Bornheim

Vorübergehend wieder eine Tiefe am Himmel, hell, grell und scharf wie ein Sturz, der dauert und dauert und nirgends aufschlägt. Hinter den Lidern dunkle Kreise, Musiktakte lang, ein Flimmern an den feuchten Brauen. Dann ist es schon vorbei, ein Rabe flattert aufs Feld, eine Scholle verschluckt seinen Schnabel, drüben an den Hängen erlöschen die Häuser, die Wolkenfalle schnappt zu über den Ohren und einem Obstbaum, der seinen Schatten frierend in sich zurückzieht und dann klirrend erlischt.

Handke lesen

In all dem banalen Geschrei, dem lieblos dahergequatschten Wortbrei, dem ausgetretenen, albernen Geschwätz, das einem tagtäglich aus Titelseiten, Überschriften, Zeitungsspendern, Werbeprospekten hervorquillt, aus dem Radio, dem Fernseher entgegenbrüllt, aus der Supermarktbeschallungsanlage tönt, quietscht, albert, in all diesem zum Davonlaufen vergnüglichen, lustigen, vor Ödnis überschnappenden Gewäsch, Geleier, Getröte, Gequieke ist ein Buch wie Handkes Mein Jahr in der Niemandsbucht eine herzwärmende Linderung. Mit vor Überraschung ungläubigem Staunen, ja, Ehrfurcht folgt man dieser so feinen leisen, vielverzweigten, tönenden, summenden, schauenden, schöpfenden leuchtenden, irisierenden Prosa, oder müßte sie so lesen, wie sie dort farbig und erdwarm aufschimmert, mit einem tiefen Atemholen. Ein Raum der Stille tut sich auf, in dem man statt Gewäsch plötzlich wieder Wörter hören darf und jedem Wort und seinen Beziehungen zu den anderen Wörtern die ihm eigene Schwere zufließt; Ausstrahlung, Verästelungen, Wirbel und Bögen werden zwischen diesen Kristallisationskeimen von Bedeutung ertast- und ablauschbar, ein Raum entsteht, der die Wörter erst zu Wörtern macht, sie von allem Gerummse und Mißton befreit, sie abschält und bis zu den Wurzeln herunter freilegt, und so verwandeln sie sich, Urwörter, Gesteinswörter, Erdwörter entstehen so, die sich in einem ruhigen Strom, einer Anrufung gleich, einer Liturgie fast, zu einem ebenso mächtigen wie ruhigen Strom nicht aneinanderreihen, sondern: aneinanderfügen. So etwas zu lesen ist wie eine kühle Salbe auf wundgescheuerter Haut. Eine Oase in der Sprachwüste. Ein Klang. Eine Offenbarung. Ein Trost.

Schwäne, Röhricht und Burgberge. Nach dem Erwachen in die Scheiben blicken, ins Innere dahinter und davor, und die Märchenschichten dazwischen abtupfen, abklopfen, prüfen. Auf die Verschlungenheiten der Korallen achten, Karten aufnehmen, den Spuren eines Schneeleoparden folgen wie man einem Yeti folgt, so beginnt das Lauschen. Wege durch den Forst, das stumme Zermahlen eines Fliegenpilzes, Wärme von Amanitin unter der Haut, Blaualgen an den Knöcheln. Wo die Folien sich treffen, finster, blau, glatt, gelöchert, fließend, splittrig, da knistert es von Linien die ins Baumsein entstreben und verwuchern, da muß man ordentlich mit dem Fuß wackeln und die Zunge anstemmen, daß nicht alle Wände und Behälter ins Rutschen kommen und mißtönig zwischenrufen, ordnungslos und wild, wie Landkarten.
Mit geschlossenen Augen dann die Anrufungen vornehmen, den Erscheinungszauber anstimmen, den Logogryphen, Hypnobanten, Oneiropoden Handschweiß und Ohrspeicheldrüse darbieten. Wenn man Glück hat (aber was ist Glück? Das gnadenvolle Verschmähen eines Logophagen), bleiben sie ein bißchen. Ihr Verschwinden bleibt meist unbemerkt, es sei denn, ein Traum war noch wach, was bekanntlich selten ist.

Erinnerungsarchiv

Diese feinen Bruchmuster, Netzsplitter, Patinae, Jahresringe. Wieder in die alten Wirrwege und Leuchtgärten mit ihrem Abenteuerflimmern hinabsteigen. Daten, jahreszahlen, Erscheinungsmonate alter Ausgaben des GEO-Magazins, die, ich weiß nicht genau, was, aufbewahren. Wie ein Tagebuch. Eines, das nicht ohne weiteres lesbar ist; etwas, das auf tieferen Sinn verweist, und unter der Oberfläche aus bekannten Bildern (ein altes ostfrisisches Bauernhaus mit Bettkasten; ein gekreuzigter Rabe im Baskenland; eine nachgebaute spanische Galeone; Wissenschaftler in gelben Schutzanzügen zwischen Rosttrümmern auf dem Mururoa-Atoll), die wegen ihrer Bekanntheit so verstörend sind im Detail, wie ein gealtertes Gesicht, und unter dieser Oberfläche: die Bruchmuster, die feinen Linien, das Abgeplatzte, das Gesplitterte und Gebrochene.
Es ist ein zwiefacher Verweis auf meine eigene versunkene Welt, meinen eigenen Untergang: Es bildet ab, was war, dessen Zeitzeuge ich hätte sein können. Es zeigt mir die Kulisse oder Stücke davon, oder eine mögliche Kulisse, für mein eigenes Drama von damals, und damit verweist es mich zurück, der ich ja damals diese Kulisse wahrgenommen habe oder hätte wahrnehmen können. Und zum andern bringt es mich durch die Lektüre zurück und verbindet mich mit jener Zeit, wo ich dieses Heft zum erstenmal durchblätterte, oder in eine Zeit, wo ich solche Hefte ganz allgemein durchblätterte, und zwar dann, als sie frisch waren und keine versunkene, sondern eine aufbrechende Welt abbildeten und nichts darauf schließen ließ, daß sie einmal von Netzsplittern und Bruchmustern überlagert sein würden.

Prismen

Diese feinen Bruchmuster, Netzsplitter, Patinae, Jahresringe. Wieder in die alten Wirrwege und Leuchtgärten mit ihrem Abenteuerflimmern hinabsteigen. Daten, jahreszahlen, Erscheinungsmonate alter Ausgaben des GEO-Magazins, die, ich weiß nicht genau, was, aufbewahren. Wie ein Tagebuch. Eines, das nicht ohne weiteres lesbar ist; etwas, das auf tieferen Sinn verweist, und unter der Oberfläche aus bekannten Bildern (ein altes ostfrisisches Bauernhaus mit Bettkasten; ein gekreuzigter Rabe im Baskenland; eine nachgebaute spanische Galeone; Wissenschaftler in gelben Schutzanzügen zwischen Rosttrümmern auf dem Mururoa-Atoll), die wegen ihrer Bekanntheit so verstörend sind im Detail, wie ein gealtertes Gesicht, und unter dieser Oberfläche: die Bruchmuster, die feinen Linien, das Abgeplatzte, das Gesplitterte und Gebrochene.
Es ist ein zwiefacher Verweis auf meine eigene versunkene Welt, meinen eigenen Untergang: Es bildet ab, was war, dessen Zeitzeuge ich hätte sein können. Es zeigt mir die Kulisse oder Stücke davon, oder eine mögliche Kulisse, für mein eigenes Drama von damals, und damit verweist es mich zurück, der ich ja damals diese Kulisse wahrgenommen habe oder hätte wahrnehmen können. Und zum andern bringt es mich durch die Lektüre zurück und verbindet mich mit jener Zeit, wo ich dieses Heft zum erstenmal durchblätterte, oder in eine Zeit, wo ich solche Hefte ganz allgemein durchblätterte, und zwar dann, als sie frisch waren und keine versunkene, sondern eine aufbrechende Welt abbildeten und nichts darauf schließen ließ, daß sie einmal von Netzsplittern und Bruchmustern überlagert sein würden.

so einer

Jemand, der mich wirklich versteht – wer wäre das? Da sitze ich, abends, nachts, nach dem wein, leicht berauscht, höre Mozart, lausche den Ovidischen versen nach, die ich gerade übersetzt habe, und denke: Wer könnte mich denn finden und meinen platz aufsuchen, denselben blick auf all das einnehmen, was mich umgibt, dieses netz aus bezügen, symbolen, verstrickungen, verweisen, diese knoten aus gefühltem, gewußtem, erahntem, wer? Wer wäre imstande, den standpunkt einzunehmen und den blickwinkel, um diese luft zu atmen, diesen akkord zu hören so wie ich ihn höre, genauso, auf die gleiche art, mit demselben gefühl dabei, und mir zu sagen, endlich, dieses langersehnte wort: So einer bist du also!

So einer. Der wunsch, erkannt, begriffen, in all meiner kompliziertheit erfaßt und lebensklug gedeutet und mir selbst aus dem andern wiedergeschenkt zu werden, eine sehnsucht.

Im später, verrückt. Zwei Anmerkungen.

Elsa schrieb:

“Ich mache mir darüber auch oft Gedanken. Setze die Zäsur aber so um 1989 an. (Vielleicht fällt das sogar um die Zeit deiner Griechenlandrückkehr). Ab da ist der Turbokapitalismus richtig durchgestartet. Wie du richtig bemerkst, begann da auch die Ära nicht nur der Globalisierung (die es ohne Eisernen Vorhang vielleicht gar nicht gegeben hätte?), sondern auch des ständigen VERWEISES auf die Globalisierung. Schnitt.

Ein Beispiel: Vor 25 Jahren besaß man als Geschäftsmann, der viel unterwegs und dennoch erreichbar sein musste, ein Autotelefon, so groß wie heute ein Multifunktionsdrucker zum Scannen, Kopieren und Faxen. Das war 10.000 DM wert.
Heute hat jeder Arbeitslose mindestens zwei Handys und ist ständig mit ihnen beschäftigt. Immerhin.
Turbokapitalismus, Globalisierung und IT-Zeitalter. Kann es sein, dass der komplette Thomas von Aquin mittlerweile online verfügbar ist? Und hat uns das irgendwie weitergebracht? Ich meine, in der gesamten Gesellschaft?

Es gibt auch inwendige Gründe. Vielleicht sind wir einfach zu alt. Zu früh geboren (insgesamt natürlich zu spät, aber hier an diesem Punkt zu früh) … weil, vielleicht heißt es ja in 30 Jahren, dass wir uns nach der Neuen Rechtschreibung zurücksehnen und den schönen Handys, die “nur” telefonieren, online gehen, fotografieren und Textverarbeitung boten? vielleicht stehen wir in 30 Jahren mit Jugendlichen in einem Fahrstuhl, die anstatt via Handy zu surfen, kybernetischen Geschlechtsverkehr haben, während wir daneben stehen?
Vielleicht sind in der Zwischenzeit aber auch wirklich alle verrückt geworden und wir sträuben uns noch allzusehr, uns einfach zu ergeben?
ABER: Gab es dieses “Narrenschiff”- Bild für die Gesellschaft nicht bereits vor Hunderten oder gar Tausend Jahren?
Also kann es nicht an uns liegen … :)))”

Du hast recht, daß es zu jeder Zeit Stimmen gab, die behaupteten, die Menschen seien verrückt geworden. Aber die Konsequenz daraus, nämlich die Vermutung, daß es dann wohl nur eine Frage der Wahrnehmung sei, was man als verrückt empfinde und was nicht, macht mich auf eine hilflose Weise zutiefst traurig. Denn dann gäbe es ja überhaupt keinen Maßstab mehr dafür, was vernünftig oder töricht, echt oder oberflächlich, ernst oder albern, bedeutsam oder banal, schön und häßlich ist. Dann ist einfach alles beliebig. Gleich gut. Egal. Macht was ihr wollt. Dann ist alles einfach nur Kampf, eine Schlacht, die diejenigen gewinnen, die am lautesten brüllen und die schrillsten Klingeltöne haben. Diejenigen, die in der Mehrheit sind, wie widerlich ihre Ansichten und Werturteile, wie gedankenlos ihre Wahl und Entscheidung für oder gegen etwas auch sein mögen. Es tut mir körperlich weh, wenn Menschen auf der Straße oder wo immer sie gehen und stehen in ihre kleinen silbernen Kästchen sprechen. Es ist nicht einfach nur, daß ich das dumm und überflüssig finde. Es macht mich krank, mitansehen zu müssen, wie alle, ausnahmslos alle, vom selben Wahn ergriffen werden; wie alle sich, unabgesprochen, darüber einig sind, wie die Welt auszusehen habe; wie niemand auch nur fünf Minuten einhält und einmal wenigstens eine wirkliche Entscheidung trifft, eine Entscheidung, der man anmerken würde, daß sie aus dem ureigenen selbstgegebenen Gesetz dieses Menschen entsprungen ist. Vielem von dem, was die Menschen so tun und lassen, scheint mir dagegen überhaupt keine echte Entscheidung vorangegangen zu sein. Man tut’s, weil’s halt alle so machen, Und weil es ja ach so praktisch ist. Die Idee, daß man aus sehr guten Gründen auf das Praktische auch verzichten kann, scheint niemand zu haben.

Was das Alter angeht, so spricht gegen Deine Vermutung, daß ich zu den Verrückten Menschen jedes Alters zählen muß; sie eint, nicht die Generation, sondern der Wahn selbst. Allerdings muß ich zugeben, daß ich das von Dir angesprochene Gefühl teile. Es ist nur eine andere Form des Grauens, über die auch noch zu sprechen wäre.

Meine Zäsur war übrigens 9 Jahre nach Deiner, also 1998. Ich habe jetzt noch einmal darüber nachgedacht und bin zum Schluß gekommen, daß es auch damit zusammenhängt, daß dies eine Zeit war, in der ich einige Ziele und Wünsche, die mich bis dahin geleitet hatten, ein für allemal verwarf. Das bedeutete, daß vieles für mich einerseits zwar irrelevant wurde, andererseits aber genau deshalb in kritischer Weise und mit unbeteiligtem Abstand beurteilbar. Vieles wurde dadurch leichter, aber ebenso viel wurde schwieriger (und quält mich bis heute). Genau an diesem Punkt begann mich zu ärgern, was vor der Zäsur möglicherweise noch als erstrebenswert für mich selbst gegolten hätte. Ein Auto zu besitzen und zu fahren, beispielsweise: Plötzlich war alles voll von ihnen, sie stanken, sie zeugten von Gedankenlosigkeit, Arroganz und Herrschaftswillen, sie nahmen mir die Vorfahrt und die Freude an der Bewegung. Das alles aber erst, seit klar war, daß ich nie eins besitzen würde. Möglicherweise würde ich heute auch das Internet für albern und verrückt halten, wenn ich nicht gerade im letzten Moment noch aufgesprungen wäre.
Es war ein Wertherscher Rückzug ins Innen, den ich damals vollzog; freilich ohne zu ahnen, daß das Außen mit aller Gewalt zurückschlagen würde.

Und damit bin ich bei Deiner entscheidenden Frage: Hat uns das alles weitergebracht? Die manchmal grandiose Kluft zwischen technischem Fortschritt und seiner Umsetzung zum Wohle des menschlichen Daseins ist mir einmal schlagend klar geworden angesichts eines Flugzeugs, das, behängt mit einer hunder Meter langen, buntbedruckten Stoffschleppe, auf der „Kodak“ oder „Fuji“ oder weiß der Geier was zu lesen war, seine trägen Runden über Köln zog. Es erschien mir plötzlich so widersinnig: Da hat es die Menschheit tatsächlich geschafft, so ein Stahldings zum Fliegen zu bringen (ich meine, zum Fliegen!), und dann weiß diese Menschheit nichts Besseres damit anzufangen, als eine bedruckte Stoffbahn daranzuhängen und ein paarmal damit über der Stadt Köln herumzuwedeln. Ich dachte: Würde morgen der Null-T-Transport oder die Zeitmaschine erfunden, würde man als erstes Null-T-Reisen zu den schönsten Stränden der Welt („… und abends sind Sie wieder zuhause!“) und Real-World-Abenteuerausflüge ins Mittelalter unternehmen. Ich meine also: Nein. Unsere ganzen Erfindungen haben uns nicht weitergebracht, außer vielleicht, das Leben hier und da angenehmer zu machen (aber nutzen wir die gewonnene Zeit?) – ich denke, das hast Du aber nicht gemeint. Es lesen bestimmt nicht mehr Menschen die Summa Theologiae, seit der Text online verfügbar ist. Freilich ist es für die, die sie ohnehin lesen würden, eine enorme Erleichterung. Aber ein größerer Schritt nach vorne dürfte für die Menschheit kaum dabei herausspringen.

Im später, verrückt

Ein großer Irrtum besteht vielleicht darin, anzunehmen, daß die Welt noch in Ordnung war, als man, weil man daß mit ß schrieb, oder nichts vom mobilen Telephonieren wußte, oder kindlich-unschuldig auf BH und Achselrasur verzichtete, die Vokabel Globalisierung allenfalls als das Herstellen eines Leuchtglobus gedeutet hätte, und die aggressivste Werbung schon darin bestand, Kinderreime zu naiven Melodien zu trällern. Warum empfinde ich so? Deute ich etwas als Symptom für die Schöneneuewelt, das in Wirklichkeit keines ist? Oder lediglich als Symbol für die Schöneneuewelt, als ein Zeichen, das nur Zeichen ist, ohne kausalen Zusammenhang? In diesem Fall bestünde der Irrtum darin, Bezeichnendes mit Bezeichnetem zu verwechseln. Oder ärgert mich das wirklich? Oder was sonst ärgert mich denn dann? Das Gefühl, immer stärker werdend, des Vertriebenseins aus der Welt, inmitten der Welt? Das würde bedeuten, daß ich im System der Dinge, Wertzuteilungen, Bezüge, Verhandlungen, früher mehr zuhause war, mehr in einem vertrauten Raum als ich es jetzt bin – ist das so? Wo war ich zuhause und wie befand ich mich da, vorher? Vor was eigentlich? Vor dem ersten Mobiltelephon, vor der Rechtschreibreform? Bevor das Wort Globalisierung in aller Munde war und für jeden beliebigen selbstverschuldeten Mißstand entschuldend gebraucht werden konnte?
Eine Grenze, die sich biographisch anböte, wäre die Rückkehr aus Griechenland. Danach war vieles anders, ich möchte sagen, alles, oder das Wesentliche, das Lebensgefühl. Entweder waren da alle in meiner Abwesenheit verrückt geworden, oder ich endlich so wach, diese schon frühere Verrücktheit zu sehen – und mich fortan noch daheim fremd zu fühlen.

Traum

Ein Musiktraum.
Ich sitze auf einem Treppengeländer, das die Stufen zu einer Art Amphitheater teilt und habe Ausblick auf eine Schlucht, auf graue und rosa Sandsteinfelsen auf der anderen Seite, oben ein Buckel, durch einen Riß von der senkrecht abfallenden Klippe getrennt, und darauf wie die Krone auf einem Haupt, ein Schloß, eine Burg, eine Ruine? Dazu erklingt von seitlich, von hinten, mächtige Musik eines unsichtbaren großen Orchesters, leuchtende, glänzende, flirrende Streicher, Gebraus und Geklirr von hohem Blech, chromatische Abwärtsgänge, Wirbelwinde, das Ende eines großen Symphoniekopfsatzes, so hört es sich an, aber es klingt nicht mit einem gewaltigen Tuttiakkord aus, sondern in einer sehr einfachen, verspielten, bukolisch gefärbten, von zahlreichen Vorhalten (man fragte sich erst, ob es Ansatzprobleme waren, ein Verschlucken des Rohrs) verzierten Oboenmelodie, in der Atmosphäre ganz ähnlich, wie es Brahms in seiner zweiten Symphonie gemacht hat.
Dann sollten wir Zuhörenden ein wenig Platz schaffen, denn der Oboist, hieß es, brauche mehr Raum für das nun folgende große Solo des zweiten Satzes.
Eine Melodie, die nicht mehr erklang, denn zu meinem großen Bedauern erwachte ich in diesem Augenblick.

Greinstraße (und weiter …)

das himmelsgrau nistet in den baumkronen, vertreibt die vögel, läuft stämme, treppen, schächte hinauf, lärmt, pocht, heult, drückt sich durch die poren des glases, legt sich als finger und flossen über den tisch, wo es das papier zu klebriger hieroglyphenasche zerstäubt. silbern stellen sich die unterseiten der ahornblätter auf, verwandeln sich in finger, klauen, ohrringe, sturmlinien, zähne, deren licht aus dem inneren kommt und als flackern über wand und boden läuft. ein erloschener laternenpfahl neigt sich den ganzen morgen lang gegen den wolkenzug. man erinnert sich, leicht, wie im schwebtraum, irgendwo steht in einem hof ein bäumchen, das jetzt kahl sein müßte, ein naßdunkles, tropfenschüttelndes gerippe, wie es beglänzt von lampen sichtbar ist aus dem fenster oben, aus dem stummen raum heraus, der einmal ein zuhause war, ein raum voller licht und photographien und bücher und zärtlicher unordnungen, allenthalben. ein heller ton klingt auf, wenn der regen gegen das geländerrohr schlägt, ein müdes ostinato, wie von einem gelangweilten kind, das seine finger auf immer dieselbe taste des klaviers drückt, wieder und wieder.

Greinstraße

Milchhell zerfließende Wolken, angestrahltes Innen, ein Pfahlraum, offen für Türme und Funkmasten, und in den Bäumen wohnen wieder stille Geister, unter den Steinen klammes Geriesel. Die Raben und Elstern so schnabelschwer, daß die Lüfte sie nicht halten, und die Spatzen rufen einen Montagmorgen lang nach dem Himmel. Jedes Rad, jeder Bordstein, jede Tafel an ihrem Platz, in der Reihe, voller Voraussicht und Planung. Spiegelungen zärtlich weggedreht, emsig im Schweigen. Ein Handschuh winkt, aufgespießt auf einem Zaunpfahl, seine Finger wackeln im Pferdewind. Keine Spuren, Geleise, Bänder für Regenbögen, für Denksprünge oder Innenklarheiten.

Allerheiligen

Am Grab von Jennifer Heid, wie jedes Jahr. In Gedanken zumindest.
Diese elf Tage des Jahres, Verspätetes und Letztes, zwischen Allerheiligen und Martini, wo der Herbst sich geschlagen gibt und zurücktritt aus den Kronen der Bäume wie ein sanftmütiger Riese. Er schüttelt das greise Haupt: Ein Schritt nur ist es ins Nichts, in den Rest, ins Dunkel, das selbst die Raben verschmähen, die plötzlich, seid wann? verstummt sind auf ihren lautlosen Bahnen. Heute noch waren wir hier zu Hause, hier, inmitten der Astern, hier haben wir ins Laub geatmet, uns mit Eicheln beworfen, über den Nebel gestaunt und gelacht über unseren Atemdunst, wie Kinder, hier waren wir Freunde, Paare, Geschwister, und nun? Stehen wir allein, mit diesem Wundsein an den Fingerspitzen, das eine andere Hand uns ließ, und haben eine harte Münze unter der Zunge, seit unsrer Geburt. Und wir tun so, als wüßten wirs nicht. Nicht war? Schön wars auf der Erde. Nur daß wir nicht einmal diese Erinnerung behalten dürfen. Und über der Tonne aus kohlefaserverstärktem Kunststoff liegen die Blumen. Und über den kleinen, eingefaßten Gärtchen kreist der Kerzenschein. Als ginge es immer so weiter stellt man den Mantelkragen auf, fröstelt behaglich, riecht das eigene Leben in den Achseln, und mit diesem Gedanken ist man fort über Straße und Feld. Ein Blatt kreist in müdblauen Tonnen. Und am Horizont dröhnen die Türme. Und dröhnen und dröhnen.