Emma


Emma ließ das Buch sinken, blinzelte und rieb sich die Augen. Nicht schon wieder, dachte sie. Sie lauschte einen Moment, dann beugte sie sich wieder über ihr Buch. Vielleicht ließe er sie ja noch den Satz zu Ende lesen. Weiterlesen …

non gaudio sed vitae

Beantragung eines Lehrerwechsels durch Frau Γι., W.s Mutter. Mögen sie glücklich werden mit einem anderen! Ich glaube es nicht. Abgesehen davon: schade. Ich mochte das Mädel, auch wenn es mit Latein auf dem Kriegsfuß steht und sich bis zuletzt standhaft weigerte, meine Eintrichterungen im Kopf zu behalten oder meine Ratschläge zu beherzigen. Ich werde die Stunden vermissen, und erst recht vermisse ich W. Wie ich sie ja fast alle vermisse, die irgendwann mal mit mir in ein Lateinbuch geschaut haben. Es ist nur natürlich, daß das Vermissen in den seltensten Fällen in beide Richtungen geht; aber so ist des Lehrers Leben nunmal. Dem liegt ja die Jugend stets mehr am Herzen, als der Jugend der Lehrer am Herzen liegt. Wir kümmern uns, wir machen uns Sorgen, wir wünschen den Erfolg der jungen Menschen, wir bangen und fiebern und leiden mit und freuen uns, wenn etwas gelingt. Und dann spazieren diese Menschen am letzten Schultag aus unserem Leben, um ihr eigenes zu beginnen, und wir, wir sind ja schon längst in dem unseren, und es ist eben, wie es ist, so erfolgreich oder erfolglos, wie es halt wurde. Ihre Geschichte beginnt, in der wir eine kurze Gastrolle spielen durften; unsere eigene, es fühlt sich in solchen Abschieden an, als wäre sie schon lange zu Ende.

Eine andere Sache ist der Mißerfolg, natürlich. Und daß ich raushören kann: „Mit dir hat es keinen Spaß gemacht.“ — Da hilft leider auch nicht die Einsicht, daß es darum, um Spaß nämlich, gar nicht geht. Daß Spaß beim Nachhilfeunterricht ein recht steiler Anspruch vom Schüler an den Lehrer ist. Und wenn ich es genau bedenke, so ist die Forderung, das Lernen müsse selbst und allein für sich schon Spaß bereiten, generell ein steiler Anspruch — an Lehrer, an Institutionen, an Methoden, an Lehrmittel. Dabei ist überhaupt nicht einzusehen, warum das Lernen Spaß machen sollte. Der Zweck des Lernens liegt in der Regel außerhalb seiner selbst. Der Zweck des Lernens ist nicht das Lernen selbst, sondern die erworbene Fähigkeit, und was sich mit dieser ins Werk setzen läßt. Ich lerne schreiben, damit ich, was unter günstigen Umständen Spaß macht, Gedanken schriftlich niederlegen kann, nicht weil schon das Kritzeln lauter Reihen mit a und e unterhaltsam wäre. Ich lerne stricken, damit ich einen Pullover herstellen kann, nicht weil die mühsame Aneignung von Maschen und Mustern schon Spaß machte. Wenn es bereits Spaß macht, dann ist das allenfalls eine nette Zugabe. Lernen ist kein Selbstzweck, andernfalls hieße es nicht lernen. Lernen hat immer ein Ziel, sonst ist es keines. Mag sein, dieses Ziel wird besser und schneller erreicht, wenn das Lernen Spaß macht, vielleicht ist aber auch das Gegenteil der Fall. Spaß muß Lernen im Grunde nur dann machen, wenn der Zweck des Lernens nicht einsichtig ist. Mit Spaß locken muß ich nur, wenn das Lernziel selbst nicht lockt. Lerne daraus jeder, dies auf unser Schulsystem anzuwenden und seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Im Bus

Der junge Mann, Schüler noch, sicher unter achtzehn, der seiner gleichaltrigen Freundin im Bus die Schuhe bindet, ihre Beine über seine gelegt, hingebungsvoll, achtsam, sorgfältig, gründlich, mit geübter Hand wie ein Schuhverkäufer, als wäre er genau dafür in die Lehre gegangen. Ein Experte. Wie er die Riemen erst lockert, bis zu den Zehen hinunter, um dann die Schnürung von Grund auf neu zu straffen, hat sein planvolles Vorgehen absolut nichts Anzügliches. Die keusche Zärtlichkeit, die dabei mitschwingt, liegt nicht im Vollzug selbst; sie wird spürbar (ich kann die Augen nicht lassen von den beiden) in der Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn bittet, mit der er sich ans Werk macht. Es ist klar, er tut das öfter, sie haben darin ein Ritual. Ihr die Schuhe zu schnüren, gehört zu seinen Aufgaben, einfach, weil er es am besten kann. (Er hat eine besondere Technik, die Schleife zu knüpfen, indem er nämlich aus jedem Ende ein Auge abgreift und in diese Schlaufen einen Knoten legt. Am Ende ist der auf Slip gelegte Kreuzknoten perfekt, so wie er richtig geht.) Es ist einer der Wege dieses ganz ganz jungen Paares, einander nahe zu sein und zu beschenken: Sie ihn, indem sie ihn um den Dienst bittet; er ihr, indem er ihrer Aufforderung mit souveräner und beiläufiger Professionalität nachkommt, umso liebevoller, je selbstverständlicher.

weg

Das Bedürfnis, einfach abzuhauen. Tür ins Schloß fallen lassen, den Schlüssel in den Briefkasten werfen, auf der Straße kleiner werden und verschwinden. Einfach nicht mehr wiederkommen. (Sollen sich die Dinge bitteschön von alleine regeln. Meistens tun sie das ja sowieso. Aber für diesen zumeist langwierigen und schmerzlichen Prozeß brauchen sie doch eigentlich nicht mich als Zeugen, im Gegenteil, die Dinge regeln sich am besten von alleine, wenn eine Weile niemand hinschaut.) Ich sehe mir dabei zu, wie ich um die Häuserecke biege und fort bin, fort für lange. Vielleicht für immer. Wahrscheinlich für immer. Einmal hätte ich es fast gemacht, in einer Stadt am Beginn des Jahrtausends, in der ich es nicht mehr aushielt. Ich hatte sozusagen die Tasche schon gepackt, mich nach einem Ticket erkundigt, halb entschlossen, abzureisen, während die, deretwegen ich mich dort aufhielt, auf der Arbeit wäre. Und dann habe ich es doch wieder ausgehalten. Die Stadt, die Wohnung, die Frau, mit der ich lebte, mein Leben. Es wäre ein leichtes gewesen, einfach in den Bus zu steigen und weg zu sein. Ich war jung genug, frei genug, mutig genug. Warum habe ich es nicht getan? Vielleicht, weil meine Motive zu klar gewesen wären, zu durchsichtig, sie hätte mich verstanden und durchschaut, das wollte ich noch weniger, als in der Stadt bleiben. Vor kurzem las ich ein Buch, Weit über das Land von Peter Stamm; darin geht es genau darum, ums Verschwinden. Jemand spaziert einfach aus der geordneten Welt heraus, dem geordneten Leben, das er sich geschaffen, vielleicht aber auch nur geschehen gelassen hat. Ein Mann und eine Frau, ein Paar, wohlhabende Eltern zweier kleiner Kinder, sitzen, von einer Urlaubsreise heimgekehrt, an einem späten Sommerabend zusammen im Garten und trinken Wein. Es ist ein Abend wie viele andere, nichts ist passiert, es hat keinen Streit gegeben, keine Mißstimmung, der Urlaub ist schön gewesen, sie haben es gut, nichts bereitet auf das vor, was gleich passiert. Während die Frau kurz nach den Kindern schaut, stellt der Mann das Weinglas ab, steht auf und verläßt den Garten; er geht los, über den Gartenweg, zur Straße und weg, um nicht mehr wiederzukommen. Nichts davon ist geplant; wir lernen seine Motive nicht kennen; er kehrt erst Jahrzehnte später zurück, aber ob das überhaupt eine Heimkehr ist, bleibt offen. — Nachdem ich es gelesen hatte, war ich sehr melancholisch, und ich weiß nicht, was mir größere Traurigkeit machte: nicht selbst auch schon verschwunden zu sein; oder die Aussicht, es vielleicht eines Tages wirklich zu tun. Nur, und das ist eine weitere enttäuschende Erkenntnis über mich selbst: Menschen, die zu so einem Schritt ins Freie imstande sind, schwafeln nicht oder schreiben Blogeinträge übers Verschwinden — sie haben es schon getan und sind längst weg.

Möglicherweise war’s das dann. (2)

Ja, was haben wir eigentlich geglaubt, damals, als das Internet jung war? An die reine Menschenfreundlichkeit? An den Spieltrieb des Menschen? An seine reine Freude daran, etwas zu schaffen? An die Möglichkeit, daß es ein kreatives Tun jenseits der Systeme von Leistung und Entgelt geben könnte? An die Möglichkeit, endlich ein Publikum zu finden, unabhängig von Papier, Verlag und Vertrieb? Haben wir wirklich geglaubt, all diese schönen Angebote, von Zeitungen über Kartenservices und Suchmaschinen bis zu Blogs und Videokanälen seien umsonst, weil sie nichts kosteten?

Ja, das glaubten wir wirklich. Wie konnten wir so naiv sein? Wie konnten wir unser Erstaunen darüber, daß all diese bunten Dinge einfach so zu haben waren, als wären sie vom Himmel gefallen, wie konnten wir dieses Erstaunen nur so gekonnt beiseiteschieben? Wie konnten wir den Fehler machen, unser eigenes Engagement, unsere eigene reine Schaffensfreude, unsere eigene Bereitschaft, von den Fesseln und Rahmenbedingungen des real life befreit, etwas Schönes um seiner selbst Willen ins Werk zu setzen, auch bei den Machern von Google oder WordPress zu vermuten? Jetzt wundern wir uns und reiben uns die Augen, und das schon seit einer ganzen Weile. Das letzte Wunder kann man jetzt vielleicht auf WP erleben: Die Plattform plant die Einführung sogenannter sponsored articles, das ist eine originelle Bezeichnung für parasitäre Texte, die ohne Kontroll- oder Einspruchmöglichkeit des Bloginhabers, ja ohne sein Wissen von der Plattform zwischen die Originalbeiträge gestreut werden und nichts anderes sind als Werbung im Gewand eines Blogeintrags. Man könnte auch sagen, im Pelz eines Blogartikels. Das ist ungefähr so, als gehörte zu meinem Mietvertrag, daß ich zweimal die Woche mein Wohnzimmer als Verkaufsfläche für Modeschmuck oder Händies freimachen müßte. Nur, und das ist der Punkt, daß es die Wohnung nicht umsonst gibt. (Worüber man durchaus reden könnte; schließlich sind Straßen, der Dienst von Lichtsignalanlagen, Brücken, Unterführungen, Straßenlaternen, Schulen und Universitäten, Parks und Parkbänke und vieles andere auch umsonst, bzw. durch Steuern finanziert.)

Ich habe von Anfang an nicht begriffen, wie es sein kann, daß ein bloßes Rahmenwerk wie eine Blogplattform etwas kosten solle. Schließlich tritt auch der Papierwert eines Buches gegenüber seinem kreativen Inhalt vernachlässigbar zurück. Papier und Druckmaschinen, das waren die Erfordernisse des real life, die wir, als wir anfingen, das Medium auszutesten, für überwunden glaubten. Daß Inhalte wie etwa Zeitungstexte kostenpflichtig sind, das leuchtete mir ein (umso weniger verstand ich, warum man sie – damals – umsonst bekam); was mir nicht einleuchtete, war, daß ich als Autor in der gleichen Weise der Abnehmer einer Dienstleistung sein sollte wie als Leser.

Ich möchte mich und zahllose Mitstreiter auf dieser und anderen Plattformen durchaus als Kulturschaffende, wenn nicht gar als Künstler, mithin das, was wir hier tun, als Kunst- und Kulturleistung auffassen. Was wir hier einstellen, haben wir mit Sorgfalt und einigem Schweiß gestaltet; es macht vielen Lesern Freude und ist, unabhängig davon, ob es uns selbst Spaß gemacht hat oder nicht, Arbeit*; kostet demzufolge Mühe, Konzentration, Zeit und, jawohl, Hingabe. Verlangen wir etwas dafür? Ich jedenfalls nicht. Ich schreibe gerne, und ich stelle es hier gerne unentgeltlich zum Lesen ein. Aber ich will dafür, daß ich etwas kostenlos anbiete, nicht auch noch zur Kasse gebeten werden.

Möglicherweise war’s das dann.

Ok, wenn WP das ernst meint damit, dann war’s das wohl. Aber Klabautermann-Beiträge über Staubsauger oder Inkontinenzunterwäsche in meinem Blog, die ich weder entfernen noch editieren kann, dulde ich nicht. Dann geh ich und schließe das hier mit einem letzten Eintrag der Kategorie o tempora o mores.

Schade.

Es wäre zu schön gewesen, wie wir damals, in den Nuller Jahren, glaubten. Als wir tatsächlich dachten, das Netz mache ein kostenloses Mittagessen für alle möglich.*

Zwanzig Jahre Mitmachprojekt


Die Wikipedia (jahrelang glaubte ich, der Name habe irgendwas mit Wikingern zu tun, vielleicht als Ausdruck von Freiheit und Subversivität) wird 20 Jahre alt. Was war den Nachrichten im WDR wert, darüber zu sagen? Das Datum des Onlinestellens; der Name des Gründers, der Ort der Gründung; und: was Kritiker ihr vorwerfen. — Nicht daß man sich nicht bemühen würde; aber gibt es das überhaupt, etwas von Menschen Ausgedachtes und Gemachtes, an das keine Kritik mehr heranreicht? Und könnte man nicht zumindest den Vorschlag machen, angesichts eines Jubiläums und eines beispiellosen Erfolgs ein einziges Mal zu würdigen ohne zu kritisieren? Man hat das Macht’s doch besser schon auf der Zunge. Es ist eine Entgegnung, von der es zu unrecht heißt, sie sei billig oder kindisch. Wer kritisiert, muß sich die Frage nach dem Gegenentwurf gefallen lassen. Das gilt insbesondere und überhaupt für ein Projekt wie die Wikipedia, das ausschließlich davon lebt, daß Kritik nicht nur geäußert, sondern gelebt wird, und zwar von jedem, der sich berufen fühlt. Dir gefällt ein Artikel nicht? Anmelden, besser schreiben. Du hast einen Fehler entdeckt? Anmelden, korrigieren. Dir fehlt ein Artikel zu einem wichtigen Stichwort? Anmelden, Artikel eintragen. Du findest Wikipedia nicht “transparent genug”? Dann melde dich an und mach sie transparenter, Herrgott! Du bist eine Frau und findest die Männer-Frauen-Ratio unter den Mitwirkenden der Wikipedia erbärmlich? Kommste selbst drauf, gell? Wer bei einem Mitmachprojekt nicht bereit ist, mitzumachen, kann sich jede Kritik daran sparen.

Unzeit


Das Jahr ist angesprungen, der Motor dröhnt, die Kolben stampfen. Los geht’s, mit Volldampf in die Zukunft, die man lieber erst gar nicht kennenlernen mag. Gestern im Büro den Kalender weggeworfen. Das Blatt zeigte den 12.3.2020, ein Donnerstag. Letzter regulärer Arbeitstag. Damals war die Vokabel in Präsenz noch unbekannt, und daß ich weder am folgenden Montag, noch Dienstag, noch Mittwoch, daß ich die ganze Woche nicht und auch den ganzen Monat nicht mehr ins Büro gehen würde; daß ich erst am Ostersonntag eine kurze Stippvisite machen würde, bei der ich den Kalender (aus Trotz? Aus Sturheit? Jedenfalls aus dem zähneknirschenden Vorsatz heraus, es erst zu tun, wenn ich wieder einen normalen Bürotag hätte, der Frage ausweichend, wen ich denn bitte mit dieser Aktion zu strafen gedächte) auch nicht aufs aktuelle Datum brachte — das war an diesem Donnerstag (jedenfalls für mich Vogel Strauß aus der subterranen Perspektive) nicht abzusehen, nicht einmal denkbar. Daß ich gar nicht mehr dazu kommen würde, weil die Zeit diesen Kalender verschlingen würde, und immer noch nichts ausgestanden wäre, das wäre allenfalls Stoff für Albträume gewesen. Und da sind wir nun. War es eine Vorahnung, die mich bei der Kalenderbestellung für 2021 den kleinen Wandkalender vergessen ließ? Was da jetzt über meinem Schreibtisch hängt, ist eine Jahresübersicht 2021, lauter unangebrochene Tage; aber kein Marker fürs aktuelle Datum, dessen Aktualisierung ich, als wollte ich die losstampfende Zeit auf Pause stellen, noch halsstarrig verweigern könnte.

Keine Zeit für Helden

Vielleicht fällt es uns auch deshalb so schwer, mit dem Virus umzugehen, weil es unsere liebsten Erzählungen durchstreicht. Der Feuerwehrmann, der in ein brennendes Haus steigt, um Eingeschlossene zu retten; Sicherheitskräfte, die eine zu schützenden Person mit dem eigenen Körper decken; der mutige Ersthelfer, der ohne zu zögern ins eisige Wasser springt, um ein ertrinkendes Kind herauszuziehen; oder auch die Wildsau, die ihre Jungen tapfer vor dem Löwen, die Löwin, die die ihren vor den Jägern verteidigt — das Motiv ist so alt wie die westliche Literatur, und nie sind diese Helden, in menschlicher oder tierischer Gestalt, bescheuerte Spinner, in diesen Erzählungen ist der Einsatz des eigenen Lebens zur Rettung anderer immer positiv bewertet — selbst da noch, wo der Retter scheitert. Ein solches Heldentum ist individuell, es hat einen Namen und ein Gesicht in den Zeitungen.

Was war Heldenmut in Zeiten der Pestilenz? Er bestand in der aufopferungsvollen Pflege der Kranken und war, aus heutiger epidemiologischer Sicht und in Anbetracht der damaligen Unkenntnis des Ansteckungsweges, grundverkehrt. Die Pfleger pflegten und steckten sich pflegend selbst an — um der Seuche daraufhin bei der Ausbreitung behilflich zu sein. Der pseudoheilige Rochus — die Geschichte schweigt davon, wie viele weitere Menschen er mit seiner Pestbeule angesteckt haben mag.

Das Virus zwingt zur Feigheit. Wer feige ist, ist gut; wer sich selbst schützt, schützt andere. Feigheit ist die neue Leittugend, das neue Heldentum. Aber was für alberne Helden bringt es hervor? Todesverachtung heißt unter den Regeln, die das Virus aufstellt, Menschenverachtung, und wer mutig ist, rettet nicht, sondern gefährdet andere. Wir würden uns gerne mutig als Teil der Lösung verstehen, dabei müssen wir lernen, uns als Teil des Problems zu sehen. Das läuft konträr zu all unseren Lieblingserzählungen, ist langweilig und empörend, verspottet die Intuition und kehrt alle Werte, die wir rund um Gefahr und Gefährlichkeit errichtet haben, um. Wir sind keine Helden, wir sind selbst die Gefahr. Wir selbst sind das Böse, seine Träger, seine Knechte.

Unser gewöhnliches Vokabular in Antwort auf Gefahr ist: trotzen, bekämpfen, Widerstand leisten. Gerade hinstehen. Schultern breit. Dem Gegner ins Gesicht lachen. Zwar wird jedem Ersthelfer im Kurs der Leitsatz eingebleut, ein toter Helfer ist ein schlechter Helfer; aber die guten Geschichten gehen anders, da finden wir Absperren und Warndreiecke eher langweilig. In den Geschichten rennen wir einfach, unserem besten inneren Befehl folgend, ins brennende Haus, verachten wir den Tod und bleiben trotzdem am Leben. Das Virus aber verbietet uns nicht nur unsere besten Instinkte (bei Bedrohung zusammenzurücken und Trost in der Nähe zu suchen); es hat auch leider keine guten Geschichten für uns, keine Erzählungen, deren Helden wir gern selber wären.

Ansichten



Dieser Tage gehört:

„Wir werden das Virus nicht besiegen, wir werden mit dem Virus leben müssen.“
(Reni K., 35, Lektorin)

„Daß tausende Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, das ist ja wohl schlimmer, als wenn ein paar Rentner, die sowieso bald gestorben wären, jetzt eben ein paar Monate eher abtreten.“ (Marcel W., 25, Landschaftsgärtner)

„CoViD-19 ist gut für die Rentenkasse.“ (anonym)

„Ich laß mir doch vom Staat nicht vorschreiben, mit wie vielen Leuten ich mich treffe!“ (Marcel W.)

Solstitium



Steine schluckten den Wind. Zum Grund zieht der Bachlauf die Wolken.
    Nacht strömt ein, im Gezweig retten sich Vögel an Land.

Letzte Schritte im Laub. Das Lauschen der Spinnen im Holzstoß.
    Aufgehängte Luft, Pein, die ein Glockenschlag löst.

Schwingen, beherztere Namen der Stille, sie ließen die Stunde
    wie sie am Boden vergeht, Lidschlag um Lidschlag zurück.

Phrasen

Wie mir bestimmte Schlagwörter (Neoliberalismus, Globalisierung, Digitalisierung, Konsumgesellschaft, Patriarchat, Klimawandel, Konzern, Gewinnmaximierung etc.) jeden Sachtext von vornherein verleiden. Sobald eins davon aufscheint, klingt es immer so, als würde jemand eine auswendig gelernte Lektion herunterbeten, nachdem alle anderen Schüler sie auch schon heruntergebetet haben. Wirklich Originelles, darf man vermuten, ist nicht mehr darunter. Wir haben schon alles durch. Es bleibt, zu handeln.

Zum Beispiel in dem Nerd-Buch von Sibylle Berg. Da steht meistensteils auch nur das, was alle anderen auch schon gesagt haben. Und bei Sätzen wie diesen etwa: “Die heutige Weltordnung stößt an ihre Grenzen. Wir überbeanspruchen die Ressourcen der Welt. Das führt zu Engpässen, Konflikten, Kriegen, Massenmigration usw. … Um [das Problem] zu lösen, bräuchten wir einen Umbau unserer Wirtschaft und Gesellschaft — und zwar weltweit” oder diesen “Wir müssen aus unserer Konsum-Lethargie ausbrechen …” (Dirk Helbing, ETH Zürich, TU Delft) denkt man ja nur noch, ach ja. Verblüfffende Lösungen jeneits von schmerzlichen Rückschnitten sind da nicht zu holen — die aber, die Schnitte nämlich, werden uns ja schon andernorts und ubiquitär um die Ohren gehauen. Nicht, daß es nützen würde. Abgesehen davon, kann man es nicht mehr hören. Man tut ja schon fast alles. Man fährt kein Auto, hat noch nie eines besessen, man fliegt nicht, man fährt Rad mit Muskelkraft, der letzte Urlaub war in Darmstadt an der Bergstraße, man besitzt kein Mobiltelephon, man trägt die Klamotten, bis sie auseinanderfallen und kauft ansonsten Kleider im Gebrauchtwarenkaufhaus, man ißt wenig Fleisch und nur saisonales Obst und Gemüse, man heizt erst ab unter 16° Raumtemperatur, man duscht ausschließlich kalt, sommers wie winters. — Und? Nix is. Es ist grad egal. Aber das nächste Buch mit dem Untertitel Wie wir den Klimawandel in den Griff kriegen erscheint sicher dieser Tage.