aus dem stundenbuch

Abend in Impekoven. Gras unter schräger Sonne besponnen mit silbrigschwankenden Drähten von Halm zu Halm. In Stille eingesunkenes, zerhuftes Klappern, Stimmen von fern, vertröpfelnd zagen die Vogelstimmen. Meisen, eine letzte Amsel, ein Zilpzalp, fast ists ein Zuhause, zumindest tönt die Stunde wie eine Rückkehr. Nur so allein, was aber vielleicht gar nicht so schlimm ist.

Ende März schrieb ich dies, erinnernd. Ich konstruiere mir meine neue Verfaßtheit, eine Ichbestimmung für die nächsten Monate erfinde ich mir, lege mir meine Einsamtage, meine Genügsamtage zurecht und vor mich hin. Betrachte diese neue Zeit und nehme mir vor, ohne Leid, ohne Zerquältheit zu sein. Annehmen, was kommt, ebenso wie was ausbleibt, das will ich, und keinen Mangel dabei haben.

Vierzehn Tage später

Ein Stein am Straßenrand, dicht an den Lärm der Autos gefügt, die dort wieder fahren, wo ich gerade noch der Erschöpfung in die Arme lief.

Den Kleiderbeutel zwischen den Knien, die Füße müde im Staub, beginnt in der Stirn Fieber zu lärmen. Der Vater sucht nach dem Wagen, die Autos brausen, über mir schlagen die Linden alleeweise aus. Alles rückt weit fort. Die Gesichter und Stimmen dieses Vormittags schauen mich befremdet an. Es will mir das alles lächerlich scheinen, als wäre, was ich getan habe, ein völlig sinnloses Opfer. Ich schüttele den Kopf. Keine Hand, die sich mir auf die Stirn legt. Ich weiß nicht einmal, ob diese Berührung mich jetzt stärken würde, ob sie hilfreich wäre. Doch ohne sie sein zu müssen, ist schwer zu ertragen.

Da verzieht sich mir das Gesicht wie von selbst zu stillem Weinen, als welkte die heiße Stirn. Die Häute sind dünn geworden wie nie. Wie sehr ich mir was vormache, mir ein standhaft erkämpftes Tapferglück einrede, tagein, tagaus: Das verstehe ich in diesem Augenblick, und daß 42 Kilometer ausreichen, mich aller Wehrhaftigkeit zu berauben und mir in aller Schärfe klarzumachen, wo ich bin und wie die Dinge liegen. Es ist ein Augenblick entlaubten Alleinseins, maskenloser Verlassenheit.

Aber ich weinte nicht. Ich wehrte mich. Nicht in all dem Lärm, dachte ich, alleine auf einem Stein am Straßenrand hockend, nicht zwei Minuten zwischen Sitzen und Wiederhochmüssen, nicht vor dem Vater, dem ichs nicht hätte erklären wollen oder können.