Greinstraße

In der Sonne laufen die Passanten ihren Schatten hinterher: Jemand mit der Krücke, die er aber nicht benutzt, sondern wie eine Wünschelrute vor sich über den Weg hält; eine junge Frau in schwarz und blond überholt ihn, später werden Arbeiter mit blauen Werkanzügen in die andere Richtung vorbeischlendern, Stulle in der Hand, und der Stoff der Anzüge wird in der Sonne leuchten.
Das Laub des Silberahorns ist schütter geworden, während die Pappeln schon alle Blätter verloren haben. Blickauf ist der Himmel von Gezweig gemasert. Einmal die Woche kommt ein Mann mit einem kleinen Fahrzeug, dreht Kreise über den Rasen und bläst mit erheblichem Lärm das Laub zusammen. Ich sehe ihm dabei zu und überlege, daß das Wort „Rechen“ wahrscheinlich bald aussterben wird, zusammen mit dem Gegenstand, den es bezeichnet. Einmal im Monat wird gemäht. Dem Wort „Sense“ wird es ähnlich ergehen wie dem Wort „Rechen“.
Hinter den Häuserreihen jenseits des Parkplatzes schimmert so fern der Himmel, als spiegele er den Ozean, und auch die Luft, Salz und Ozon, kommt frischweg von der See. Vögel auch, Möwen vom Rhein, zerschlitzen Licht und Himmel in pfeilschnelle Striemen.
Wichtige Herren in Krawatte lassen manchmal ihre Aktentasche mit einer lässigen Drehung des Handgelenks aufblitzen, während sie dem Kollegen etwas Wichtiges – daß es wichtig ist, sieht man an ihrem geneigten Nacken, an den hackenden Kiefermuskeln – mitteilen. Dahinter weht ein Fahrradfahrer auf einer unsichtbaren Strömung dahin.
Die Fenster dieses halben Souterrains beginnen auf dem Bodenniveau, das dem, der sich im Inneren aufhält, bis zur Brust reicht. Bis zum Kinn, wenn man am Schreibtisch sitzt. Ab und zu kommt ein Ball samt einem Knäuel Hund angerollt, und der Kies vor der Scheibe zerspritzt. Das gefällt mir. Ich zucke zusammen, ein Erschrecken, ein Blick ins lachende Hundemaul mit Ball, und man fühlt sich aufs Angenehmste daran erinnert, daß man noch lebendig ist.

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