Nachruf (für K. H. geb. 6.3.1920 gest. 6.2.2005)

In einem Land, wo die Zikaden die Luft auf den Flügeln trugen und die Sonne nach Pinien schmeckte, da trug einmal ein Riese einen fünfjährigen Knaben auf seinen Schultern. Der Knabe hielt sich fest im rauhen Haar, und der Riese nahm jede Wegkehre mit wildem Schwung, daß sein kleiner Reiter vor Vergnügen johlte. Die Sonne schien, und der Großvater war so ewig wie Meer und Sand und Fels und der Duft der Bäume.

Wenn ich mich heute erinnere, nun, da ich erwachsen bin, denke ich zurück an das Vertrauen des Knaben, daß die Welt gut und ewig sei.

Was bleibt, ist dies: Einmal war ich von einem Hafenmäuerchen gestürzt und lag plötzlich auf der harten Erde, der Riese war vorangegangen, hatte nichts bemerkt, und ich schrie, ich schrie nach ihm. Da wandte er sich um, sah mich liegen und war im nächsten Augenblick voller Sorge bei mir. Er hob mich auf, tröstete mich, so gut er es verstand, und während ich in einem fort schluchzte gingen wir nach Hause. Mein ganzer Körper war voller Schrammen und alles tat weh. Da ging aber einer vor uns, der hatte beide Arme in Gips. „Schau“, sagte mein Großvater, „den hat es arg erwischt, der hat es bestimmt viel schlimmer gehabt als du.“ Gar nicht mahnend sagte er das, und nicht im geringsten streng: Er legte den Arm um mich, neigte sein Gesicht dem meinen nieder und deutete augenzwinkernd auf das fremde Leid. Damals war es mir wohl kein Trost, aber er gab mir in diesem Augenblick etwas mit, das mir oft, und ohne mich an den Vorfall zu erinnern, geholfen und mich in mancher Traurigkeit getröstet hat: Der Gedanke, wie gut man doch noch dran ist, und daß es andere viel schlimmer haben als man selbst.

Was bleibt, ist auch: Einmal schnitzte er mir ein Holzmesserchen, ein wahres Meisterstück war das, das ich Ahnungsloser irgendwann verlor. Er erklärte mir eines Abends, was das Wort Samariter bedeutet. Er baute mir ein Puppenhaus aus Pappe, das langsam unter meinen Augen seinen geschickten Händen entwuchs.

Was bleibt ist auch: Er war ein bis zur Unerträglichkeit schwieriger Mensch. Da gibt es nichts zu beschönigen oder zu verklären. Doch wie gering wiegt das in den erinnernden Händen, plötzlich. Jeder Mensch will ertragen sein. Und wie wir alle wollte er Liebe geben und Liebe empfangen. Wir können nur hoffen, daß er sie fand und zu geben verstand, und daß es gut für ihn war.

Ich will mich entscheiden, wie ich ihn vor allem und zuallererst in Erinnerung behalten will. Und ich entscheide mich: Für seine immense Großherzigkeit. Für seinen Gerechtigkeitssinn. Für seine grenzenlose Hilfsbereitschaft. Für seinen unbeugsamen Stolz. Für seine Kompromißlosigkeit. Für seinen Charme. Für seine völlig verrückten und in ihrer Unvernunft so vernünftigen Träume von einer besseren Welt.

An einem Balkonfenster sah ich ihn stehen, seine hochaufgetürmte Silhouette, riesig, schweigend, fern und ganz und gar unnahbar. Einsam, denke ich, muß er oft gewesen sein, einsam mit seinen Erinnerungen, die er mit niemandem teilen konnte; einsam selbst unter den Augen des Enkels, der ihn aus dem Bett heraus beobachtete, wie er gegen den Abendschein gelehnt stand und rauchte.

Einmal hob er auf einer gemeinsamen Bahnfahrt einen Zipfel des schweren Tuchs, das das Grauenhafte in seinen Erinnerungen bedeckte. Einmal und noch einmal. Es war nur ein Zipfel. Doch mir reichte es. Er wußte, als er mir den Vergipsten zeigte, wie schlimm es kommen kann, denn er hatte es mit ansehen und am eigenen Leibe erfahren müssen. Und so kann ich nur staunen über den Lebensmut, der manchmal so voll ihm aus dem Herzen quoll; über den Mut, der nötig war, das tonnenschwere Gewicht eines fünfjährigen auf den Schultern zu tragen.

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