6. Aphroditeopfer

„Aphrodite ein Opfer darbringen“ – auf einem hohen silbernen Altare
inmitten des schwärzlichen Staubs der Straßen, zitternd wogend wabernd von
nichtsahnendem Lärm
ein Opfer, sei sie gnädig, nach deren Frucht und Gabe wir dursten alle Tage, und lange schon
brennt uns das Haupt, die Glieder sind stumm, der Atem geht uns müde aus dem Körper
kein Himmel mag sich mehr
in unseren Augen spiegeln.
Ach! Kämest du, kämst du herab, oder entstiegest du doch noch einmal
noch einmal!
der See, und rührtest uns
unseren traurigen, dem Vergessen anheimgefallenen
Scheitel!
Aber wo willst du uns finden, wenn die Opfer stumpf werden unter den
harten Felsen so großer Schönheit – nennen wir’s so –
unter den Schreien des Entzückens, unter dem Stöhnen der
jubelnden Verzweiflung, der Verzweiflung die
aus den leeren Händen der Tänzer bricht, der Verzweiflung der
Ruhlosverzückten der Suchendbegeisterten, unter dem Angstblick der Verzweiflung
des Morgens und der vollen Aktenkoffer und
sanktionierten Träume – gehet hin in Frieden, ich laß euch diesen
Traum und diesen noch, wenn ihr brav seid –
Und wo willst du uns begegnen, wenn unser Blick vor Pflasterscheinen blind ist
und wie Spiegel das Licht unserer Augen, denen wir
begegnen und sonst niemandem?
Wo?
Könnten wir dich bemerken, wenn du unser Opfer erhörtest?
Sähen wir dich denn?
Wollen wir’s, oder haben
wir genug damit, daß wir die See bändigten, deren Gefahren uns
nicht mehr am Leben erhalten, lange nicht mehr,
genug auch damit, daß wir den Mondschein aus unseren Fenstern verbannt haben
daß er uns nicht länger beirre, anrenne, verfluche, beschwöre, uns
riefe, hinaus hinaus hinaus zu ihm
uns in lebendige, wirkliche, zerstörerische, gleißende, Jubelnde
Verwirrung zu stürzen, zu senken, zu taufen? Zufrieden?
Ja wir sinds, wir Zufriedenen, Glücklosglücklichen
Heiligen ohne Seele, Seeligen ohne Heil, Traurigen ohne Schmerz
Singenden ohne Musik Stimme Klang, wir sind – ein Schatten, den einst
wir uns erdachten, pflegeleicht.
Ja, wo erscheinest du? Nicht in der See, von der uns abwendeten
(denn sie vermag uns nicht mehr zu töten),
Nicht in der mondübergossenen Heide, unter dem betörenden Wacholder nicht,
und nicht unter der Last des Mittags, nicht würdest du
mehr angelockt vom Hauch der Sonne auf unserer Haut
geruchlos sind wir und sauber, kein Odem mehr stiege von unseren
begehrenden Körpern auf zum Himmel, da die Götter wohnen und du
unter ihnen
und nicht störtest du unseren Schlaf,
den wir ohne Träume schlafen, sicher und
verschlossen hinter den Fensterläden.
Nein wir
können dir noch manches Opfer bringen, und die Altäre
mögen silberner noch werden
und der Himmel nicht hoch genug ihrem Glanz
Du erhörst uns nicht mehr
nicht
hier und nicht
in den Tagen des Übermüdetseins
nicht in den Tagen
des verbotenen Irrseins
nicht in den Tagen
des angepflanzten Schmerzes, der in erträglichen Dosen
verabreicht wird, nicht in den Tagen
der Erforschung unserer Herzen
nicht heute
nein
heute nicht.

5. Sommer zu Hause

Es regnet. Dunkle Flecken wachsen, unmerklich, wie die Reue über eine verlorene Liebe, auf dem Sonnenweiß der gegenüberliegenden Hauswand. Geister, graubeflaggt und faserig, jagen sich am Himmel. Pfützen im Hof, zitternd und brünstig wachsend unter den lasziven Tropfen. Man bleibt draußen, fremd im eigenen Hause, die Kerzenflamme will spotten, daß man immer noch hier ist. Musik mag einem in den Sinn kommen, aber da war ja einmal eine falsche Melancholie, eine Traurigkeit, die man sich in dieser Süße nicht mehr leisten kann, nein, nicht mehr leisten kann.

Wer wohl gegenüber wohnt? Das Fenster ist immer dunkel. Durch das geeiste Glas kann man Flaschen erkennen, Wein, vielleicht auch nur Haushaltsartikel, Scheuermilch, Allzweckreiniger, biologisch abbaubar, was weiß ich, Dinge jedenfalls, die einen zur Verzweiflung bringen könnten, zu einer Verzweiflung an der Welt und ihrer irrsinnigen Logik und Vernünftigheit.

Wer da wohl wohnt?

Als wäre schon das zuviel, ersterben die Tropfen, als habe es ein Regisseur so angeordnet. Die Welt ist Modell, keine Gerüche, nicht die Spur eines tröstlichen, modrigen, schimmeligen Sterbens, die einem den eigenen Tod erträglich erscheinen ließe – die Kinder johlen, todesunberührt, in unverbleichbaren grellen lächerlichen Lustigfarben über die saubere, gänzlich unfruchtbare und duftlose Straße –