23.4.2005, Michelstadt

Während die Buchfinken ihr Geperl aus den lichten Kronen hängen lassen, tönt unten im Dorf die Glocke. Ausgerechnet ein Pfau gibt sich die Ehre, zerspaltet die Ruhe mit seinem Schrei und zieht seine Prachtschleppe durchs Unterholz. Die Keimblätter von Buchenschößlingen stecken ihr fettes Grün durchs Vorjahreslaub, dem schütteren Licht entgegen. Überall stehen sie, die Hallen sind voll davon. Nebenan auf dem Sportflugplatz startet ein Flugzeug, dessen Gedröhn sich bald an die Ferne verliert. Ein schwaches, schläfriges Zittern bleibt in der Luft hängen. Die Sonne schmeckt nach Frühsommermittag und Erdbeerkuchen mit Sahne.

Wie sehr hätte ihm, dessen Asche wir hier der Erde, den Buchen und Eichen und Linden übergeben, wie sehr hätte ihm diese Mittagsstunde, wie sehr ihm dieser Wald gefallen. Die Buchenkeime, die feuchtgefalteten Blattaustriebe, das zwischen die hellen Stämme gewobene Licht. Die Stimme der Urenkelin, die den ersten kletterbaren Baum sofort in Besitz nimmt.

Wir stehen in Stille, einem Schweigen nach den letzten Worten, dem Spiel der traurigen Flöte, das der Wald sogleich an sich nimmt und verbirgt und eintauscht gegen die Vielfalt seiner eigenen Stimmen. Etwas raschelt im Laub. Die Sonne blinzelt.

Dicke Erdbrocken poltern auf Rosen und Urne. Wenige Spatenstiche, ein Schwung mit dem Rechen, und Laub bedeckt wieder die Stelle. Wir wenden uns ab, kneifen die Augen gegen das Licht zusammen, sehen noch einmal auf zu der Eiche, die das Grab beschattet, wischen uns die Tränen ab und machen uns auf den Heimweg. Da ist es gut, daß die Sechsjährige schon wieder lacht und herumtollt, daß sie jetzt bei uns ist, mit ihrer unbeirrbaren, so rasch zurückgewonnenen Fröhlichkeit, uns Großen ein Trost.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.