10. An O.

Liebe Freundin,

Da ich mich bekanntlich für das Maß aller Dinge halte, sind Schokolade und Mozart (bzw. seine Musik) nur deswegen gut, weil ich selbst sie für gut halte. Umgekehrt ist es nicht wichtig, dabeizusein, weil ich es nicht für wichtig halte. So einfach ist das. Daß andere nicht mich sondern sich selbst für das Maß aller Dinge halten, ist nicht mein Problem.
Zum Maß aller Dinge: Ich schrieb doch, wenn die anderen nicht mich sondern sich selbst für das Maß aller Dinge halten, dann ist das nicht mein Problem. Will heißen, es interessiert mich einen Scheiß, ob anderen ihr Automobil oder ihr Tote-Hosen-Konzert oder ihr Mobiltelephon am Herz liegt, und werde immer so handeln (und entsprechend verständnislos reagieren), als könne ihnen das Automobil oder das Tote-Hosen-Konzert oder das Mobiltelephon gar nicht am Herzen liegen. Und ich muß sagen, ich kenne wenige Menschen, die die Toleranz aufbringen, den Wichtigkeiten anderer nachfühlend zu begegnen, wenn es nicht ihre eigenen Wichtigkeiten (sondern sogar ihre Widrigkeiten) sind.
Übrigens war ich nicht dabei. Weder beim Fall der Mauer, noch bei jenem vielbeschworenen Anschlag. Manchmal ist man auch froh drum, nicht so sehr, weil man mit heiler Haut davongekommen ist, sondern weil einem schon nach allerkürzester Zeit die Bedeutungszumessungen, die von allen ausnahmslos an ein Ereignis herangetragen werden, auf den Nerv gehen. Ich kann so etwas schon nach wenigen Tagen nicht mehr hören. Und im Falle der USA ärgert mich schon jede noch so kleine Zurkenntnisnahme, die man jenen Verrückten zukommen läßt. Die Bedeutung eines Kolosses wie es die USA geworden sind liegt meines Erachtens immer noch darin, daß die übrige Welt an diese Bedeutung glaubt.

Mißgestimmt,

Dein T. Th.

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