Das Opfer (4)

er trank noch einen schluck wasser. behielt die eisige flüssigkeit lange im mund. schluckte und seufzte, rieb die füße gegeneinander, und sah dann die geschlossene tür. drehte sich um, blickte nach der zweiten tür auf der anderen seite des raums, und dachte einen herzschlag lang, die hütte habe sich um sein bett herum gedreht. dann kam ihm die verrücktheit dieses gedankens zu bewußtsein, und er lachte leise. trank noch einen schluck. kicherte.

mit einem ruck saß er stocksteif im bett, die eingeatmete luft in den lungen verpreßt, die hand um die wasserflasche gekrallt. das war kein traum, das nicht. jetzt war er wach. war wach und hörte, wie schritte sich näherten, wie etwas oder jemand an der anderen tür schabte, war wach und sah mit blankem entsetzen, wie der türflügel erst erbebte, dann mit leisem schnappen aufschwang; wie sich mondlicht grellweiß in den spalt drückte und dann in kaltem balken hereinfiel, war hellwach und sah, wie die tür weit aufschwang, in den zargen zum anschlag kam, ein wenig zurückschlug, erzitterte, stehen blieb. er fühlte den eiskalten hauch der einströmenden luft, wie sie über seine verschwitzte haut kroch, bemerkte das flimmern, als einige schneekristalle hereinwehten, und sah draußen, auf der ebene, den schnee weithin im mondschein glitzern. ein leiser wind raspelte darüber.

zögernd stand er auf. er trat in die tür, spähte hinaus. bläulichweiß ergoß sich der mond über die lichtung. der schnee war frisch gefallen und unberührt. die ferne säumte der zackenkamm der fichten. ohne des schmerzes weiter zu achten, schlüpfte er in hose, stiefel und mantel, packte die taschenlampe und sah nach der tür, durch die er am abend zuvor die hütte betreten hatte: da war unten eine halbkreisförmige abschabung, in der wand eine ritze, ein knauf. er rüttelte. die tür war fest verschlossen. einen augenblick stand er wie betäubt; zuckte dann die achseln und trat durch die andere tür hinaus. die eiskalte luft tat gut, vertrieb die trunkene benommenheit und kühlte sogar den schmerz. zaghaft machte er ein paar knirschende schritte in das weiß hinein. sollte er sich doch getäuscht haben? er blieb stehen und lauschte. warum klang der wind so merkwürdig, seine schritte so falsch? nase und ohr begannen zu kribbeln, die fingerspitzen ertaubten. hier war die ganze nacht, seitdem der schneefall aufgehört hatte, niemand gewesen, das stand fest, nicht einmal spuren von wild gab es, der schnee eine einzige unberührte, funkelnde fläche. vor sich hinmurmelnd lief er weiter bis zum waldrand, umrundete die hütte, fand nichts, probierte von außen die erste tür, sie ließ sich nicht öffnen; er wollte schon zurück zu wärme, decken und feuer, da sah er vor sich in der reinheit des widerscheins auf dem schnee, eine blindheit im geglitzer
etwas bleibt liegen.
und trat näher heran. zündete die taschenlampe. richtete den strahl auf den schatten vor seinen füßen. grinste und nickte.

etwas rundes, molluskenhaft gewundenes wie eine muschel oder schnecke, der obere rand emporgewölbt und leicht eingeschlagen, im umlauf flacher und unten in einem füßchen oder läppchen auslaufend, lag da vor seinen füßen, halb in den schnee eingeschmolzen, halb daraus emporstehend, als wäre es körperwarm gewesen, ehe es im schnee erstarrt war. die äußere krümmung schimmerte stumpfbläulich und war von feinen, veilchenfarbenen äderchen durchsetzt. rosa spritzerchen, wäßrig verdünnt wie das fischblut auf dem markt, das ins frischhalteeis einsickert, zeigten von dem organismus weg, als bildeten sie eine spur, die geradewegs zurück zur hütte führte.

er stand und lauschte. er sah seinen schatten im mondlicht, wie er aus den wäldern, die den altar verbargen, auf ihn zutrat, über die ebene glitt und sich mit seinem fuß verband. es war jetzt ganz still; nur die kleidung raschelte, als er in die hocke ging. in der mitte der fleischigen windungen, bekränzt von gewebefetzchen und kristallinem blut, leitete der äußere wulst im gegenlauf spiralförmig in eine öffnung, einen schlund, einen gang, der aus dem schnee und den tiefen darunter heraufzuführen schien. sein atem wölkte im lichtklegel, der darauf fiel.

er atmete in schnee und kälte hinein. grinste. ganz in der nähe kicherte jemand, oder vielleicht war es ein vogel, ein käuzchen, oder, nein. er selbst. er nickte. streckte dann zaghaft den finger aus, als wolle er die mulde im zentrum der spiralwindung berühren.

stattdessen aber löschte er die lampe und setzte sich in den schnee. dann hob er zögernd den arm, ungewiß, ob die bewegung gelänge, so, wie es manchmal im traum geschieht; und ertastete an der pochenden stelle hinter der schläfe, dort, wo der schmerz saß, zwischen haaransatz, schläfe und kiefergelenk, das klebrigwarme nichts.

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