΅ασ τθν, σπραψη Υεθσ, διε Γοεττερ σινδ βεσοφφεν

Auf dem Cover von Nootebooms „Briefen an Poseidon“ ist hinter der Abbildung einer Statue des Meeresgottes ein Text in griechischen Buchstaben gedruckt. Ein Stückchen aus der Theogonie? Ein paar Verse aus der Ilias? Beim Versuch, den Text zu verstehen, stellt man fest: das ist weder Hesiod noch Homer, das ist nicht einmal Griechisch, das ist in einer Sprache, die zu Hesiods und Homers Zeiten niemand verstehen konnte, weil es sie nämlich noch gar nicht gab. Es ist aus der Perspektive des 7. vorchristlichen Jahrhunderts eine Sprache der fernen Zukunft, nämlich Niederländisch – in griechischen Buchstaben.

Wieviel Mühe hätte es gekostet, acht oder neun Verse aus Theogonie, Ilias oder Odyssee (Texte, die mehrmals im Buch erwähnt werden und mit denen der Autor ohne Zweifel gründlich vertraut ist) aus dem Internet zu fischen? Kaum mehr als einen niederländischen Text in griechischen Buchstaben zu setzen, möchte ich vermuten. Dazu muß man aber erstens das Buch gelesen haben und zweitens ein paar einfache Dinge über diese Dichtungen wissen, gar nicht viel unbedingt, nur eine grobe Einordnung, etwas darüber, daß das Griechisch ist, einen Hinweis, wo man das im Netz findet, alles nicht so schwierig, möchte man meinen, zumal, wenn man in einem Beruf arbeitet, in dem sich alles um Texte (nun ja, um die Vermarktung von Texten) dreht.

Anfänglicher Erheiterung (seht her, ich bin euch auf die Schliche gekommen) folgte verhaltene Mißgestimmtheit (wollt ihr mich verarschen?), gefolgt von Neugier (wie ist diese niederländisch-griechische Type zustande gekommen?). Sofort war klar: daß der niederländische Text mit einer auf griechische Belegung eingestellten niederländischen Tastatur abgetippt worden war, war ausgeschlossen, wie schon das deutlich prangende Zeus im Text bewies. Auf einer niederländischen Tastatur mit griechischer Belegung eingetippt, hätte das (also Z + e + u + s) Ζεθσ ergeben. Auf einer deutschen Tastatur mit griechischer Belegung eingetippt, wäre dagegen Υεθσ herausgekommen. Wollte man vielleicht einzelne Wörter für Leser mit bürgerlichem Bildungshintergrund erkennbar lassen, so daß man das völlig unverständliche Υεθσ nachträglich retuschierte? Wohl kaum. Viel einfacher: Das Wort Zeus in der Schriftart Symbol, die wohl manche Umschlaggestalter ohne bürgerlichen Bildungshintergrund für Griechisch halten, ergibt exakt das auf dem Umschlag prangende Zeus. Falsches Schluß-Sigma inklusive.

Man möge mich einen Korinthenkacker heißen, aber so etwas enttäuscht und ärgert mich. Ist so viel Sorgfalt, wenigstens einen echten griechischen Textschnipsel – und für diejenigen unter den Lesern mit humanistischem Bildungshintergrund vielleicht sogar ein inhaltlich passender – auszuwählen und abzudrucken, schon zu viel verlangt? Ist doch egal, höre ich die Gestalterin schon rufen, merkt doch eh keiner. Das aber ist ein Irrtum – und eine Geringschätzung der Leserschaft. Es ist ferner Symptom einer Kultur, die, egal ob Populär- oder Hoch-, sich mit Oberflächlichem zufrieden gibt, mit dem Anschein und Anklang von etwas, Hauptsache, es sieht so aus wie. Da werden sinnlose Wortgebilde auf Unterarme tätowiert, die nur so klingen wie Latein, aber Unsinn sind: merkt doch eh keiner. Da werden auf CD-Booklets trompeteblasende Engel für die Einspielung eines Weihnachtsoratoriums abgebildet, die sich bei näherer Betrachtung als Statuetten an einem Hotel in Las Vegas entpuppen: merkt eh keiner. Oder man stellt ein wirres Sammelsurium von IPA-Zeichen zusammen, um den Slogan Eat more Cake zu schreiben. Das Echte ist offensichtlich nicht echt genug. Effekt durch Zuspitzung nennt das eine Bekannte, die sich ein bißchen damit auskennt, und stimmt in mein Seufzen mit ein. Einen weiteren, besonders schönen Fall weiß dieselbe Bekannte zu berichten. In einer CD-Produktion mit Klaviermusik von Schubert hatte jemand den Einfall, den Titel des Textes, „Schuberts lyrische Klavierstücke“, gesetzt in deutscher Kurrentschrift, in die Kopfzeilen des Booklets zu drucken, wobei man nicht davor zurückschreckte, auch den englischsprachigen Titel des mehrsprachigen Beihefts in Kurrentschrift zu setzen – was kaum besser ist, als niederländischer Text in griechischen Buchstaben, wobei man obendrein auch dieselbe Sorgfalt wie in jenem Fall walten ließ: auch hier sind nämlich die Schluß-s falsch gesetzt. Solche Dinge passieren, wenn man einfach nur die EDV drüberrauschen läßt. Von fehlenden Ligaturen zu schweigen. Zu pingelig? Merkt doch eh keiner! (Glücklicherweise hat in diesem Fall der Herausgeber auf das Lektorat gehört und zumindest das Schluß-s korrigiert. Bei Suhrkamp war man nicht so vorsichtig.)

Dieses Merkt-eh-keiner, wenn man es mal umdreht, bedeutet ja nichts anderes als: Ich liefere nur Qualität, wenn sie bemerkt wird. Mir selbst ist die Qualität meiner Arbeit egal, solange das Publikum nur beifällig nickt (oder keine Beschwerden kommen). Was ist denn das für eine Haltung, was für ein Selbstverständnis? Wer davon ausgeht, daß den Lapsus, die Ungenauigkeit, die Oberflächlichkeit, die Attrappe niemand merkt, muß doch auch hoffen, daß es niemand merkt, wie wenn ein Schüler, der sein vollgekritzeltes Heft vorzeigt, darauf spekuliert, das sinnlose Gekrakel nicht vorlesen zu müssen. Hoffentlich merkt’s keiner! Vor ein paar Jahren habe ich im Kino eine Produktion der Metropolitan Opera von Donizettis L’elisir d’amore gesehen. In der Pause gab es Gespräche mit einigen der beteiligten Künstler, natürlich den Sängern, aber auch mit Bühnenbildnern und Bühnenköchen, ja, so etwas gibt es. An der Met wird nämlich nichts dem Zufall überlassen. Die zwei Kostümschneiderinnen berichteten von ihrer Arbeit: Wie sie zeitgenössische Aquarelle und Stiche ausgewertet hatten, um die Kleidung so historisch wie möglich zu gestalten und dem Faux pas eines Anachronismus zu entgehen. Wie sie die Information aus dem Bildmaterial in tragbare Textilien umgesetzt, wie sie passende Stoffe ausgesucht hatten und vieles mehr. Und nun: die Adina-Darstellerin Netrebko trägt in der Produktion Hosen, Reithosen. – Na und, könnte man denken, irgendwas muß sie schließlich tragen. Aber mit diesen Hosen hat es eine besondere Bewandtnis, denn, wie uns die Kostümschneiderinnen erklärten, um 1815 war es im Baskenland, wo die Handlung spielt, absolut unüblich für eine Frau, Hosen zu tragen. Hosen trugen Männer, und Reithosen trugen nur Männer, die was zu sagen hatten. Nun führt Adina alleine einen Hof, und das Beinkleid verdeutlicht ihre Stellung: Nicht nur in wirtschaftlichen, sondern auch in Liebesdingen ist Adina in dem Stück diejenige, die die Hosen anhat. Natürlich ist das ein Detail, das, wenn überhaupt jemand, so nur sehr wenige erkannt, wertgeschätzt und gewürdigt haben dürften. Und doch. Jemand hat sich hier Mühe gegeben, sich Gedanken gemacht, nichts dem Zufall überlassen und etwas von Bedeutung eingefügt, etwas, das für den ein Zeichen ist, der es lesen kann. Und nun stelle man sich die Enttäuschung vor, wenn die Kostümbildnerinnen im Interview mit den Achseln gezuckt und Merkt ja eh keiner gemurmelt hätten, über eine Klamottenauswahl, für die sie keine Begründung hätten angeben können. Und das ist eben das Enttäuschende an so einem Cover, von dem oben die Rede war. Es hat keine Begründung, außer der, daß es einfacher schien, einen Nooteboomtext in der Schriftart Symbol zu setzen, als einen Ausschnitt aus einem Originaltext herauszusuchen. Es ist belanglos. Und traurig, weil es nicht hätte belanglos sein müssen. Es ist so traurig wie Plastikblumen oder diese Pappschachteln, die im Möbelhaus als Buchattrappe im Regal stehen.

0 Gedanken zu „΅ασ τθν, σπραψη Υεθσ, διε Γοεττερ σινδ βεσοφφεν

  1. (Noch trauriger übrigens finde ich diese Elektrokerzen mit mikroprozessorgesteuertem Geflacker. Jetzt sieht man die schon an Bilderstöcken und auf Friedhöfen. Es ist zuteifst deprimierend.)

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