Von Vernunft des Unpraktischen

Die Entscheidung gegen etwas Praktisches und für etwas Schönes ist eine Wahl, die ihrer eigenen Vernunft gehorcht, einer ästhetischen Vernunft nämlich.
Es ist nicht praktisch, täglich fünf Stunden Violine zu üben; es ist nicht praktisch und überdies unbequem, zwei Stunden stillzusitzen, um eine Mahler-Sinfonie zu hören; es ist ziemlich unpraktisch, Monate und Jahre am Schreibtisch zuzubringen, um einen komplizierten Roman zu schreiben. Noch viel unpraktischer ist es, im Alter von 4 Jahren zu lernen, auf den Zehenspitzen zu stehen, um Ballettänzer zu werden. Unpraktisch auch, in Platten aus Teig feine Schichten aus Butter einzuwalzen, um einen luftigen Blätterteig herzustellen. Völlig unpraktisch, Jahre mit dem Studium des Altgriechischen zu verbringen, nur um ein Fragment der Sappho goutieren zu können.
Praktisch wäre es, keine Bücher zu schreiben, keine Musik zu komponieren, den eigenen Wortschatz auf 500 Wörter zu beschränken, Chinesisch statt Latein zu lernen, kein Instrument zu beherrschen, nicht zu singen, nicht zu tanzen und immer zu McDoof zu gehen, wenn der Hunger zwickt. Cola ist praktisch, Chardonnay schwierig. Doch wer das Schöne will, kommt um das Unpraktische nicht herum. Das praktische Leben ist öde. Es ist banal. Das schwierige Leben aber ist nicht banal, niemals langweilig, und manchmal ist es sogar schön. Manchmal wiegt nämlich ein einziger Vers der Sappho Jahre des Griechischlernens auf.

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