Verschwendung

Weltweit werden etwa ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen. (Mit sehr unterschiedlichen Verteilung über die Weltregionen, von 6 kg pro Kopf und Jahr im subsaharanischen Afrika bis 115 kg pro Kopf und Jahr in Nordamerika und Ozeanien. Europa liegt bei 95 kg pro Kopf und Jahr) Okay, das ist ein Skandal, ökologisch, ökonomisch und moralisch sowieso. Ein drittel weggeworfene Lebensmittel, das entspricht, anteilig und umgerechnet, 1,4 Milliarden Packungen Spaghetti beim Getreide; 6,3 Milliarden Äpfeln beim Gemüse und 75 Millionen Kühen beim Fleisch. Jetzt stelle man sich aber mal vor, die Verbraucher beschlössen von jetzt auf gleich, nur noch so viel zu kaufen, wie sie auch essen, und die verbraucherseitige Verschwendung ginge auf Null zurück. Unter Vernachlässigung systemischer Verluste seitens der Produzenten, Verarbeiter, Groß- und Einzelhändler bedeutete das unmittelbar für den Nahrungsmittel-Einzelhandel insgesamt ein Drittel weniger Absatz. Was wäre dann? In einem Interview hat der Philosoph Peter Sloterdijk unlängst gesagt, würde sparsame Haushaltung, wie sie bis zum ersten Weltkrieg noch als bürgerliche Tugend galt, heute noch praktiziert, bräche die Wirtschaft sofort zusammen. Ich liebe solche Gedankenspiele. — Zugegebenermaßen werfe ich oft Lebensmittel weg, aus speziellen Gründen. Zum einen lebe ich in zwei Haushalten mit zwei Kühlschränken und zwei Essensplanungen. Da bleiben oft Reste, die ich beim Wechsel vom einen zum andern Haushalt nicht mitnehmen kann, die aber bis zum nächsten Wechsel sich nicht halten werden. Es ist sehr schwierig, für drei Tage Wochenende exakt so einzukaufen, daß ich satt bin und am Montag morgen alles aufgegessen ist. Irgendwas wird zuviel gewesen sein (andernfalls wäre es zu wenig gewesen), ein Kanten Brot, zwei Löffel Joghurt, eine Scheibe Wurst, ein halber Teller Suppe. Was macht man mit einem halben Teller Suppe? Zum anderen habe ich empfindliches Gedärm, und alles, was nicht sozusagen ackerfrisch ist, bekommt mir nicht. Ich habe mal eine halbe Nacht auf der Toilette verbracht, weil ich Muffins mit (gustatorisch wie olfaktorisch völlig unauffälliger) Buttermilch zubereitet habe, die eine Woche überm Datum war. Alle im Haushalt haben davon gegessen, Probleme hatte nur ich. Zum dritten habe ich einen kleinen Magen, in den nicht viel reinpaßt. Tatsächlich paßt so wenig hinein, daß es unmöglich ist, exakt so viel zu kochen, daß ich geleerten Tellers genau so satt bin, daß es sich gut anfühlt. Ich esse sehr ungern einzig zum Zwecke, daß der Teller leergegessen ist, über diesen Punkt hinaus. Denn danach ist mir unwohl. So kommt es eben auch, daß oft ein halber Teller Suppe, siehe oben, übrigbleibt. Natürlich ist es ökologischer und wirtschaftlicher, für eine Großfamilie von zwanzig Personen zu kochen, zumindest dann, wenn alle das gleiche essen und man nicht auf Veganer, Vegetarier, Frutarier, Glutenempfindliche und Erbsproteinallergiker Rücksicht nehmen muß, die alle einen eigenen Teller kriegen. Aber ein Leben in Großfamilien kriegen wir wohl nicht mehr hin, das ist vorbei. In meiner Familie kriegen wir es ja nicht einmal hin, daß alle zur gleichen Zeit essen. Umso wichtiger ist es aber gerade für Singlehaushalte, das Essen sorgfältig zu planen und nach den vorhandenen Möglichkeit abfallfrei zu wirtschaften. Denn Essen wegzuwerfen, bleibt ein Skandal.

2 Gedanken zu „Verschwendung

  1. Da sagst du was! Seit ich histaminfrei koche, wohl aus ähnlichen Gründen wie den deinigen – Stichwort ackerfrisch und Schmerzen –, ist die Planung noch schwieriger. Und auch ich lebe in zwei Haushalten. Im einen davon gibt es zum Glück einen Hühnerhof. Zum Glück muss ich dennoch auch bei mir selbst sehr wenig wegwerfen und zum Glück ist dieses Wenige meistens kompostierbar.

    Deine Ausführungen sind sehr spannend, denn mir wird bewusst, dass kaum jemand böswillig Dinge wegwirft. Die meisten werden Gründe wie wir haben. Vielleicht. Hoffentlich. (Es würde sich besser anfühlen.)

    Das mit dem Zusammenbruch der Wirtschaft ist ein spannender Gedanke, über den ich auch schon las und nachdachte. Beim ersten Lockdown konsumierten wir (fast) alle ja wohl sehr viel weniger; vor allem wohl das, was wir wirklich brauchten/zu brauchen glaubten. (Ich selbst lebe schon lange genau so, weil für mehr das Geld nicht reicht.) Für mich persönlich war es dennoch eine gute Erfahrung, diese meine Lebensart an anderen zu beobachten. Manche fühlten sich tatsächlich sehr erleichtert und stellten fest, dass sie gar nicht so viel brauchten, wie sie gemeint hatten.

    Ein kleines Fazit: Wenn wir mehr Lebensqualität hinbekämen, u. a. durch weniger Arbeitszeit etc., würde die Sucht zu konsumieren abnehmen, wir müssten weniger produzieren und ja, vielleicht würde die Wirtschaft zusammenbrechen. Genau das könnte eine große Chance sein für einen Umbruch. (Allein mir fehlt der Glaube.)

    1. Der Zusammanbruch der Wirtschaft wäre womöglich eine Katastrophe, ich kann mir das anders nicht vorstellen. Denn unser Wirtschaftssystem ist auf Preise, nicht auf Werte, ist auf Narrationen, nicht auf Physik und Biologie aufgebaut. Das hätte unter anderem zur Folge, daß eine Menge brauchbares Zeug rumläge, ohne daß irgendjemand was davon hätte, weil es nicht verteilt würde. (So ist etwa die Obergrenze für das, was wir hier auf diesem Planeten hinkriegen können, nicht die Bezahlbarkeit, sondern die Menge an Energie, die uns insgesamt zur Verfügung steht — von Nahrungskalorien bis zu spaltbaren Elementen und der Erdwärme. Bezahlbarkeit ist pure Fiktion. Aber das ist ein Problem, über das ich mir schon lange erfolglos den Kopf zerbreche.)

      Man wirft mit viel besserem Gewissen weg, wenn man einen eigenen Garten hat und selbst kompostiert — allerdings darf da bekanntlich nur pflanzliches Material und nichts Gekochtes rein. So denkt man sich, wenn wieder mal der Salat im Kühlschrank vergammelt ist, daß man die Biomasse eben wieder in den Kreislauf zurückführt, wo sie dann zwei Jahre später in den Bohnen oder den Tomaten wiederkehrt. 😉

      Übrigens gibt es Eßbares in meinem Haushalt, von dem ich nie etwas wegwerfe, zum Beispiel Schokolade. Die wird immer alle.

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