Amseln

Sie sind früher als alles, was ist.
Sie waren schon immer vorher, ganz gleich, was als erstes kam. Sie waren.
Leuchtspuren in einem Sinnenraum, der weder dem Auge noch dem Ohr, noch irgendeinem Organ, das aus der schlafenden Mitte ins Dunkel hinauswächst, gehören. Sie waren vor allen Organen, vor jedem Blut. Tönernes Leuchten. Leuchtende Töne. Ertastbare Stimmen. Klang wie eine Zeichnung in Sand, Gesänge in Braille-Schrift.
Sie gehören zu einer anderen Zeit, die jedem Beginn vorausläuft. Langsam dem Anfang überlagert, werden sie irgendwann eins mit dem Hier, dem Jetzt, jedem denkbaren Später, wenn es erst denkbar ist. Unterm Fokus werden zwei Wege einer, ein Traum fällt in sich zusammen, ein Tuch zerreißt im Spiegel, und indem sich die Zeit entscheidet und in Vorher und Nachher zerfällt, erinnerst du dich, und die Stimmen nehmen sich selbst einen Namen.
Sie sind vor jedem Denken. Sie sind Erinnerung, die im Früheren von Späterem handelt, ihre eigene Zukunft. Wenn du sie hörst, zum erstenmal hörst, hast du sie schön gehört. Du hast sie gehört, bevor du sie hörtest. Wie lange? Seit du denken kannst.
Ein Klangbaum. Wie eine Eigenschaft des Dunkels selbst, Faltungen im Raum, ein knisternder Schleier, den eine Brise zu immer neuen, doch einander ähnlichen Klangkaskaden verreibt, bis jäher Augenaufschlag das Dunkel dem Dunkel zuschlägt und den Klang dem Klang, und die Stimmen sich aus der Weite der Straße heranschwingen müssen, nun fern und an ihrem Platz, wie alles.
Liegenbleiben, denkst du, liegenbleiben, bis der Eifer des Tages sie an sich nimmt und sie in den Bäumen verstummen.

0 Gedanken zu „Amseln

  1. … seit langem mal wieder hiergewesen, an den Worten gehangen und an den Tönen und der Ruhe und Unruhe und berührt von dem, was Du schreibst. Momentelang wie aus einer anderen, wohltuenden Welt.
    … Dein Blog: kleine Pause am Morgen, bis der Tag eifrig um Anerkennung ringt.
    Schönste Grüsse von
    Hermann Josef

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