The winner takes it all

Neulich Niederschmetterndes über die Paretoverteilung des Erfolgs (in der Kunst) gelesen. Das ist wieder so ein Moment, wo einem die ganze Auswegslosigkeit des Strebens schlagartig klar wird. Welche Namen fallen Ihnen als erstes ein, wenn sie drei berühmte Physiker aufzählen sollen? Wenn Nils Bohr oder Werner Heisenberg darunter sind, können die sich glücklich schätzen. Einer wird in jedem Fall darunter sein, Sie wissen schon, genau der. Sehen Sie? Schon beim zweiten muß man überlegen. Oder drei klassische Komponisten. Na? Ich möchte wetten, keine Dreieinigkeit wird ohne Mozart auskommen. Es ist wie mit den größten Städten der Welt, den verlustreichsten Kriegen, dem Zipf’schen Gesetz. Nach einer Handvoll Megastädten kommen ein paar hundert moderate Metropolen, tausende mittlere und kleine Städte, während es Millionen und Abermillionen Dörfer und Weiler von ein paar hundert Einwohnern gibt. Trägt man die Zahl ihrer Einwohner gegen die Anzahl der Städte ab, erhält man eine steil fallende Kurve: das ist die Pareto-Verteilung. Für die Prominenz von Menschen, die Erstaunliches zuwege gebracht haben, gilt dasselbe. Mozart, Bach, Beethoven, Haydn fallen jedem als erstes ein, aber wie ist es mit Telemann, Bruckner oder Weber? Wohl gab es ein Mozartjahr, ein Mercadantejahr (1995 hätte man den zweihundertsten Geburtstag des Komponisten, der mehrere dutzend Opern verfaßte, begehen können) gab es nicht. Sehr wenige an der Spitze vereinen alle Aufmerksamkeit auf sich, die überwiegende Masse muß sich mit den Tischkrümeln zufriedengeben. Die Frage ist interessant — wenn auch müßig — warum das so ist. Mit Qualität hat es nicht unbedingt etwas zu tun. Die Frage, wer der bessere Komponist ist, Beethoven oder Sibelius, ist nicht sinnvoll beantwortbar, auch nicht, ob Elgar bessere oder schlechtere Musik als Mozart geschrieben hat. Vielleicht ist es ein Phänomen der positiven Rückkopplung, und Aufmerksamkeit zieht neue Aufmerksamkeit nach sich, so wie große Städte mehr Menschen anziehen als kleine, wodurch die großen noch größer werden. Ab einem bestimmten Punkt können sie dann nicht mehr eingeholt werden. Einen Gegeneffekt, der bewirken würde, daß Städte ab einer bestimmten Größe wieder schrumpfen, weil es den Menschen dort irgendwann zu voll wird, so daß sie abwandern, scheint es auch nicht zu geben. Eine Kraft des Vergessens, die bewirken würde, daß, wer einmal weltberühmt ist, wieder an Aufmerksamkeit verliert, ist noch viel weniger denkbar. Daraus folgt auch, daß man sich abstrampeln kann, wie man will, man wird kein zweiter Mozart werden, niemand, niemals. Dabei wäre ja, gerade in einer Welt, in der ständig von Filterblasen die Rede ist, auch eine Situation denkbar, in der es keinen großen Künstler mehr gibt, den wirklich alle kennen. Stattdessen zerfiele die gesamte Kunst- und Kulturlandschaft in lauter Provinzen mit ihren jeweiligen lokalen Größen: weltberühmt in Detmold und Umgebung. Aber schon auf Youtube-Kanäle oder einzelne Videos trifft das nicht zu. Auch die Klicks von Youtube-Videos dürften Pareto-verteilt sein.

Und natürlich wäre die Prominenz von Künstlern innerhalb ihrer Provinz ebenso Pareto-verteilt. Es könnte aber partielle Überschneidungen zwischen den Provinzen geben, so daß, wer ein Nobody in der einen wäre, in einer benachbarten Provinz auf Rang eins käme. Im Extremfall stellte jedes Individuum eine solche Provinz dar. Befragte man dann 100 Personen nach den drei Komponisten, die ihnen als erstes einfallen, bekäme man hundert unterschiedliche Antworten. Freilich wäre das dann eine Welt, in der es gar keine Prominenz mehr gäbe; denn was ist Prominenz anderes als, ganz vielen Menschen gleichzeitig bekannt zu sein? Immerhin ließe sich noch etwas dazwischen denken, wo man unter den ersten drei erfragten Komponisten und Physikern nicht immer wieder die gleichen drei oder vier oder fünf als Antwort erhielte sondern drei aus einer Bandbreite von sagen wir hundert. Aus der Sicht des Individuums betrachtet heißt das auch, daß es kaum verbindliche Prominenz zu geben scheint. Das Individuum fände dann die eigene Rangfolge (Mozart, Bach, Beethoven; Einstein, Planck, Heisenberg) in anderen Individuen nicht mehr gespiegelt, es müßte damit rechnen, bei seinen Zeitgenossen (oder bei Menschen vergangener Generationen) auf ganz andere Rangfolgen zu stoßen. In gewisser Weise wäre das verwirrend und anstrengend, in anderer höchst anregend. Vielleicht hätte dann Milos Forman keinen Mozartfilm sondern einen Mercadantefilm gedreht; und statt des Streifens Liebe ist relativ hätte es vielleicht einen Film Liebe ist unscharf gegeben. Statt Fuck you, Goethe hätte es dann Fuck you, Wieland geheißen usw.

Aber so ist die Welt nicht. In unserer Welt herrscht die Paretoverteilung der Prominenz. Warum schreibe ich darüber, warum denke ich darüber nach? Weil es niederschmetternd ist. Die unausweichliche Klarheit der Zahlen: So ist es, so liegen die Dinge, ihr Gerüst, unverstellt vom Zierat irgendwelcher Erzählungen, mit denen wir sie so lange verfremden, bis es uns tröstend paßt. Auch du kannst es schaffen. Es zählen doch die inneren Werte. Patrick Süßkind ist auch lange verkannt worden. Blablabla. Es erinnert mich an die Unumstößlichkeit der Zahlen, die die Naschigkeit von Frauen bei der Partnerwahl belegen. Gottlob ist die Paretoverteilung der sexuellen Attraktivität irrelevant, weil selbst für Männer irgendwann Schluß ist — die Zahl möglicher oder auch nur wünschenswerter Partnerschaften ist selbst für Männer, die beliebig wählen können, sehr viel geringer als die Zahl der bereitwilligen Frauen. Aber Aufmerksamkeit kann man als Künstler nie genug haben. Sagt Ihnen der Name Bernhard Kellermann etwas? Marta Karlweis? Ann-Charlott Settgast? Leonhard Frank? Das sind nur vier von Tausenden von Schriftststellerinnen und Schriftstellern, die zu ihrer Zeit erfolgreich waren. Bis man unvergeßlich weit oben ist, kann man nur allzu leicht wieder vergessen werden.

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