Autofreier Sonntag

Damals, vor 35 Jahren standen die Räder still: Jogger liefen über die Landstraßen, die Rasenflächen an den Auffahrten dienten dem Familienausflug, und über die Autobahn fuhren Rollschuhläufer. Es war der 25. November und der erste autofreie Sonntag. Das Gefühl der Bedrohung durch eine Energiekrise infolge des durch die OPEC zugedrehten Ölhahns war so groß, daß sich die Bundesregierung zu einer drastische Maßnahme entschlossen hatte, die im großen und ganzen von der Bevölkerung mit Gelassenheit und Erfindungsreichtum mitgetragen wurde. Man genoß die Ruhe, ersetzte Lastwagen durch Brauereikutschen und holte das Fahrrad aus dem Keller. Und im übrigen war es ja auch mal ein interessanter Anblick, so eine Autobahn ohne Fahrzeuge.
Was ich dabei nicht verstehe: Warum wäre eine solche Maßnahme heute nicht mehr möglich, wo doch die Bedrohung ungleich größer und durch Diplomatie nicht mehr abzuwenden ist?
Und: Laut einem Rückblick im WDR-Radio habe man damals “begriffen, daß das Öl eine endliche Ressource” sei.
Nun, dieses Wissen scheint den Menschen hierzulande zwischenzeitlich wieder abhanden gekommen zu sein.

Novembermorgen

Beim Laufen an manchen Samstagvormittagen, in der bewegten Stille des Lichts, im Wald: Ein solcher Geruch, es ist, als hätte es ihn seit fernsten Kindertagen nicht mehr gegeben. Eingekapselt in den Duft von Sonnenwärme in der Kiefernborke ist da plötzlich etwas wie Schwingende Drähte. Warmer Sandstein. Sonne wie Staub vor den Fichten wirbelnd. Trocken leuchtende Fäden der Spinnen. Die Luft, deren Kühle bis ins eigene Blut vordringt. Wassergurgeln in Gräben. Es ist ein Anhauch, der intensiv nach Wiedergefundenem riecht, und jenes seltsame Erschrecken auslöst, das jedem unerwarteten Wiedererkennen immer um einen Herzschlag voran geht. So nah ist plötzlich alles, so greifbar, so transparent alle Geheimnisse, keine zwei Gedanken mehr entfernt, daß man schon jubelt, jetzt nur aufpassen, jetzt nur nichts versäumen, hellwach jetzt! Man bräuchte nur die Hand ausstrecken. Nur noch einen Schritt tun, einmal Luft holen, den Gedanken zu Ende denken.
Doch dann, noch ehe man richtig mitbekommen hat, was geschieht, schreit ein Häher; das Laub knistert, die Wasserflächen ziehen sich kräuselnd zusammen, und schon haben sich alle Zeichen des inaussichtgestellten Glücks schon wieder aufgelöst und sind so unwiderruflich verschwunden, daß nicht einmal die Inaussichtstellung selbst, sondern nur das Gefühl eines nunmehr endgültigen Verlustes zurückbleibt.

bei uns in der straße ist gerade Martinsumzug.
das ist sehr schön anzusehen, und macht mir umso mehr freude, als es mein namenspatron ist, der da gefeiert wird — aber, so gerne ich die auf und ab wippenden lampione, laternen, lämpchen sehe, so sehr es mich auch freut, mit wieviel ernst die kleinen dabei sind, so sehr ich es mag, wie sie alle mit ihren lichtlein stolz vor sich in der hand dahertrippeln: lieber wärs mir, es würde auch am 11. stattfinden und nicht irgendwann ungefähr dann. ich meine, heiligabend ist auch am 24. und die fronleichnamsprozession ist an fronleichnam und nicht irgendwann um die drehe. ich weiß ja auch, daß man dem rheinländer am 11. november mit st. martin nicht kommen kann. nur finde ich, da stimmt der vorrang nicht.
aber nun gut. schön anzusehen war es. und gepfiffen und gepaukt und posaunt wurde auch schön laut und
schräg.

Als dürfte die Zeit nun endlich ausruhen, so still, selbst
die Blätter, sie fallen nicht mehr, sie schweben, wenn
eine frühe Sonne sie anstößt.
Mit den Adern ziehen sie den Glanz
aus der Luft, alles Luftige an ihr ziehen sie heraus, bis alles an Farbe verstummt und
an den Felsenfinsternissen zugrundegeht.
Meterhoch steht die Dunkelheit
zwischen Pfahl und Pfahl der Laternen, Mehlbeeren hängen in ihrem Flor aus Schatten, der Weg vom einen
zum anderen Ende der Hecke so lang wie
ein Nachmittag still wird, den die Glocken erfanden, jedes Geräusch brächte die Beeren
zum Platzen, das Gleichgewicht der Schwäne
zum Sturz. Sprühlicht, unter den Zweigen schwimmt schon der Himmel
davon, die Ferne schlägt an die Scheiben,
drüben, am Park atmen die Fenster ihr Innen aus.