Post festum

Ein Morgen ohne dich: Still, in sich gekehrt, voller Wege nach innen. Ein Schweigen wie welke Blätter, Worte, die einem Tag vor dem Tag gehören. Zu einem Morgen, bevor es Morgen wird. Zu einem Jahr vor jedem Jahr. Eine Elster schlägt, das Schweigen krümmt sich um ihre Kehle. Autos rollen, wenige, durch einen schlafenden Ort.

Ich habe gut geschlafen, aber nun entläßt mich der Schlaf ins Leere. Geträumt habe ich nichts. Ich bin ganz zu dir hin, aber neben mir ist das Bett leer. Noch eine zweite Tasse steht da, die gefüllten Filter von gestern; aber die Kleider liegen nicht mehr auf dem Stuhl. Die Zahnbürste ist weg, die getragenen Socken, du hast nichts vergessen.

Sammeln, betrachten, ordnen, in Sprache verwandeln, was uns widerfährt und sich uns schenkt. Aufholen und nachtasten. Den Nüssen ihr Geheimnis lassen, Spuren in den Herbst schreiben und warten, daß uns wieder ein Tag findet.

Schuhe binden in O.

Es sind oft diese kleinen Dinge.
Es war in einem Sträßchen in O. Wir hatten uns auf eine Bank gesetzt, und du hast deine Schuhe aufgeschnürt, um sie fester zu binden, die Zunge war verrutscht, ich berührte mit dem Zeigefinger deinen Spann, und du sagtest mir, wie lange du dieses Paar Schuhe schon trägst und wann du sie gekauft habest. Ich zuckte ein bißchen zusammen. Damals, dachte ich, und: So lange. Ich sah dich an, sah auf deine Finger, wie sie mir eine Verstärkung an den Löchern zeigten und dann eine Schleife banden, und der Schuh schloß sich wieder um deinen Fuß. Kleine Dinge.
Ich hätte dir da gerne gesagt, was mir durch den Kopf ging in diesem Augenblick; ich habe mich gefragt, wie es dir damals wohl gehen nochte, als du die Schuhe kauftest, im Jahr nach seinem Tod, was für eine Farbe deine Gedanken hatten, wie du gestimmt warst, als du sie anprobiertest, was dich bewegt und beschäftigt hat, und wie du wohl von jenem Punkt aus in die Zukunft geschaut und in die Vergangenheit zurückgeblickt hast, ob du in diesem Moment froh warst oder traurig, und ob es ein heiterer Tag war oder ein schlimmer. Gab es da überhaupt schon heitere Tage für dich? Mich beschäftigte, daß du die Schuhe so lange schon trägst, dieses Paar roter, bequemer Schuhe, und daß das vielleicht gar nicht stimmt, was ich einen Moment zuvor gedacht hatte: daß nämlich in Wirklichkeit alles gar nicht so lange her ist. Da wurde ich traurig und hätte dir das gerne gesagt und dich gebeten, doch zu erzählen. Und ich hätte dich gerne stumm in den Arm genommen, wie um dich zu schützen vor der Katastrophe, vor jedem Schmerz zu bewahren und noch nachträglich alles und jedes abzuwehren, das dir je wehtun könnte.
Aber ich blieb stumm. Und obwohl alles in mir vor Zärtlichkeit ganz flaumig wurde, blieb ich in dieser Zärtlichkeit wie eingekapselt. Ich konnte nicht zu dir damit, es war alles zu verworren und unklar, die Welt um uns auch zu hell und fröhlich für solcher Art Gedanken, freundlich zwar, aber zu hektisch und zu laut, Menschen, Autos, Stimmen, und dann war der Moment auch schon vorüber, du hattest deine Schuhe fertig geschnürt, uns fröstelte, wir brachen schnell auf und gingen zu unserem grünen Wasser, und zu den Booten und den Libellen.
Kleine Dinge. Und dort schien die Sonne so mild und gut und brach ihr Licht in den Weiden, die Libellen flogen im Tandem, und für diesmal war alles Schlimme wieder lange, lange her.

Irrtümlich


“Ihr”, sagt der Fremde, und “Mann”, “Ihre Frau” sagt er noch und meint: meine.
    Falsch: meine Frau bist Du nicht; Irrtum, ich bin nicht dein Mann.
Meine; und dein; Mann-und-frau: Kaum daß wir’s im Stillen uns denken.
    Erst wenn ein Fremder sich irrt, wird uns die Wahrheit zuteil.

Traum und Wachen

Traum und Wachen: Beides sind geschlossene Welten. Beide sind vollständig und gelten absolut. Im Traum wie im Wachbewußtsein ist das Erlebte jeweils ohne Nebenerleben oder Alternative. Es ist alles, was es gibt. Man kann die jeweilige Welt nicht anders verlassen als zu jener anderen Vollständigkeit. Traum, Wachen, Traum. Es gibt nicht noch weitere Alternativen. Der Traum läßt sich nicht anders als mit dem Wachen, das Wachen nicht anders als mit dem Traum ersetzen; und für die Dauer der Ersetzung bin ich nur dort, wo ich bin. Alles, was es gibt.
Dennoch besteht eine bedauernswerte Asymmetrie: Im Wachen erinnere ich mich vielleicht an Träume; aber in den Träumen nicht an die Wachwelt. Jedenfalls nicht als eine bloße, der anderen Bilderwelt im Sinne einer wahreren, ursprünglichen, bildgebenden entgegengesetzte Ausgangswelt. Der Traum, könnte man sagen, verschlingt die Wachwelt, ohne daß es jener in ähnlicher Weise gelingen könnte, auch die Traumwelt zu verschlingen und ihre Gegebenheiten in sich einzugliedern.

Nach dem Träumen

Nach dem Träumen bleiben Spuren von Rissen an der Oberfläche sichtbar und zeigen auf ein Außen, auf eine Oberfläche und einen Raum. Sie sind Spur, aber sie lassen keine Schlüsse auf die sie verursachenden Unruheherde der Tiefe zu. Einmal erwacht, ist das Geträumte unzugänglich. Die Träume bleiben ein Traum, und das Wachsein kann sie nur als Träume erinnern, von außen. Während man träumt, ist der Traum kein Traum, selbst dann nicht, wenn man glaubt, daß man träumt.
Was man aus dem Wachsein heraus wahrnimmt, sind nur die Fingerabdrücke an einer Spiegelwand. Luftblasen aus einem Tümpel. Geronnenes, Erstarrtes, weite Schatten von Bäumen über Schluchten. Lichtspiele. Über Träume kann man nur vom Wachsein aus sprechen. Aber von dort sind sie bereits nur Abbild. Wenn der Traum selbst ein Bild ist: Das Abbild eines Bildes.
Wir können nicht gleichzeitig träumen und wach sein. Und wir können nicht als ein anderer träumen. Sondern immer nur als wir selbst, weniger noch: als der oder die gerade träumt. Und deshalb sind wir uns beim Träumen stets selbst verborgen.
Träume scheinen manchmal eine Geschichte zu erzählen; tatsächlich aber sind sie nur Spuren von Geschichten, Abdrücke und Furchen, Beulen und rauhe Stellen, wo sich Erlebtes niedergelassen und eingedrückt hat. Sie sind Nachbilder, Leuchtfeuer. Es sind Wucherungen, die Geschichten ansetzen, wenn sie sich selbst überlassen sind. Ein Hauch, der entsteht, wenn sie mit dem Gesicht zu nah an die Scheibe kommen.

Mole

Das Wasser ist grün und hell. Das Licht hat viele Richtungen und kommt mit matten Farben über den Strom geschwommen. Libellen schwirren über die weißen Steine, erst allein, dann in aneinander verhakten Paaren. Wie heißt das, was die Libellen da tun, wenn sie, verkettet in Paaren, einen Hinterleib des Doppelkörpers ins flache Wasser über den Steinen lecken lassen, als wollten sie hastige Schlucke davon nehmen? Und wie machen die das, mit ihren insgesamt vier Flügeln, Gleichung um Gleichung komplizierter Aerodynamik zu lösen? Wir schauen es uns an und staunen. Das Licht bricht sich auf den Flügeln und auf der Reling der Boote und Schimmert silbern auf Blattunterseiten. Eine Gruppe von Kajakfahrern gleitet langsam den kleinen Hafen hinauf. Ihre Paddelblätter tauchen mit Feiertagsruhe ins Wasser. Wie könnte man auch nicht ruhig sein an diesem Ort, auf dem Wasser, mit den herbstlichen Pappeln und Weiden hoch am Himmel.
Deine Finger kribbeln in meinem Nacken, und ich schließe die Augen. Das Wasser gluckert, Dieseldampf weht herüber, ein Motorboot tuckert. Ich sitze schief an Dich gelehnt auf dem schrägen Stein, eine Hand auf Deinem Knie, mein Bein schläft ein und wird glücklich taub, die Angler lassen die Leinen schwirren, ich weiß nicht, wie das heißt, was die Libellen tun, eine prächtige Yacht gleitet vorüber, eine Geschichte von Geld und Erfolg, ich aber küsse Deine Hand und atme Deinen Duft, ich habe nur eine alte Jacke, aber Du hast mir einen Knopf geschenkt, ich küsse Deinen Mundwinkel, höre Dich seufzen und bin reicher als sie alle, ich bin der reichste Mann der Welt.