Rolandsbogen

Am Samstag überm Rhein. Aus dem Wald um einen Felskegel herum, ein paar flache Stufen, dann ist man oben. Oben: eine klirrende Fahne über dem eiskalten Strom, der Bogen ein steinernes Fliehen, vom Strom auf den Felsen, vom Felsen in die Wolken. Etwas wie schwarzer Draht ist um die Säulen gewickelt, bei näherem Hinsehen entpuppt es sich als eine Lichterkette. In der Mittagshelle starren die erloschenen Birnchen wie die Körper lebloser Käfer. Zwei Stufen weiter die leere Terrasse, nicht einmal zusammengeklappte Stühle oder eingefaltete Sonnenschirme, nur Steinplatten laufen auf eine Tür zu, die blind ist von Spiegelungen, das Siebengebirge mit dem körnigen Himmel darüber, der Bogen mit dem Käferkranz, eine merkwürdig schmale Gestalt mit riesendunklen augen, das bin ich wohl selbst. Mit der Nase an den Scheiben erkennt man einen Gastraum, und seltsam, die Tische sind schön gedeckt, Stoffservietten zu schlanken Pyramiden gefaltet, drei Sorten Gläser an jedem Platz, auch sie spiegelnd, sauber, bereit. Auf der Terrasse knistert etwas Laub vor sich hin, die Umfassungsmauer zuckt die Achseln, ein Stapel leerer Bierfässer, eine Guide-Michelin-Empfehlung klebt innen auf den Scheiben, alles spricht hier von einem Sommer, an den man nicht glauben kann. Endlos das Dröhnen der Güterzüge im Rheintal. Keine Vögel. Zwischen Nonnenwerth und dem hiesigen Ufer läßt sich eine Rudermannschaft treiben, die Riemen über dem Wasser schwebend, der Rumpf sehr schlank, es sieht aus wie ein Gliedertier, ein Wasserläufer.

Anderntags sitze ich im Zug nach Au (Sieg). Wenn ich schon nicht laufen kann, will ich wenigstens im Zug in Bewegung sein. Ich dachte mir, schaust du dir mal an, wie es da ist am Westerwaldrand, da warst du noch nie. Fuhr also hin, stieg aus, sah wie es war und fuhr wieder zurück. Wie war es: Schön. Die Strecke führt im Tal der Sieg entlang und überquert den derzeit stark angeschwollenen Strom mehrmals. Mal fließt der träge und läßt eine Ente auf sich schwimmen, dann geht es stürmisch glitzernd über Schnellen. Weiden und Pappeln stehen im Wasser und hängen voll mit verfilztem Schilfgras. Das Tal ist noch winterlich grau, Spaziergänger und radfahrende Familien sammeln sich auf den Uferwegen und tragen bunte Tupfer in die trübe Ferne davon. Im Baumdraht über den das Tal einfassenden Hügeln irrlichert es von Sonne und Wolken im Wechsel, ein Licht, das wie verdünnt ist, sich nicht entscheiden kann.

Der Ort selbst ist leer. Immer noch keine Vögel. Eine Straße führt vom Bahnhof hinunter, zwischen den Häusern blitzt etwas wie eine Wiese, davor schwingt sich eine Schnellstraße die Hügel hinauf. Mehrere Zuglinien fahren von hier noch weiter, ich lese Namen wie Dillenburg und Limburg auf dem Fahrplan, der überraschend kräftig gelb ist, nicht wie sonst auf Provinzbahnhöfen leichenhaft blaß hinter der angelaufenen Scheibe vor sich hin modert. Trotzdem scheint hier etwas zu Ende, macht dieser Ort, der, wie ich später erfahre nur einige hundert Einwohner zählt, den Eindruck einer letzten Station, hier noch einmal Wasser, Brot, Tee und Kocherbenzin einkaufen, bevor es losgeht in die Wildnis, die gleich da drüben, am Hang, der die Schnellstraße ansaugt und verschwinden läßt, beginnt.

Ein Paar in Festtagskleidung betritt den Vorplatz, Stöckelschuhe klappern. Der Bahnsteig ist überraschend belebt. Handtaschen, kleine Rucksäcke. Kinderwagen. In Köln muß sich der Sonntag anders anfühlen, sagen die Gesichter, in Köln wird jetzt schon Frühling sein.

Aber erst heute zittern an den Bahndämmen die Schneeglöckchen, als habe gestern mit dem Sonntag nicht nur die Woche geendet. Auf dem Weg zur Straßenbahn nach einer Schrecksekunde begriffen, daß, was man da eben gehört hat, ein Buchfinkwar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.