anderthalb Jahre nirgends zu hören gewesen ist. (Solche elektrischen Klangverstärkungen haben immer einen provokativen, hybriden Drang ins Universelle, Allgemeingültige, gräßlich.) Der Impuls in solchen Momenten, derartiges Treiben als eitles, leichtfertiges, geradezu sündiges Tun (Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand) zu verdammen — warum hat es mich in den vergangenen siebzehn Monaten nicht ein einziges Mal mit fröhlichem Ingrimm erfüllt, daß genau diese Verdammung offiziell in Kraft getreten war? Die Pandemie mit ihrem Ernst hätte ich mir doch zuvor geradezu gewünscht in Momenten wie gestern abend. Daß das sündige Treiben ein Ende finde und in einer schicksalhaften, göttlich zu nennenden Intervention des Ernstes in Flamme aufgehe, eines Ernstes, als dessen Vertreter auf Erden ich mich in meinem maßlosen Zorn zu empfinden durchaus geneigt bin.

Verschwendung

Weltweit werden etwa ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen. (Mit sehr unterschiedlichen Verteilung über die Weltregionen, von 6 kg pro Kopf und Jahr im subsaharanischen Afrika bis 115 kg pro Kopf und Jahr in Nordamerika und Ozeanien. Europa liegt bei 95 kg pro Kopf und Jahr) Okay, das ist ein Skandal, ökologisch, ökonomisch und moralisch sowieso. Ein drittel weggeworfene Lebensmittel, das entspricht, anteilig und umgerechnet, 1,4 Milliarden Packungen Spaghetti beim Getreide; 6,3 Milliarden Äpfeln beim Gemüse und 75 Millionen Kühen beim Fleisch. Jetzt stelle man sich aber mal vor, die Verbraucher beschlössen von jetzt auf gleich, nur noch so viel zu kaufen, wie sie auch essen, und die verbraucherseitige Verschwendung ginge auf Null zurück. Unter Vernachlässigung systemischer Verluste seitens der Produzenten, Verarbeiter, Groß- und Einzelhändler bedeutete das unmittelbar für den Nahrungsmittel-Einzelhandel insgesamt ein Drittel weniger Absatz. Was wäre dann? In einem Interview hat der Philosoph Peter Sloterdijk unlängst gesagt, würde sparsame Haushaltung, wie sie bis zum ersten Weltkrieg noch als bürgerliche Tugend galt, heute noch praktiziert, bräche die Wirtschaft sofort zusammen. Ich liebe solche Gedankenspiele. — Zugegebenermaßen werfe ich oft Lebensmittel weg, aus speziellen Gründen. Zum einen lebe ich in zwei Haushalten mit zwei Kühlschränken und zwei Essensplanungen. Da bleiben oft Reste, die ich beim Wechsel vom einen zum andern Haushalt nicht mitnehmen kann, die aber bis zum nächsten Wechsel sich nicht halten werden. Es ist sehr schwierig, für drei Tage Wochenende exakt so einzukaufen, daß ich satt bin und am Montag morgen alles aufgegessen ist. Irgendwas wird zuviel gewesen sein (andernfalls wäre es zu wenig gewesen), ein Kanten Brot, zwei Löffel Joghurt, eine Scheibe Wurst, ein halber Teller Suppe. Was macht man mit einem halben Teller Suppe? Zum anderen habe ich empfindliches Gedärm, und alles, was nicht sozusagen ackerfrisch ist, bekommt mir nicht. Ich habe mal eine halbe Nacht auf der Toilette verbracht, weil ich Muffins mit (gustatorisch wie olfaktorisch völlig unauffälliger) Buttermilch zubereitet habe, die eine Woche überm Datum war. Alle im Haushalt haben davon gegessen, Probleme hatte nur ich. Zum dritten habe ich einen kleinen Magen, in den nicht viel reinpaßt. Tatsächlich paßt so wenig hinein, daß es unmöglich ist, exakt so viel zu kochen, daß ich geleerten Tellers genau so satt bin, daß es sich gut anfühlt. Ich esse sehr ungern einzig zum Zwecke, daß der Teller leergegessen ist, über diesen Punkt hinaus. Denn danach ist mir unwohl. So kommt es eben auch, daß oft ein halber Teller Suppe, siehe oben, übrigbleibt. Natürlich ist es ökologischer und wirtschaftlicher, für eine Großfamilie von zwanzig Personen zu kochen, zumindest dann, wenn alle das gleiche essen und man nicht auf Veganer, Vegetarier, Frutarier, Glutenempfindliche und Erbsproteinallergiker Rücksicht nehmen muß, die alle einen eigenen Teller kriegen. Aber ein Leben in Großfamilien kriegen wir wohl nicht mehr hin, das ist vorbei. In meiner Familie kriegen wir es ja nicht einmal hin, daß alle zur gleichen Zeit essen. Umso wichtiger ist es aber gerade für Singlehaushalte, das Essen sorgfältig zu planen und nach den vorhandenen Möglichkeit abfallfrei zu wirtschaften. Denn Essen wegzuwerfen, bleibt ein Skandal.

Alphitobius diaperinus

In einem alten Kinderbuch (William Judson, In den Wäldern am kalten Fluß) muß ein Geschwisterpaar nach dem Unfalltod des Vaters sich zu Beginn des Herbstes ganz alleine durch die Wildnis zum hunderte Meilen entfernten Heimatort durchschlagen. Ein paar Vorräte können sie mitnehmen, aber das reicht natürlich nicht. Wovon ernährt man sich so, in der Wildnis? Pilze? In einer Szene, die mir besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben ist, klaubt Lizzy, die ältere der beiden, den Ratschlägen des sterbenden Vaters folgend, fette Maden von der Unterseite eines Steins … in einem Eintopf mit einem Rest Bohnen aus den mitgebrachten Vorräten gekocht, geben sie ein nahrhaftes, fett- und eiwißreiches Essen ab…

Nun ja, also. Buffalowürmer sind nicht so sehr verschieden von dem, was man in der Wildnis unter Steinen findet. Zwar haben wir solche Nahrung nicht mehr zum Überleben nötig, aber allenthalben ist ja die Rede davon, daß Insekten für eine wachsende Menschheit — klimagünstig, ressourcenschonend, wassersparsam — die Eiweißquelle der Zukunft darstellen.

In der Annahme und der Hoffnung, das ungewohnte Nahrungsmittel könnte irgendwas mit Fleisch zu tun haben (etwa nach Huhn schmecken oder wenigstens nach Garnele), habe ich also beherzt zugebissen und die Maden geknuspert. Nun. Gewöhnungsbedürftig ist es nicht, im Gegenteil. Es ist sogar ein bißchen zu gewöhnlich. Eine Antiklimax. Die Konsistenz ist knurpsig, vergleichbar mit der von geröstetem Leinsamen, der Geschmack … erinnert an Pilze, Schopftintlinge, begleitet von einer Getreidenote. Immerhin, zwei Eßlöffel der haferkorngroßen Tierchen machen sich, mit Knoblauch in Öl geröstet und in einer Tasse Reis mitgekocht, geschmacklich und konsistenziell als gewisser aromatischer Kauwiderstand schon bemerkbar. Es braucht aber eine Weile, ehe ich darauf komme, woran mich der Geschmack am ehesten erinnert: an Wildreis nämlich. Nicht nur der Geschmack, auch die Knurpsigkeit der Maden ähneln Zizania aquatica am meisten.

Alphitobius diaperinus mit Reis und Brocholi

Und das war’s auch schon. Das Nahrungsmittel der Zukunft? Mag ja sein, aber eine klimagünstige Fleischalternative ist das höchstens in einem industriell verarbeiteten Burger, und dann, na ja, kann man auch gleich chemisch modifiziertes Erbsprotein aus dem Labor zu sich nehmen. So groß ist der Eiweißmangel nun nicht, daß man unbedingt zu diesen Tierchen greifen müßte; und wenn ich Weildreis schmecken will, kann ich auch Wildreis essen. Mal ganz davon abgesehen, daß Wildreis vielleicht für ein zwanzigstel des Betrags zu haben ist, den man für diese invertebrate …. Delikatesse hinblättern muß.

Ins Licht gehoben, aus einem warmen Tümpel. Hier und da noch Reste von schrumpfendem Wasser, durch das Lichter spielen. Die Strömung wechselt Farbe und Richtung, während sie von den Knöcheln gleitet. Vor dem Fenster streckt sich das Trockene wie ein Papierknäuel, das man auseinanderzieht, und Sonne springt funkenhaft heraus, wo die sich die Knitterfalten glätten.